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Das größte Raubtier der Welt

Von Eva Stanzl

Wissen
Die Argentinische Ameise kontrolliert die Futterquellen - und erhält sich so ihre Macht.
© corbis

Superkolonien erhalten Macht - verheerende Auswirkungen auf Ökologie.


Marseille/Wien. Um zu verstehen, was sich in den Wäldern an der französischen Mittelmeerküste abspielt, muss man sich vorstellen, man wäre so klein wie ein Stecknadelkopf. Hier auf dem Boden, wo Blätter so groß sind wie Tennisplätze und Blumen so hoch wie Bäume, herrscht ein ständiger Kampf um Nahrung und Platz. Jede Ameisenart spielt eine wichtige Rolle im komplexen System der Natur: Sie verbreiten die Samen von Pflanzen, begraben Millionen von Insektenleichen, jagen tausende Sprungschwänze und graben mehr Erdreich um als alle Regenwürmer zusammen.

Doch das jahrmillionenalte System gerät aus dem Gleichgewicht. Winzige, eingewanderte argentinische Ameisen haben entlang der Mittelmeerküste von Norditalien bis nach Portugal eine rund 6000 Kilometer lange Kolonie gegründet und übernehmen den Laden.

Keine angepassten Feinde

Seit Ameisenforscher den Superstaat im Jahr 2002 entdeckt haben, suchen sie nach den Gründen für seinen Erfolg. Die Argentinische Ameise ist bloß zwei Millimeter groß und damit viel kleiner als ihre europäischen Artgenossen. Doch nicht ihre Größe macht sie gefährlich, sondern die Tatsache, dass sie in Massen auftritt. Im Unterschied zu lokalen Arten sind die Aber-Milliarden in Europa lebenden Argentinischen Ameisen alle miteinander verwandt. Sie leben nicht in kleinen Kolonien, die sich gegenseitig bekämpfen, sondern in einer Superkolonie, die innerhalb kürzester Zeit alle anderen Arten verdrängt. Und zwar ohne Mord, Totschlag oder Krieg. "Vielmehr haben die Argentinischen Ameisen einen Konkurrenzvorteil, aufgrund dessen andere schlechter an Nahrung herankommen", sagt Birgit Schlick-Steiner, Professorin für Molekulare Ökologie an der Universität Innsbruck. Die Futterquellen werden von den Argentinischen Ameisen kontrolliert, und das ist wichtig für den Erhalt der Vormacht. Die Superkolonie kann somit als das größte Raubtier der Welt bezeichnet werden.

Normalerweise bekämpfen Ameisenkolonien sich gegenseitig. Um zu verhindern, dass ihre Investitionen in den Fortbestand und Nachwuchs fremden Gemeinschaften zum Opfer fallen, nehmen sie in Kauf, Arbeiterinnen im Kampf zu verlieren. Wissenschafter gehen davon aus, dass auch die Argentinische Ameise in ihrer Heimat in einander bekämpfenden Kolonien mit jeweils einer Königin lebt: Stirbt die Königin, stirbt der Staat. Eingeschleppt nach Europa, bildeten sie jedoch Superkolonien aus mehreren Nestern, in denen sich je 15 bis 20 Königinnen die Gemächer teilen. Mehr Königinnen produzieren mehr Nachkommen. Wenn eine stirbt, überlebt der Staat.

Zu verdanken haben sie das dem "Gründereffekt": Meist werden nur wenige Individuen importiert und somit nur wenig genetische Vielfalt. Das betrifft auch Gene zur Produktion von kutikularen Kohlenwasserstoffen: Anhand dieser chemischen Signatur erkennen Ameisen Mitglieder ihrer eigenen Kolonie und können sie von anderen Kolonien unterscheiden. Da sich aber aus anfänglich nur wenigen Individuen eine ganze Population bildet, besitzt das gesamte Volk ähnliche Anlagen für die Erkennung von Koloniemitgliedern, womit sie untereinander nicht mehr aggressiv sind. So sparen sie Energie.

Auch in Österreich möglich

"Aggression bindet Ressourcen, die die Argentinischen Ameisen zur Verfügung haben, um andere Arten zu auszubooten", erklärt Schlick-Steiner. Sie gründen neue Nester, erobern Futterquellen und verdrängen Konkurrenten. Zudem hätten die Einwanderer keine an sie angepassten Feinde: Die säßen daheim in Argentinien, und die europäischen Ameisen seien nicht gegen sie gerüstet und ihnen somit nicht gewachsen.

"Die kompetitive Verdrängung heimischer durch invasive Ameisen ist die dramatischste Entwicklung bei Ameisenpopulationen jemals", berichten Forscher um David Holway von der University of California in San Diego: "In befallenen Gebieten sind lokale Populationen um bis zu 90 Prozent dezimiert." Die Auswirkungen sind noch nicht abzuschätzen.

"Invasive Arten sind eine relativ junge Entwicklung, die durch den weltweiten Gütertransport zustande kam", sagt Schlick-Steiner: "Die meisten in Lastern und Bahntransporten verschleppten Arten überleben nicht. Doch da der Güterverkehr immer dichter wird, etabliert sich irgendwann irgendwo immer wieder eine Art."

Die Argentinische Ameise könnte sich auch in Österreich breitmachen. Infolge des Klimawandels überqueren immer mehr südliche Arten die Alpen. "Sie ist hierzulande zwar noch nicht nachgewiesen, aber natürlich könnte sie auch nach Österreich kommen", warnt Schlick-Steiner. Ganz ähnlich wie "Lasius Negelctus", eine andere invasive Ameisenart, die ebenfalls in Superkolonien lebt und von der es in Deutschland, Ungarn und der Altstadt von Budapest nur so wimmelt. Um Österreich hat diese Ameise bisher einen Bogen gemacht. Wie es scheint, haben invasive Arten einen Vorteil in menschlich geprägten Lebensräumen und meiden die Alpen.

"Lasius Negelctus", von der man annimmt, dass sie aus Kleinasien stammt, gibt einen Vorgeschmack auf die Auswirkungen einer Dezimierung der Artenvielfalt in der Ameisenwelt. Die Invasoren ernähren sich vom süßen Kot der Blattläuse, die ihrerseits nicht verkleben. So gut gepflegt, vermehren sie sich schneller. Wodurch ganze Bäume absterben.