"Das Leid hat noch lange kein Ende"

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Krieg, Cholera und Hunger: Der Jemen versinkt im Elend. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Gespräch mit einem Gründer der Huthi-Partei "Umma", die Demokratie wollte und jetzt Teil des Konflikts ist.


Berlin/Sanaa. Wenn Mohammed Abotaleb mit seiner Frau und seinen drei Töchtern telefoniert, geht es ihm danach schlecht. "Heute habe ich direkt gehört, wie meine Heimatstadt angegriffen wird." Es passiere sehr oft, dass die Flugzeuge kommen, während er mit seiner Familie redet. "Und wenn das passiert, breche ich das Gespräch ab, denn ich wage nicht zuzuhören, wie meine Töchter vor lauter Angst schreien."

Mohammed Abotaleb ist in Deutschland, seine Familie in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Der Klang von Explosionen sei zum Alltag geworden in der Stadt, die die Unesco einst zum Welt-Kulturerbe erhob. Seit zwei Jahren wird sie fast täglich bombardiert. Ihre einzigartige Architektur fällt immer mehr dem Krieg zum Opfer. Zuletzt sei eine Polizeistation Ziel der Luftangriffe gewesen, berichtet Abotaleb. "Die Station liegt nicht weiter als 200 Meter von unserem Haus entfernt." Der Luftangriff erfolgte um zwei Uhr morgens. Türen und Fenster seines Hauses wurden zerstört, Frau und Kinder mussten das Haus umgehend verlassen.

Seit die Bombardierungen Sanaas durch Saudi-Arabien begannen, ist das öffentliche Stromnetz dort zusammengebrochen. Lediglich Generatoren liefern die lebensnotwendige Elektrizität. Trinkwasser aus der Leitung gibt es auch nicht mehr. "Die Leute in Sanaa müssen das Trinkwasser von privaten Brunnen kaufen, was sich nicht jeder leisten kann." Eine Cholera-Epidemie ist die Folge. Schmutziges Trinkwasser ist der Hauptgrund für ihre Ausbreitung. "Meine jüngste Tochter und meinen Neffen hat die Cholera erwischt", sagt Mohammed Abotaleb deprimiert. Sie konnten inzwischen kuriert werden. Für 1500 Menschen in Sanaa kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie sind an der Krankheit gestorben. Die UNO spricht von mittlerweile 430.000 Cholera-Fällen im Jemen seit Ende April. Vor zwei Jahren trat Saudi-Arabien in den Krieg ein. Was als innerjemenitischer Zwist begann, weitet sich seitdem zu einem umfassenden Regionalkonflikt aus. Die sogenannten Huthi-Rebellen hatten die Hauptstadt Sanaa überrannt und Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi vertrieben. Später verbündete sich der ehemalige Staatschef Ali Abdullah Saleh mit den Huthis.

Saudi-Arabien behauptet, dass der Iran hinter den Huthis stehe. Von einem Stellvertreterkrieg ist die Rede - obwohl bislang keinerlei Beweise für die militärische Unterstützung des Irans gefunden wurden. Zusammen mit anderen arabischen Staaten wollen die Saudis die Huthis zurückdrängen. Doch immer wieder treffen die Kampfjets der Koalition zivile Ziele, wie Schulen und Krankenhäuser. Nun ist das Gesundheitswesen am Rande des Zusammenbruchs: 15 Millionen Menschen können in dem Land nicht mehr ärztlich versorgt werden. Und sieben Millionen Jemeniten wissen nicht, woher ihre nächste Mahlzeit kommt.

Die Feinde redennicht miteinander

Doch trotz den fürchterlichen Folgen des Krieges macht keine der Konfliktparteien ernsthafte Anstrengungen, eine friedliche Lösung zu finden. Kürzlich musste der UN-Sondergesandte für den Jemen, der aus Mauretanien stammende Ismail Ould Cheikh Ahmed, feststellen, dass beide Seiten derzeit noch nicht einmal miteinander reden.

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt sich auch außerhalb des Landes. Zu dem beabsichtigten Streitgespräch für die "Wiener Zeitung" in Berlin, zwischen einem Vertreter der von Saudi-Arabien gestützten Regierung Hadis und einem Mitglied der Huthis, erscheint nur der Huthi Mohammed Abotaleb.

Der 1981 in Sanaa geborene Jemenit sieht blass und müde aus. Man sieht ihm die Anstrengung der letzten Jahre und die Sorge um seine Familie und Freunde an. Abotaleb wird von den Saudis und den mit ihnen verbündeten westlichen Ländern als Rebell bezeichnet. Doch unter einem Rebellen stellt man sich nicht einen Mann mit Rollkragenpullover und Jackett vor, das Abotaleb nicht nur in Deutschland, sondern auch in Sanaa trägt. Nur ab und zu legt er das traditionelle jemenitische bodenlange, weiße Gewand mit Schärpe und Krummdolch an - zu Familienfesten, Hochzeiten, Beerdigungen.

Die Huthis, denen Abotaleb angehört, sind eine schiitische Gruppierung, die etwa 40 Prozent der knapp 30 Millionen Einwohner im Jemen umfasst.

Abotalebs Vater war ein einflussreicher Mann, die Familie hat Gewicht in Sanaa und im nördlichen Teil des Jemen. Im März 2012 wird der Sohn Gründungsmitglied der Huthi-Partei "Umma" (auf Deutsch "Nation") und steigt in die Politik ein. Als sein Vater stirbt, verlässt er die Partei wieder und übernimmt die Firma, die schon früh Geschäftsverbindungen zu Deutschland und auch Österreich aufgebaut hat und in ruhigen Zeiten Touristen aus diesen Ländern durch das orientalische Wunderland Jemen führte.

Seine Religion und sein politisches Engagement bringen seine Familie in Gefahr. Denn die Huthis werden zunehmend bedroht, vor allem von der sunnitisch-fundamentalistischen Islah-Partei (auf Deutsch "Reform").

Huthis sind Zaiditen, ein dem Schiitentum entsprungener Zweig des Islam mit eigener Rechtsschule, der vor allem im Jemen zu finden ist. Abotaleb behauptet, die sunnitische Islah-Bewegung habe sich mittlerweile mit der Terrororganisation Al-Kaida vermischt, um gemeinsam gegen die Huthis Front zu machen. Diese kontrollieren heute wiederum weite Teile im Westen des Landes, vor allem die Hauptstadt Sanaa, Jemens drittgrößte Stadt Taiz und die nördliche Provinz Saada an der Grenze zu Saudi-Arabien.

"Wir wurden von einem dritten Land angegriffen", beschreibt Abotaleb den Eintritt Saudi-Arabiens in den Krieg vor zwei Jahren. "Ich hasse die Saudis." Sie hätten die jemenitische Islah-Partei unterstützt, die immer radikaler wurde. Er spricht vom Islamischen Staat (IS), wenn er die radikalen Sunniten meint, zu denen neben den Salafisten der Islah auch Kämpfer von Al-Kaida gehören.

Im Jemen sind diese Gruppen mittlerweile kaum noch voneinander zu trennen - wie auch in Syrien. Und wie dort hat auch im Jemen die Tragödie ihren Ursprung 2011, im sogenannten Arabischen Frühling, als das revolutionäre Feuer aus Nordafrika auf die arabische Halbinsel bis in den Jemen loderte.

"Wir wollten eine moderne, neue Partei gründen", sagt Mohammed Abotaleb über seine Motivation und die der Mitbegründer. Nach dem Rücktritt des verhassten Präsidenten Saleh Ende November 2011 schien alles möglich. "Die Umma-Partei sollte moderater, freiheitlicher und toleranter sein als die damals existierenden Parteien." Sie sollte für alle zugänglich sein, für Schiiten wie Sunniten. Doch daraus wurde nichts.

Ein Land mitzwei Regierungen

Schon bald verhärteten sich die Fronten entlang religiöser Linien. Nur wenige Sunniten traten der Umma-Partei bei. Die Islah-Partei erstarkte und verbündete sich mit anderen, extremeren Sunniten. Dass seine Partei eine religiöse Partei sei, lehnt Abotaleb jedoch ab, auch wenn Huthi-Chef Abdul Malik al-Huthi, ein Kleriker, ihr nahesteht.

Mittlerweile gibt es zwei Regierungen im Jemen: die von Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten unterstützte Regierung Hadi. Diese ist in die saudische Hauptstadt Riad geflüchtet und wartet darauf, zurückkehren zu können. Auf der anderen Seite steht die von Huthis unterstützte Regierung in Sanaa, an der mehrere Parteien beteiligt sind - auch Abotalebs Umma-Partei.

"Ja, wir waren naiv", gibt der Mann aus Sanaa schließlich zu. Als die Huthis fast im Sturm Sanaa eroberten und weiter nach Süden vorrückten, glaubten sie, auch die südliche Metropole Aden einnehmen zu können und somit das ganze Land zu kontrollieren. Mit schweren Panzern und gepanzerten Fahrzeugen rasten sie durch das Zentrum der Hafenstadt auf den Präsidentenpalast zu, in dem sich der aus Sanaa geflohene Staatspräsident Hadi aufhielt.

Auch wenn Abotaleb es nicht wahrhaben will, der Sturm auf Aden Ende Juli 2015 war der Auslöser für den Kriegseintritt Saudi-Arabiens. Die Rechnung der Huthis ging nicht auf, Aden konnte nicht eingenommen werden, die Katastrophe für die Zivilbevölkerung im gesamten Land nahm ihren Lauf. "Die Situation ist einfach aussichtslos", sagt ein zerknirschter Mann, der einst so viel Hoffnung in einen Neuanfang seines Landes gesetzt hat. Mohammed Abotaleb weiß, dass "Leid und Elend im Jemen noch lange kein Ende haben."