Das Klima erhitzt auch den Diskurs

Von Adrian Lobe

Klimawandel
Vom kommunikativen Schmiermittel zum Scheitern normaler rhetorischer Routinen: Selbst das Thema Wetter ist heute politisiert.
© Illustration: MHJ/Getty/Mitch Blunt

Ein Problem am Klimawandel ist, dass man ihn als Phänomen nicht greifen kann. Das bringt auch die zwischenmenschliche Kommunikation in Schieflage.


Darf man gegen das Klima nur demonstrieren, wenn man etwas von Kipppunkten und Simulationen versteht? Ein solch dünkelhaftes Politikverständnis offenbarte FDP-Chef Christian Lindner. Der "Bild am Sonntag" sagte er im März: "Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis."

Das klingt so, als wäre die Rettung des Planeten eine technische Aufgabe - nach dem Motto: Lasst die Experten ran! Nur: Was heißt in diesem Kontext "Profi"? Sind wir nicht alle insofern Klimaprofis, als wir mit unseren täglichen Routinen zur Erderwärmung beitragen, und es ein berufsständisches Ethos des politischen Menschen gibt, darüber zu diskutieren? Sind wir nicht auch professionelle Klimaversager, weil unser Sprechen und Handeln so eklatant auseinanderfallen, obwohl das Problem seit Jahren evident ist?

Über das Wetter reden

Das diskursive Problem am Klimawandel ist, dass man ihn als Phänomen nicht greifen kann. Einmal angenommen, man würde in einem Eignungstest Bewerbern die Aufgabe stellen, den Klimawandel zeichnerisch darzustellen: Was würden sie aufs Papier bringen? Berstendes Eis? Brennende Wälder? Rauchende Schornsteine? Verdorrte Felder? Die Dürren, Stürme und Sintfluten, die zuweilen in alttestamentarischer Drastik als Beleg für die Klimakatastrophe herangezogen werden, sind bloß Platzhalter.

Das Klima als mittlerer Zustand der Atmosphäre kann man im Gegensatz zum Wetter nicht sehen - man kann es nur am Computer berechnen. Und da beginnt das Problem. Alles, was man mit bloßem Auge nicht sehen kann, was sich nur als abstrakte Größe darstellen lässt, ist ontologisch und methodisch angreifbar.

Der britische Philosoph Timothy Morton hat dafür den Begriff des Hyperobjekts geprägt. Darunter versteht er Dinge, die relativ in Raum und Zeit sind. Etwa ein schwarzes Loch, ein Ölfeld, Plastiktüten oder Plutonium. Hyperobjekte haben die Eigenschaft, dass sie "viskos" sind, also an Personen oder Gegenständen kleben, nichtlokal und autotemporal sind. Eine Cola-Dose bleibt rund 500 Jahre im Meer, bis sie vollständig zersetzt ist, radioaktiver Müll strahlt tausende Jahre, ein radioaktives Uran-Nuklid hat sogar eine Halbwertszeit von 704 Millionen Jahren. Hyperobjekte überdauern Raum und Zeit.

Beispiel Plastik: Es treibt nicht nur im Ozean herum, sondern der Mensch trägt es in seinem Körper, weil er Mikroplastiken über die Nahrungsmittelkette aufnimmt. Nach Morton ist auch die Menschheit ein Hyperobjekt, das in anderen Entitäten wie den Tieren steckt. Ohne Viehzucht gäbe es keine Fleischproduktion und vielleicht auch keine so starke Erderwärmung. Mortons Denken ist stark vom Dekonstruktivismus Derridas geprägt, auch Einflüsse von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie sind zu erkennen.

In seinem (noch nicht auf Deutsch erschienenen) Hauptwerk "Hyperobjects" stellt Morton die These vom "Ende der Welt" auf: Nicht im Sinne einer Apokalypse, sondern im Sinne einer ontologischen Leere. "Im Zeitalter der globalen Erderwärmung gibt es keinen Hintergrund und deshalb keinen Vordergrund", schreibt der Philosoph. "Es ist das Ende der Welt, weil die Welt von Hinter- und Vordergründen abhängig ist."

Man könne etwa kein normales Gespräch über das Wetter mehr führen, weil schon Sätze wie "Lustiges Wetter heute, was?" im Verdacht der Klimaleugnung stehen. Das Wetter ist ja zumindest in gemäßigten Breiten ein kommunikatives Schmiermittel, sich mit jemandem auszutauschen. Über das Wetter kann man sich schichten- und milieuübergreifend unterhalten, ohne viel, aber auch nicht nichts zu sagen. Wenn nun aber selbst das Wetter politisiert ist, gerät auch die zwischenmenschliche Kommunikation in eine Schieflage.

Komplexes Phänomen

Das "Scheitern normaler rhetorischer Routinen", schreibt Morton, sei das "Symptom eines profunden Upgrades unserer ontologischen Werkzeuge": Je mehr Klimadaten erhoben werden, desto mehr werden kleinere Wetterunfälle zum Symptom einer globalen Klimakrise. Brutal vereinfacht: Je mehr wir durch Satelliten und Wetterstationen auf die Atmosphäre blicken, je hochauflösender und komplexer die Modelle werden, desto unschärfer wird unsere Sicht auf den Planeten.

"Die globale Erderwärmung spielt mit uns ein trickreiches Spiel", schreibt Morton. "Wir hielten das Wetter für real. Doch im Zeitalter der globalen Erderwärmung sehen wir es als Unfall, als Simulation von etwas Dunklerem, Zurückgezogenerem - dem Klima." Das Problem, das Morton identifiziert, liegt darin, dass mit dem Schmelzen der Polkappen auch die Idee der einen Welt wie Polareis in der Sonne schmilzt. Als US-Präsident Donald Trump das Pariser Klimaschutzabkommen 2017 aufkündigte, brach er ja nicht nur mit dem Multilateralismus, sondern auch mit dem Gedanken eines geteilten Planeten. Er repräsentiere "Pittsburgh, nicht Paris", sagte Trump damals in seiner Rede, adressiert an seine Wähler in den Schwermetallrevieren und rußenden Fabriken im Rust Belt, die mit ihren Emissionen zur Erderwärmung beigetragen haben.

Die Botschaft: Wir verlassen nicht nur die internationale Staatengemeinschaft, sondern auch die Natur (so ähnlich formulierte es Bruno Latour einst). Auf unserem Hoheitsgebiet gelten andere Naturgesetzmäßigkeiten als andernorts. Wenn Trump die Kältewelle im Mittleren Westen mit den zynischen Worten kommentiert, die USA könnten "ein bisschen von dieser guten alten Erderwärmung gebrauchen", versucht er den US-Exzeptionalismus auch meteorologisch zu beglaubigen.

Die USA, die mythisch überhöhte City upon a Hill, die von der "ominösen" Erderwärmung verschont bleibt. Umweltschutz ist in dieser Logik Artenschutz der vom Aussterben bedrohten Nation. Der Kern der konservativen Revolution besteht gerade in der Illusion, sich gegen die "Stürme" einer globalisierten Welt - Migration, Kriege, Klimawandel - mit physischen und geistigen Mauern zu schützen. Möge es draußen noch so winden, so lange wir uns in unserer ideologischen Trutzburg verschanzen, sind wir vor den Fährnissen der Globalisierung sicher!

Es ist die Konstruktion einer Wirklichkeit, in der es wieder ein Innen und Außen gibt - was freilich eine Chimäre ist, weil die Aufhebung von Innen und Außen längst vollzogen ist. Ein Plastikpartikel macht ja genauso wenig wie ein Aerosol vor der US-Grenze halt. Ein Hyperobjekt, wie es im Übrigen auch der Trumpismus ist, wird man nicht so einfach los.

Die Frage ist, wie man einem komplexen Phänomen wie dem Klimawandel beikommen will, wenn man sich noch nicht einmal auf gemeinsame Fakten verständigen kann. Wie lässt sich ein Hyperobjekt in einer hyperrealen Welt fassen, in der es nach Baudrillard gar keine Originale und Kopien mehr gibt, sondern bloß noch Simulakren? Wirkt der Klimawandel wie ein Treibhausgas auf das diskursive Klima? Ist es vielleicht mehr die Sorge vor dem Wandel als vor dem Klima, die den Menschen Angst macht? Wenn Christian Lindner die Bearbeitung des Klimawandels zur expertokratischen Kompetenz erklärt - ist das die Selbstaufgabe des politischen Systems? Oder der Versuch, über die Entprofessionalisierung des Publikums legitime Kritik am kapitalistischen Konsumsystem als "unwissenschaftlich" abzutun?

Es scheint, als bräuchte man ein rationaleres Sprechen darüber, was in unserer "Umwelt" passiert: Dass es kein Innen im Außen gibt und die lauen Sommernächte, die so mancher gedankenlos herbeisehnt, womöglich nur die Ruhe vor dem Sturm sind. Dafür benötigt es kein Expertentum, sondern lediglich gesunden Menschenverstand.

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, studierte Politik- und Rechtswissenschaft und schreibt als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum.