Zum Hauptinhalt springen

Das Leben nach der Revolution

Von David Ignatius

Kommentare
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Es besteht immer die Gefahr, dass eine junge Demokratie in Anarchie abgleitet, gefolgt von neuer Unterdrückung - der Ausweg heißt Toleranz.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Was auf Ägyptens Tahrir-Platz gewonnen wurde, wird nun so mancher Bewährungsprobe unterzogen. Dabei zeigt sich, wie schwierig der Übergang zur Demokratie in der arabischen Welt sein wird. Als wesentlich erweisen sich vor allem eine Kultur der Toleranz und ein Geist der Einheit, der politische, religiöse und andere Unterschiede zu überwinden hilft.

In Ägypten tauchte die widerwärtige alte Politik der Spaltung vorige Woche bei mehreren Zwischenfällen wieder auf. In einer demokratischen Kultur findet man ein konstruktives Ventil für diese unausweichlichen Spannungen. "Salmiya" (friedlich), dieser arabische Ausruf vereinigte die Menschen vom Tahrir-Platz. Um nichts weniger wird er in der Ära nach Hosni Mubarak gebraucht. Die Tahrir-Bewegung setzte sich aus völlig unterschiedlichen Gruppen zusammen, aus Sozialisten und Kapitalisten, aus Muslimen, Christen, Männern, Frauen. Sie fanden jedoch eine gemeinsame Sprache. Hoffentlich erleiden sie keine Amnesie.

Es besteht immer die Gefahr, dass eine junge Demokratie in Anarchie abgleitet, gefolgt von neuer Unterdrückung - ein Prozess, der nach Revolutionen häufig abläuft. Ein Beispiel dafür ist die Französische Revolution. Die jungen Demokraten in Ägypten, in Tunesien und in Libyen können diesen Teufelskreis nur durchbrechen, wenn sie zu Toleranz finden.

Nehmen wir das Beispiel der Sicherheitseinrichtungen im neuen Ägypten. Die Polizei wurde zum Feind der Demonstranten vom Tahrir-Platz. Und der aufgestaute Zorn gegen Mubaraks Repressionen ist noch immer groß. Die Ägypter wollen aber Gesetz und Ordnung. Was sie brauchen, ist eine moderne, effiziente Polizei, die nicht Bürger schikaniert und foltert. Und sie brauchen einen effektiven Geheimdienst.

Wie kann man nun den Arabern helfen, moderne Sicherheitsdienste aufzubauen? Nach dem Fall des Kommunismus halfen die USA den Osteuropäern, solche Organisationen auf die Beine zu stellen, mit den dazugehörigen Vorschriften und der nötigen Aufsicht. Im Fall Ägypten sind die USA jedoch nicht das richtige Land, beim Neuanfang in Sachen Sicherheit zu helfen, weil sie zu sehr in die Nachteile des alten Systems verstrickt waren. Gut wäre hingegen, wenn Polen, Tschechien oder andere Staaten, die bereits Polizei und Geheimdienste auf demokratischer Ebene aufgebaut haben, helfen könnten.

Die Geschichte der USA spiegelt die schrittweise Entwicklung einer Kultur der Toleranz - es dauerte lang, bis es wirklich funktionierte. Die Gründungsväter werden verehrt, aber Washington, Adams, Jefferson, Madison und Hamilton verbrachten viel Zeit damit, einander das Leben schwer zu machen. In ihren jungen Tagen waren die USA zwischen den anarchistischen Protesten der Whiskey Rebellion und den Repressionen des Polizeistaats hin- und hergerissen.

Bei ihrem Ringen um eine demokratische Kultur wird die arabische Welt hoffentlich mehr von US-Präsident Barack Obama hören. Er ist als Symbol für das eigene demokratische Streben der USA die geeignete Person, er ist Afro-Amerikaner, er ist der Sohn eines Muslims und seine Haltung und sein Regierungsstil zeigen den Respekt für die Ansichten anderer, die die Demokratie braucht.

Intervenieren, wie viele Kritiker verlangen, sollte Obama nicht. Aber wenn es um den Aufbau von Demokratie geht, sollte er durchaus seine Stimme erheben. Wäre es nicht wieder an der Zeit für eine neue Kairo-

Rede?

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post". Originalfassung