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Das Herz der Wirtschaft getroffen

Von Susanne Güsten

Politik

Istanbul · Nicht nur für die Menschen im Nordwesten der Türkei ist das Erdbeben vom Dienstag eine Katastrophe · auch die türkische Volkswirtschaft wird die Auswirkungen des Unglücks zu | spüren bekommen. "Das Herz unserer Wirtschaft ist getroffen", berichtete die Zeitung "Hürriyet". In den sechs von den Erdstößen am schwersten betroffenen Landkreisen der Türkei | konzentrieren sich nach offiziellen Angaben 35 Prozent der Wirtschaftskraft des Landes.


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Mehr als 45 Prozent der Industrieunternehmen drängen sich in der Gegend östlich der Millionenstadt Istanbul, der wirtschaftlichen Metropole des Landes. Doch das Erdbeben traf die Türkei nicht nur

in einem volkswirtschaftlich wichtigen Gebiet, sondern auch zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt: Nach einer Talfahrt in den vergangenen Monaten hoffte die Wirtschaft nämlich auf eine Wiederbelebung

im Herbst. Daraus wird nun möglicherweise nichts werden.

Der augenfälligste Schaden des Bebens für die Wirtschaft offenbart sich in der Industriestadt Izmit an der Ostküste des Marmara-Meers: Dort brannte seit Dienstag früh die staatliche Raffinerie

Tüpras, die größte und wichtigste Veredelungsanlage für Treibstoff im ganzen Land. Trotz des Einsatzes von Löschflugzeugen, die normalerweise zur Bekämpfung von Waldbränden eingesetzt werden, konnte

das Feuer lange nicht unter Kontrolle gebracht werden.

Doch die brennende Raffinerie ist bei weitem nicht das einzige Problem, selbst wenn andere Schäden nicht so dramatisch ins Auge springen. So wurde auch die größte Waggon- und Palettenfabrik des

Landes beschädigt. Bei der Reifenfirma Pirelli in Izmir kam ein Arbeiter bei dem Beben ums Leben, 20 weitere wurden verletzt. In den Fabriken in der Region ruhte am Tag des Erdbebens die Produktion.

Einige hatten Glück: Die Werke von Sabanci, einer der größten Industrie-Holdings in der Türkei, waren am Tag des Erdbebens ohnehin wegen Betriebsferien geschlossen.

Wenn auch nicht jeder Schaden an jeder Fabrik direkte Auswirkungen auf die Wirtschaftslage haben dürfte, wird angesichts der Konzentration von Branchen und Unternehmen in der Region deutlich, dass

die Wirtschaft auf jeden Fall einen Rückschlag erleiden wird. Große Autofirmen wie Renault, Ford und die türkische Marke Tofas, Fabriken für Elektrogeräte, Metall- und Reifenunternehmen sowie

Zementfabriken haben ihren Sitz in der Erdbebenzone. Auch Anlagen deutscher Firmen wie Siemens sind am Marmara-Meer zu finden.

Einige dieser Unternehmen rechnen mit Produktionsausfällen. Andere werden in den kommenden Monaten anstehende Investitionen zurückstellen und statt dessen die Schäden reparieren. Nach

Zeitungsberichten liegt das Volumen der angerichteten Schäden mindestens im Bereich von mehreren Millionen Dollar. Einige Experten schätzen sogar, dass das Ausmaß der Erdbebenschäden das des Kosovo-

Krieges erreichen könnte.

Zurückhaltung bei den Investitionen ist jedoch das Letzte, was die türkische Wirtschaft derzeit braucht. Nach jahrelangen Wachstumsraten von mehr als sieben Prozent im Jahr wird 1999 lediglich mit

1,4 Prozent Wachstum gerechnet, wobei es im kommenden Jahr wieder stärker bergauf gehen soll. Allgemein wurde bisher von einer Erholung im Herbst ausgegangen, auch weil die Regierung lange erwartete

Neuerungen wie eine Bankenreform und die Stärkung des Instruments der internationalen Streitschlichtung bei Ausschreibungen im Parlament durchgesetzt hat.

Angesichts dieser Lage bietet nur die Tourismus-Industrie Trost, die sich nach einer Krise in den vergangenen Monaten gerade wieder auf dem Weg nach oben befindet: Nach bisher vorliegenden Berichten

wurden keine ausländischen Urlauber bei dem Beben verletzt und auch keine Urlauberhotels beschädigt.