Zum Hauptinhalt springen

Das Hier und Jetzt ist ein Stück Ewigkeit

Von Eva Stanzl

Wissen

Das Jahr ist um, und mit dem Älterwerden ist es wohl sehr individuell. Um sich weiterhin jung zu fühlen, hilft eine Portion Stoizismus.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 7 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Als Kind ist Silvester ein Traum: Bis Mitternacht aufzubleiben ist ein Muss, egal, was die Eltern erlauben. Teenager, die ihn immer noch zu Hause verbringen, ist er dagegen peinlich. Einige Jahre später, wenn es gilt, den tollstmöglichen Silvester zu feiern, wächst er zur Aufgabe heran: Stundenlang für spektakuläre Feuerwerk-Panoramen auf Wienerwald-Bergen frieren, oder in Dachwohnungen viel zu viel Alkohol trinken, um mit den coolsten Leuten Party machen zu können.

Ein paar Jahre danach wird das Jahresultimo dann romantisch, bevor es zurückkehrt in den Familienkreis - und die Kinder toben bis Mitternacht. Und irgend wann wird der Silvester anscheinend egal. "Weißt Du, ich bin einfach daheim, mache mir eine Flasche Sekt auf und schaue mir Filme an", sagt Wahltante Ursi, die heuer ihren 87. Geburtstag feierte. Dazwischen, meint sie, liegt das Älterwerden, das mit jedem Jahr vorrückt.

"Das Jahr ist wieder wie im Flug vergangen, was haben wir nur gemacht?", sagen gefühlt alle ab etwa Mitte 30. Tatsächlich haben Menschen den Eindruck, dass die Zeit schneller vergeht, je älter sie werden. Ein Grund könnte die Relation sein. Wissenschafter nennen ein durchaus naheliegendes Rechenbeispiel: Für ein fünfjähriges Kind erscheint ein Jahr lang, weil es ein stolzes Fünftel seines gesamten Lebens ausmacht. Für eine 87-Jährige erscheint es hingegen kurz, weil sie in dieser Zeit nur ein Siebenundachtzigstel ihres Erfahrungsschatzes gemacht hat, mit dem sie diesen Bruchteil vergleichen kann.

Altern ist ein fairer Prozess

"Mit zunehmendem Alter verändert sich die Art und Weise, wie wir die Gegenwart erleben", konstatiert die Psychologin Corinna Loeckenhoff: "Normalerweise erfährt man von Jahr zu Jahr weniger Neues, gewinnt Routine." Das lässt freier agieren und gibt Zeit für Reflexion. "Der Preis ist, dass wir die Gegenwart weniger aktiv wahrnehmen. Wir lenken die Aufmerksamkeit nach innen, verändern uns langsamer, entwickeln weniger neue und faszinierende Selbstvorstellungen, bleiben konstant." Und während der eigene Körper behäbiger wird, wachsen Babys wie es scheint rasend schnell von Kindern zu Jugendlichen und zu Erwachsenen heran.

An sich dürfte uns das Älterwerden kein Problem machen, denn es ist der natürlichste Prozess und das Ablaufdatum die Grundbedingung des Lebens. Außerdem ist es nur fair, denn alle Menschen altern mit jedem Jahr. Und dennoch kommt irgend wann der Punkt, an dem es schwerfällt, die Fairness auch als gerecht zu empfinden. Das beginnt mit Äußerlichkeiten - etwa dem Griff zur Pinzette, die den ersten grauen Haaren den Zupf-Krieg erklären soll. Oder mit einem Schwimmreifen, der es sich um den Bauch so gemütlich macht, dass selbst hartnäckiges Training sich die Zähne ausbeißt. Oder mit den ersten Anzeichen des Wechsels, der den Körper in Zustände jenseits von Gut und Böse schickt. Irgendwann drängt sich die Erkenntnis auf, "nicht mehr jung" zu sein.

So bedauerlich lebenslustigen Menschen diese Tatsache im ersten Moment erscheinen mag, so genussvoll und interessant kann das Älterwerden durchaus auch sein. Zum Vergleich: Wer jung ist, kann alle Träume träumen, jede Entscheidung treffen, überall hingehen und je nach Möglichkeit alles ausprobieren, was sich anbietet und offensteht. Genug Zeit liegt vor einem, um Entscheidungen abzuändern, Fehler gutzumachen, neu anzufangen und etwas aufzubauen. Irgend wann aber ändert es sich: So manches hat nicht geklappt, anderes schon - es ist, wie es ist. Nicht mehr alles ist möglich, es ist nicht mehr ewig Zeit - aber was da ist, ist oft recht solide. Und wenn’s gut läuft, beginnt ein gezielterer Weg durch das Leben. Entscheidungen werden konkreter und besser begründet getroffen. Ein stärkeres Gefühl von Eigenverantwortung breitet sich aus sowie die Gewissheit, dass man für seinen Charakter nicht mehr den Eltern die Schuld geben kann.

Damit einher geht die Erkenntnis, nicht für alles verantwortlich zu sein. Unzählige Geschehnisse stehen nicht unter dem eigenen Einfluss, sogar der Lauf des eigenen Lebens liegt nicht nur im eigenen Geschick. Diese Erkenntnis entlastet, denn sie gibt den Weg frei für all jene Dinge, die tatsächlich gestaltbar sind. Und dann wird ganz Neues möglich, diesmal ohne verträumten Blick durch die rosarote Brille einer Zukunft der Wunschvorstellungen. Nicht mehr alles ist möglich - aber was möglich ist, ist gewollt.

"Tage voller Überraschungen"

"Mit dem Älterwerden ist es wohl sehr individuell. Bei mir ist es etwas, das ich subjektiv nicht empfinde. Es sind die Tage, Wochen, Monate voller Überraschungen. Plötzlich stellst du fest, dass dich ein Marmeladenglas, das du immer locker aufschrauben konntest, wirklich fordert", sagt der 75-jährige Werner. "Dann hast du Probleme, beim Baumarkt einen 40-Kilo-Zementsack in den Wagen zu laden. Die Hüfte tut weh und das Gehen macht keinen Spaß." Er sieht auch witzige Anachronismen: "Du hörst etwas schlechter, bist aber schrecklich lärmempfindlich. Du testest andauernd dein Gedächtnis: Lässt es nach?"

"Ich möchte so gepflegt wie möglich altern. Aber was ich bereits spüre, ist, dass der Körper nicht mehr dieselbe Kraft hat wie früher und sich die Proportionen verändern", merkt die 43-jährige Helga an. Und: "Auch Verletzungen heilen langsamer - alles dauert länger, aber man hat immer weniger Zeit." Vielleicht ist auch das ein Grund, warum die Zeit mit dem Alter schneller zu vergehen scheint: Wir brauchen länger.

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Lebenserwartung in den meisten Ländern gestiegen. Wer um 1900 in Europa geboren wurde, wurde im Durchschnitt 45 Jahre alt. Im Jahr 2000 geborene Kinder werden hingegen durchschnittlich 75 Jahre erreichen. Die zusätzlichen 30 Jahre führen Experten auf den medizinischen und technologischen Fortschritt zurück. Über das maximale Alter streitet die Wissenschaft jedoch. Etwa berichteten japanische Forscher erst vor wenigen Wochen, 125 Jahre seien die Obergrenze. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand älter würde, liege bei 1 zu 10.000. "Es gibt kein Programm in der Evolution, das die Lebenserwartung vorgeben würde. Rein genetisch hat das Leben kein Limit", sagt dagegen Helena Schmidt, Professorin für Altersforschung der Medizinuniversität Graz.

Alle wollen länger leben, aber keiner will alt sein. Der Wunsch nach ewiger Jugend beruht nicht nur auf Idealen und Wunschvorstellungen, sondern hat auch sehr reale Ursachen. Denn obwohl es immer mehr ältere Menschen gibt, kommen bereits 45-Jährige nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt unter. Und ab einem Alter von 50 waren in Österreich allein im November 100.000 Menschen arbeitslos. Die Generation 50 Plus nimmt immer öfter Jobs als Leiharbeiter an - zu geringen Löhnen.

Besonders alleinstehende Frauen verweisen auf ernüchternde Perspektiven. "In manchen westlichen Gesellschaften ist Jugend nicht natürlich, sondern ein Wert. Als Frau verliert man ab einem gewissen Alter gesellschaftlichen Stellenwert und wird nicht mehr wahrgenommen, oder überhaupt ignoriert. Man muss sich jünger machen auf Dating-Plattformen, um nicht automatisch herausgefiltert zu werden, oder seinen ‚Marktwert‘ mit Gesichtsoperationen und Botox-Spritzen erhöhen", berichtet die 52-jährige Maria.

Von Chancen und Salzsäulen

Der Kampf für einen höheren Stellenwert von Menschen ab 50 würde sich jedenfalls lohnen, zumal sich mit Jüngeren zu vergleichen so fruchtlos ist wie sich mit anderen zu messen. Wer bedauert, dass er mit 35 noch keinen "Don Giovanni" geschrieben hat, kann sich schwer darüber freuen, dass es jenen von Mozart gibt. Ähnlich ist es mit dem Älterwerden: Wer verpasste Chancen hartnäckig bedauert, erstarrt in der Vergangenheit wie Lots Frau zur Salzsäule. Und wer die Zukunft akribisch plant, um keine Fehler zu wiederholen, könnte geschockt sein, wenn es anders kommt.

Um sich möglichst lange jung zu fühlen, hilft vermutlich eine Portion Stoizismus. Alle eigenen Entscheidungen müssen so fallen, wie sie fallen. Alle nicht ergriffenen Chancen machen anderen Platz. Die Vergangenheit ist nicht zu bedauern, denn sie lässt sich nicht ändern - in ihr zu erstarren, ist für jeden die größtmögliche Katastrophe. Auf der anderen Seite ist die Zukunft zwar planbar, aber nicht steuerbar. Und somit findet das hauptsächliche Leben in der Gegenwart statt.

Wer sich also über das Älterwerden aufregt, regt sich über die Zukunft auf, obwohl er nicht weiß, wie lange er leben wird. Wer aber im Hier und Jetzt lebt, lebt ein Stück Ewigkeit, denn Ewigkeit ist das Wegfallen von Zeit. Nur der Körper altert, und diesem Problem müssen wir uns stellen. Wer sich dabei auf die Gegenwart konzentriert, dem ist sein Ablaufdatum zwar so klar wie die Tatsache, dass die Sonne am Morgen aufgeht, aber er lebt in seiner eigenen Zeit. An irgend einem Tag werden wir sterben. Aber an allen anderen Tagen nicht. In diesem Sinn: einen guten Rutsch ins Neue!