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Das Kriegsfieber steigt

Von David Ignatius

Gastkommentare
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Wird die Gefahr eines US-Angriffs auf Nordkorea China doch noch zum Handeln bringen?


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US-Präsident Donald Trump nähert sich einer militärischen Auseinandersetzung mit Nordkorea. Dabei sollte er zu seiner ursprünglich richtigen Intuition zurückfinden, China helfen zu lassen, das Albtraumproblem Nordkorea zu lösen - im Sinne eines friedlichen Ausgangs. Trump darf sich nicht in ein Handeln hineintreiben lassen, das tough wirken mag, aber die Lage aller Beteiligten verschlechtert.

Das Muster hat sich seit dem ersten Koreakrieg 1950 nicht sehr verändert: Die aggressiven Aktionen Nordkoreas bewirken eine Reaktion der USA und dann einen umfassenden Krieg, der die koreanische Halbinsel verwüstet. Die Auseinandersetzung endet in einer Sackgasse, unter riesigen Verlusten.

Das Kriegsfieber steigt: Senator Lindsey Graham bezeichnet eine Auseinandersetzung als "unvermeidlich", wenn Pjöngjang die Waffentests nicht einstellt. Was wäre weise? Auch wenn Trump den Druck steigert, sollte er China drängen, die Führung in Richtung diplomatischer Lösung zu übernehmen. Er sollte Peking klarmachen, dass Chinas Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen ernsthaft verletzt würden, wenn die USA gezwungen sind, das Problem Nordkorea allein anzugehen, militärisch.

China sollte die anderen Hauptakteure - die USA, Japan, Südkorea und vielleicht auch Russland - einladen, während der UNO-Vollversammlung in New York zu Gesprächen über Nordkorea zusammenzukommen. Das Vorbild sollte die "P5+1"-Gruppe der Atomverhandlungen mit dem Iran sein. Xi Jinping könnte damit vor dem Parteikongress im Herbst, von dem seine Zukunft als Präsident abhängt, seinen Status verbessern.

Anfang Mai war Trump zu einem Treffen mit Kim bereit, unter chinesischer Patenschaft. Die Koffer schienen schon gepackt. Mittlerweile ist Trump wütend, dass die Chinesen die nordkoreanischen Missiletests nicht verhindern können. Das Weiße Haus will, dass Xi handelt.

Am Wochenende twitterte Trump: "Ich bin sehr enttäuscht von China... sie tun NICHTS für uns wegen Nordkorea. Sie reden nur."

Wegen Trumps Groll gegen Peking steht der Handel nun doch wieder in Frage: Die USA bereiten strenge Handelssanktionen gegen chinesische Stahlproduzenten vor und vielleicht auch gegen mehrere große Internetunternehmen. Wie ich erfahren habe, hat das Weiße Haus das mildere Handelsabkommen von Wirtschaftsminister Wilbur Ross versenkt und damit sowohl die Chinesen als auch Ross gedemütigt. Die Botschaft lautet: Trump ist es ernst, Chinas Unterstützung gegen Nordkorea einzufordern - als Preis für Handelsflexibilität.

Das Pazifikkommando der USA bereitet Militäroperationen vor. US-Verteidigungsminister James Mattis weiß besser als jeder andere, dass eine solche militärische Auseinandersetzung eine Katastrophe wäre.

Trump hat nun die Gelegenheit eines außenpolitischen Resets. Weltweit beginnt man sich Sorgen zu machen, dass er einen Krieg gegen Nordkorea beginnt. Aber vielleicht hilft China ja, eine dieser Win-win-Lösungen vorzubereiten, über die Xi immer spricht.

Übersetzung: Hilde Weiss