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Das größte aller Probleme

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
Walter Hämmerle.
© Luiza Puiu

Mit Superlativen wird seit der Erfindung der Marktwirtschaft überall um Kunden geworben. Also auch in der Politik. Für ein Land, in dem nicht nur die Metropole stolz den Titel "lebenswerteste Stadt" trägt, sondern auch viele Bürger überzeugt sind, dass sie in der besten aller Gegenden leben, verwundert das nicht. Klappern gehört nun einmal für alle Verkäufer zum Handwerk.

Ob Superlative tatsächlich dazu taugen, politische Energie bei den Bürgern freizusetzen, ist ohnehin eine andere Frage. Wohl allenfalls als Ausnahme, aber keineswegs als Regel. Doch genau darum geht es: Themen und Anliegen mit politischer Energie aufzuladen. Je mehr, desto besser.

Zu diesem Zweck bezeichnen nun seit einiger Zeit manche Politiker den Klimawandel und die damit verbundenen Folgen als "die größte Gefahr" respektive "die größte Herausforderung" für die Menschheit. Jüngst wieder so gehört und gesehen am Donnerstag bei der Sondersitzung des Nationalrats zur Klimapolitik der Bundesregierung.

Das provoziert zwei Fragen: Erstens, stimmt die Behauptung? Und zweitens, hilft sie dabei, die Herausforderung zu bewältigen?

Anders als bei den meisten anderen Politikthemen handelt es sich beim Kampf gegen den Klimawandel nicht um eine Abwägung zwischen einander widersprechenden Werten, sondern um die Abwendung eines nach den messbaren Gesetzen der Naturwissenschaft ablaufenden Katastrophenszenarios. Vergleichen lässt sich die Dimension des Problems allenfalls mit der Herausforderung, einen flächendeckenden Nuklearkrieg zu verhindern.

Bei einem Scheitern würden da wie dort maßgebliche Teile des menschlichen Lebensraums unbewohnbar. Mit entsprechenden Folgen für die herrschende Gesellschaftsordnung. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Der Klimawandel ist eine schleichende, evolutionäre Entwicklung, die sich über Jahrzehnte und Generationen hinzieht, während ein Nuklearkrieg plötzlich und unmittelbar über uns hereinbrechen würde.

Es ist dieser Unterschied in der Unmittelbarkeit und Wahrnehmung der Folgen, der es so schwierig macht, das Thema Klimapolitik nicht nur mit politischer Dringlichkeit, sondern auch exekutiver Wucht auszustatten. Da hilft auch ein negativer Superlativ nicht weiter. Schließlich platzt immer irgendein anderes Thema dazwischen, das politische Energien und Aufmerksamkeit absorbiert. An Problemen und Gegnern, die es zu beheben und bekämpfen gibt, herrscht zu keiner Zeit ein Mangel, egal ob Armut, Populisten, illegale Migration oder Hass im Netz. Offensichtlich sind die Multitasking-Fähigkeiten unserer Gesellschaft noch ausbaubar.