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Das Ich und meine Biomasse

Von Pete Sahat

Wissen

"Die Dicken als Bedrohung?".| Am Wochenende lese ich gerne Zeitung, doch vielleicht wäre es besser ich verzichte auf Medien.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Werden die Dicken zur ökologischen Bedrohung für die Welt?", so ein Artikel in der aktuellen Ausgabe der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". Ich gebe zu, ich lese gerne und viel. Derzeit auch sehr viele Artikel und Bücher über Körperlichkeit, Dicksein und Selbstwertgefühl. Daher lag es in der Natur der Dinge auch diesen Artikel mit  großem Interesse zu lesen. Ich hätte es nicht tun sollen. Hätte ich stattdessen doch etwas gegessen.

"Wenn wir nichts gegen die Fetten ausrichten, sind unsere Aussichten mager", wird ein Forscher zitiert. Es überkam mich eine Art bulimische Fressattacke. Ich wollte den Artikel vollkotzen und dann gleich Unmengen essen.

Eine Replik an Herrn Bahnsen
Ich mache dem Zeit-Autor, Herrn Ulrich Bahnsen, nun eine Freude. Ich schreibe auf seinen Artikel eine Replik. Ich denke, dass wollte Herr Bahnsen auch, sonst würde sein Artikel nicht dermaßen untergriffig und wenig reflektiert gegen adipöse Menschen sein. Wahrscheinlich will er ein paar Leserbriefe haben, Zugriffe generieren und in der nächsten Redaktionssitzung der Zeit dann sagen, dass es dringend an der Zeit wäre, eine Beilage zum Thema Dicksein zu schreiben. Liebe Zeit, hoffentlich passiert das dann auch, und die Artikel werden besser, tiefgehender und vor allem intelligenter. Aber wenn ein Thema über Dicksein dann bitte auch (ehemalige) Fettleibige mitschreiben lassen, nicht durchgestylte, braungebrannte PraktikantInnen.

Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, die den Artikel vielleicht kennen oder auch nicht, leider war keine Online-Version zu finden, aber ich bemühe mich um eine kleine Einführung. Der Artikel "Biomasse Mensch" zitiert eine britische Studie aus dem Jahr 2005. Die Forscher erhoben, dass "die Dicken weltweit 18,5, Millionen Tonnen überflüssigen Speck (zum Normalgewicht) auf die Waage" bringen. "Das ist ein ökologisches Desaster", die "Übergewichtigen torpedieren zentrale politische Ziele: globale Versorgung mit Lebensmitteln, nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Ja, selbst der Klimaschutz droht an den Moppeln dieser Welt zu scheitern". Danke. Danke, lieber Herr Bahnsen für diese klaren eindeutigen Worte. Es war dringend an der Zeit, dass ein echter aufrechter, kluger, denkender Journalist wie Sie zweifelsohne einer sind, diese Worte zu Papier bringt. Ironie - Ende. Sollte es ein ironischer Kommentar gewesen sein, so hätte er vielleicht auch als solcher gekennzeichnet sein müssen.

Science Fiction mit Biomasse
Ich sehe eine Zukunft vor mir, in der die Dicken in einer Fabrik vorne gemästet werden, um am anderen Ende dann ihre der erhöhten Biomasse geschuldeten Gärgase für die gesamte Menschheit nutzbringend abzuwerfen. Somit könnte das derzeitige System miunter weitergeführt werden und die Gemeinschaft hätte etwas vom Dicksein. Philip K. Dick lässt grüßen. Aber nun weiter im Text.


Wissenschaft versus Menschlichkeit
Aber es geht noch weiter: "Die Dicken benötigen mehr Energie, um ihren Körper zu bewegen. Es kommt noch schlimmer: Ihr größerer Stoffwechsel erzeugt mehr Abfallprodukte - Dicke sind Klimasünder, sie atmen mehr CO2 aus." Ich habe den Artikel mehrmals gelesen. Ich habe tief aus- und eingeatmet, mir die Worte auf der Zunge zergehen lassen und begonnen mich schlecht zu fühlen. Ich dickes, fettes Moppelchen, ich Zerstörer der Welt, meine Stoffwechselprodukte, die wahrscheinlich jenen von drei Normalgewichtigen entsprechen - ich weiß es leider nicht wirklich, aber es scheint vielleicht so zu sein, bin schuld an der globalen Katastrophe.

So saß ich also da. Von Schuldgefühlen und Selbsthass zerfressen. Und wollte - essen. Meinen Frust und Kummer hinunterschlingen. Ich fragte mich, ob diese Zeilen vielleicht gar nicht so böse gemeint seien. Ob mein Selbstwertgefühlmangel hier zu einer Fehlinterpretation der Tatsachen führte. Oder aber, ist das die Wahrheit? Sind wir Dicken die wahren Schuldigen für den drohenden Weltuntergang? Ich denke der Artikel zeigt ein Problem sehr deutlich auf: Die große Spalte zwischen Wissenschaft und Menschlichkeit.

Die wissenschaftliche Studien
Natürlich essen Dicke mehr, ergo werden sie auch mehr ausscheiden. Doch die Stigmatisierung ist ein Problem. Die untergriffigen Bemerkungen zwischen den Zeilen. Sollte Herr Bahnsen dick sein, dann empfehle ich eine psychotherapeutische Aufarbeitung seiner Selbstwertprobleme. Sollte er es nicht sein, so sollte er bei wissenschaftlichen Artikeln bleiben und in beiden Fällen möge er über Dicke anders - am besten aber gar nicht mehr schreiben.

"Die Dicken essen Alles weg"
Der Zeit-Artikel ist jedoch nur die aktuellste Ausgeburt einer neuen Diskriminierungskampagne gegen dicke Menschen. Seit ich diesen Blog schreibe und noch mehr auf die öffentlichen Wortspenden, Werbekampagnen und Stimmungen achte, scheint mir, dass das Wettern gegen Dicke wieder in Mode kommt. Vor einigen Wochen war ich auf dem Caritas Kongress gegen Hunger in Wien. Ein wunderbarer, interessanter Kongress. Auch wenn es jetzt vielleicht etwas seltsam anmutet, dass sich gerade ein auf Diät befindlicher Mensch über Unterernährung, Hunger und gerechte Verteilung von Lebensmitteln weiterbilden will, so war ich dort.

Ich habe spannende Diskussionen erlebt und musste feststellen, dass es einige Entwicklungen gibt, die mir wahrlich sehr zu denken geben. Aber dazu später. In einem Vortrag war ein Cartoon zu sehen. Ein sehr dicker Mann saß an einem Tisch vor ihm Teller voller Essen. Er hatte vier Hühnerbeine aus seinem Mund hängen. Das selbstzufriedene Grinsen des überheblichen Wohlstandes, der degenerierten Verschwendungssucht im Gesicht. Vor dem Tisch kniete ein hungerndes, afrikanisches Kind, das mit mitleidigem Blick um Essen bettelte. So nun saß ich - aus meiner Sicht als einziger schwer übergewichtiger Mensch - in einem Raum voller engagierter Menschen, die dem Hunger den Kampf ansagten und sah mich als Karikatur und Schuldigen an die Wand projiziert. Ich weiß nicht, ob das nachvollziehbar ist, aber meine nächsten Blicken galten meinen Sitznachbarn. Sah mich jemand abwertend an? Würde man mich nun öffentlich steinigen? Musste ich stellvertretend für alle anderen nicht anwesenden Dicken erklären, warum ich dem kleinen afrikanischen Kind sein Essen wegaß?

Natürlich geschah nichts Dergleichen. Aber mir blieb ein mulmiges Bauchgefühl. Ich fühlte mich, zum ersten Mal seit langer Zeit, vollkommen deplatziert. Es ist ein lehrreiches, wenn auch manchmal durchaus schmerzhaftes Erlebnis, wenn man einmal die Randgruppe ist. Der Außenseiter. Der angeblich Schuldige. Mir hat es aber auch die Augen geöffnet. Wie leicht es doch ist, alle Menschen, die "anders" sind, über einen Kamm zu scheren. Wie gut es sich anfühlt, wenn man die Mehrheit ist. Wenn man die Schuld wegschieben kann.

Eine Welt ohne Dicke
Der letzte Absatz im Zeit-Artikel lautet: "Wie bei der Energiewende könnten wir Deutsche voranmarschieren: Die Wohlgenährten specken ab. Um die Klimaziele nicht weiter zu gefährden, gilt es zum Erreichen des Normalgewichts: Atmen Sie gefälligst flach." Abgesehen davon, dass ich voranmarschierende Deutsche nicht mag, ebenso wenig wie hinterhermarschierende Österreicher, ist diese Überlegung doch eindeutig zu kurz gegriffen. Der Artikel endet dort, wo er eigentlich erst beginnen sollte. . Und so wie unzählige andere Beiträge dieser Art, fehlt etwas ganz Entscheidendes: ein sinnvoller Ansatz um diese Entwicklung umzukehren.

In einer ersten Reaktion wollte ich schreiben, dass wir Dicken doch enorm wichtig für eine gesunde Volkswirtschaft sind. Wir sorgen für florierenden Handel, mit uns kann man Geschäft machen, sei es mit Diätprodukten, oder mit teureren Sitzplätzen in Flugzeugen. Adipöse Menschen brauchen mehr Medikamente, mehr Therapiestunden, mehr Fitnesscenter, einfach mehr. Und sie müssen dafür zahlen. Ein Supersystem. Zuerst mästet man sich selbst, und dann zahlt man für die Nachwirkungen. Aber genau diese Antwort ist falsch. Es geht nicht darum, etwas gutzuheißen, was schlecht ist. Es geht darum, aufzuzeigen, dass etwas Großes geändert werden muss.

Eine Abkehr vom Gängigen
Dicke sind heute das, was Raucher vor fünf Jahren waren. Wie wurde da geschimpft. Aber wurde auch geholfen? Wurde die Tabaksteuer in sinnvolle Anti-Raucher-Projekte investiert? Und ich meine damit nicht, für sinnlose Werbekampagnen verschwendet. Das Thema Übergewicht wird heute ähnlich betrachtet. Na sollen sie doch endlich abnehmen, diese fetten Weltenzerstörer. Alle nur willensschwache Versager. Wo ist die Hilfe der Allgemeinheit um der Sucht zu entkommen? Der Staat sollte 10.000 Euro pro Übergewichtigem  in die Hand nehmen und sinnvolle Abnehmprogramme starten. Zwei Monate weg vom Alltag in entspannter Atmosphäre in ein neues Leben starten. Wieder richtig Essen lernen. Mit sportmedizinischer und psychologischer Betreuung. Ohne Vorwürfe, Vorurteile und Vorverurteilungen. Weg mit dem Diktat der Nahrungsmittelkonzerne, der Werbung und der Zuckermästung. Nein, Stevia ist keine Lösung. Kohlenhydratärmeres Brot auch nicht. Es geht um viel mehr.

Aber die Gesellschaft und das Gesundheitssystem scheinen nicht "proaktiv" - ich verabscheue dieses Wort - aber intelligent vorausschauend zu planen, klingt auch nicht besser - agieren zu können. Was sind schon 10.000 Euro wenn man sich überlegt, wie viel Geld die Steuerzahler für die langfristige Betreuung kranker dickerr Menschen - Tabletten gegen Bluthochdruck, Diabetes, Kuren nach Schlaganfällen und Ähnliches, derzeit in die Hand nehmen müssen. Ist es so schwer, eine Gruppe sinnvoll zu motivieren? Würde mir meine Krankenkasse pro abgenommen Kilogramm hundert Euro zahlen, und die Summe nach zwei Jahren verdoppeln, wenn ich meine Gewicht gehalten habe, wäre das nicht sinnvoller, als mir zu erklären, wie schlimm Übergewicht ist, welche Spätfolgen es gibt und woran ich denn nicht schuld bin?

Undank ist der Welten Lohn
Ich erwarte ja gar keine aufbrandenden Jubelbekundungen dafür, dass ich  nun abnehme. Ich tue es ja für mich. Ich fühle mich nachher hoffentlich besser und wohler. Aber ich will auch nicht für das aktuelle Elend der Welt verantwortlich gemacht werden. Dicksein hat viele Gründe. Bahnsen wettert natürlich gegen die fetten US-Amerikaner. Aber warum sieht eigentlich niemand die Hintergründe? Warum werden die Amerikaner immer dicker? Kann nicht ein Grund dafür sein, dass Essen - nämlich ungesundes Essen - die billigste aller Drogen ist? Die verfügbarste, die gesellschaftlich anerkannteste - da Menschen ja essen müssen. Kann es nicht sein, dass es zunächst darum geht, andere Themen zu adressieren und so der Fettsucht den Kampf anzusagen?

Sind nicht die Spekulationen auf Nahrungsmittel aufs Schärfste zu verurteilen? Das Landgrabbing in Afrika und Asien? Die Zerstörung der Umwelt durch Nahrungsmittelkonzerne? Die sinnlose Verzuckerung aller Lebensmittel durch eine Industrie, die an Einfluss und Lobbying ihresgleichen sucht? Haben unsere Großeltern, beeinflusst durch Entbehrungen und Kriege, unseren Eltern erklärt, dass man Alles aufessen muss? Haben unsere Eltern uns das nicht auch erzählt? Wäre es nicht besser, man würde den Leuten erklären, dass Lebensmittel etwas wert sind? Dass ein Huhn nicht 99 Cent kosten kann, außer es ist "unmenschlich" gehalten und mit Medikamenten vollgepumpt gemästet worden?

Es scheint mir fast so, als wolle man diese Diskussionen immer noch nicht führen. Es ist einfacher den Dicken zu sagen, dass sie gefälligst endlich abnehmen sollen, als das System zu hinterfragen und zu ändern. Ich nehme trotzdem ab, nicht weil ich an allem schuld sein soll, sondern weil ich mich wohler fühlen will. Ich habe nicht meinen Frust in mich hineingefressen, auch wenn mir durchaus danach gewesen wäre. Ich arbeite an mir. Manchmal ist es hart, dann wieder sehr befreiend. Und wenn ich mir den Rest der Welt so anschaue, vielleicht mag ich doch immer einer Randgruppe zugeordnet werden, aber ich muss noch schauen welche das ist. Vielleicht jene der "Ex-Dicken-die-ein-System-geändert-haben-in-.dem-immer-jemd-anderer-schuld-haben-musste".

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