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Das Lied in allen Dingen

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Wissen

Romantik als Epoche der europäischen Kunst war kein einheitlicher Stil, sondern eher eineWeltanschauung.


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Vom Zauberwort "Romantik" hat jeder Mensch seine eigene Vorstellung, es sammeln sich schnell Bilder und Worthülsen zu einem vielschichtigen, gefühlsstarken Konstrukt, das letztlich offen bleibt. Ein sehr europäisches Phänomen wird im 18. Jahrhundert in der englischen, französischen und vor allem der deutschen Literatur erfunden. Romantisch sein hieß zuerst überspannt, schwärmerisch, grotesk, phantastisch, aber galt als interessant. Die bildende Kunst und die Musik hinkten etwas hinterher, die Hauptphase der Reaktion auf den Klassizismus betrifft vor allem die Malerei und wird zeitlich von 1800 bis 1830 eingegrenzt. Doch ist die Romantik kein Stil, eher eine Weltanschauung. In Gemälden und Zeichnungen äußert sie sich nicht formal, sondern durch Inhalte.

Weniger strenge Kunsthistoriker lassen einen größeren Bogen mit 1750 bis 1850 als Romantik zu und, genau genommen, ist sie noch nicht beendet, denn das Werk von Joseph Beuys oder Anselm Kiefer greift auf sie zurück, aber selbst die Konzeptkünstler Hans Haacke oder Gloria Friedmann zitieren Caspar David Friedrichs Bild "Das Eismeer" (oder "Die gescheiterte Hoffnung", 1823, Hamburger Kunsthalle) in ihren Installationen. In der Künstlerfotografie unserer Tage macht sich eine Vorliebe für das Nächtliche, ein Leibthema der Romantik, bemerkbar.

Hat und hatte also jedes Jahrhundert seine Romantik? Manches hellenistische oder römische Wandgemälde lässt sich als Vorläufer sehen, auch die "Donauschule" in der Spätrenaissance, und davor die Niederländer um Hieronymus Bosch; jedoch sind ihre dunklen und grotesken Stimmungen das, was Mario Praz die "schwarze Romantik" voller Schauermärchen und erotischen Abgründen nennt - die Lust am Unheimlichen wird aus der Distanz des häuslichen Schreibtisches oder Gartens empfunden, dieser Rückzug auf das Selbst im Tagtraum ist wesentlich. "New Gothic" umschreibt Romantisches in England und ist eine verklärende Wiederbelebung des Mittelalters. Das retrospektive Element ist wichtig und die Ablehnung des intellektualistischen Lichts der Aufklärung. Statt strengem Rationalismus aufkeimender Wissenschaften kam die Wiederbelebung der Religion ins Gespräch, als Mittel dafür sollte auch die Kunst dienen. Stimmung, Empfindsamkeit, ein Ansteigen der Seelentemperatur, eine Wissen um die unstillbare Sehnsucht und das Scheitern sind bedeutende Faktoren. 1666 hatte Samuel Pepys erstmals sentimental von den Zinnen Schloss Windsors geschwärmt, die gotischen Kathedralen wurden wieder modern und zum Teil erst fertig gebaut wie in Köln und Mailand; schließlich war die Neugotik dann ein Nationalstil der Staaten im Norden gegen die Tempelkopien nach der Antike des Südens. Daneben diente gotische Romantik als Zeichen der Einheit gegen Napoleon und später als ein Stil des Volkes im Freiheitskampf gegen den Feudalismus, weshalb bürgerliche Rathäuser meist neugotisch gebaut sind. Trotzdem gilt diese Architektur schon als Teil des Historismus, wenn auch als dessen romantischer.

Die neue Weltanschauung sollte den blutleeren Klassizismus mit neuen Mythen bezaubern, dabei spielte das Gefühl für die Natur eine große Rolle. Diese meldete sich gegen die beginnende Industrialisierung mit Vorlieben für den Wald, einsame Felsengebirge und die Nacht zurück. Es gibt allerdings auch die Kombination von Eisenbahnen, Weidegründen und Mond wie in David Cox’ Aquarell "Birmingham Express". Die Nacht löste als letztes unerforschtes Gebiet nicht nur außen, sondern auch im Inneren des Menschen Erkundungen nach der Psyche aus. Friedrich forderte: "Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehst dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkel gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen."

Friedrichs Traum von einer kosmischen und politischen Einheit, von Frieden, Liebe und Harmonie mit der Natur sind in seinen Gemälden sichtbar. Seine Wanderungen über die Berge auf der pantheistischen Suche nach einem säkularisierten Gottesbild in der Natur zeigen sich vor allem in seinen Rückenfiguren. Allerhand Utopien von der Kunst als Paralleluniversum im Gesamtkunstwerk sind bei ihm wie bei Philipp Otto Runge unvollendet geblieben. Sie keimen aber wie die romantische Mode der langen Haare, des Lebens am Land außerhalb städtischer Zivilisationen, insgesamt der Idealismus, wie zuletzt zwischen 1960 und 1980 immer wieder auf. Gegensätze und Gefährdungen werden in den Werken sichtbar gemacht, der Mensch fühlt sich entfremdet von der Welt, den anderen, apokalyptische Endzeitstimmung kam auf, Figuren und Schiffe wurden in ewiges Eis und Schneelandschaft, wilde Wetter, Wüsten oder Felsen positioniert.

Das schaurig und trostlos Er-dachte wurde aber mit einer gewissen Lust erlebt - Gegensätze zogen sich künstlerisch besonders an: Wilhelm Hauffs Sage "Kaltes Herz" spricht das schon wörtlich im Titel an. Bei E.T.A. Hoffmann beginnen die Schatten des Menschen ein Eigenleben als verfolgende Geister anzutreten, Räubern und "Zigeunern" wurden spannende, vagabundierende Lebensformen nachgesagt - nicht nur im Spessart war das Wandern für alle ein Muss. Raffael und der Frührenaissance galt die große Verehrung im Rückblick, die klassizistisch ausgerichteten Akademien wurden abgelehnt, das Reisen galt als Studium - ein bis heute anhaltender Trend. Mehrfachbegabungen wie Hoffmann komponierten, dichteten und malten, Künstlerinnen wie George Sand wurden vor dem Rückfall in eine männliche Dominanz der Kunst gefördert und verehrt. Die Künstler, zu Genies verklärt, waren von ihrer gesellschaftlichen Rolle überfordert - mit Folgen bis heute, selbst für schnell verglühende Show-Sternchen. Eine widersprüchliche Zeit, die von der Offenheit des Vielstimmigen und in Zweifeln spricht und uns schöne Rätsel und bitteren Nihilismus hinterlassen hat.

Die heute typisch romantischen Maler wie Friedrich oder Runge hat man damals nicht verstanden, mit dem Neuen wurden vor allem die "Nazarener" verbunden, jene Bruderschaft von frömmelnden Malern, die von Wien und Deutschland nach Rom gegangen waren, im Kloster San Isidoro wohnten und neben der südlichen Landschaft Geschichten des katholischen Mittelalters neu aufbereiteten. Die Namen Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Fernand Olivier, Julius und Ludwig Schnorr von Carlosfeld sind uns nicht mehr so geläufig wie die späteren William Turner, Eugène Delacroix oder der Architekt Karl Friedrich Schinkel als Maler. Schon Friedrich Schiller warf den "Nazarenern" vor, Religion künstlich und "sentimentalisch" wieder aufzuwärmen, das echte Gefühl ging ihm ab.

Runge aber erweiterte mit seiner Farbenlehre und seinen unvollendeten Tageszeitenzyklen die Kunst um den Blick auf die reine Farbe und das Licht und auch Friedrich widmete sich nach einigen antinapoleonischen Erzählungen in der Landschaft vor allem dem Bezug Mensch und Natur, symbolträchtig und selbst in Stadtansichten oder Häfen unter dem Mond auf kosmische Harmonien ausgerichtet. Die große Einsamkeit vollzog er selbst in der Natur nach, weshalb der Wanderer über dem Nebelmeer und auch der isolierte Kapuzinermönch am Meer als Selbstbildnisse gelten. Seine Naturausschnitte mit Gipfelkreuzen oder Ruinen im Dämmerlicht lösten große Diskussionen aus, denn die Kompositionen waren den Kritikern zu leer, sie erzählten vordergründig keine Geschichten mehr und machten Angst wie alle neue Kunst immer erst Schrecken auslöst. Der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm und Zar Nikolaus I. waren aber Verehrer seiner Kunst. Trotzdem vergaß man ihn von 1840 bis nach 1900 wieder. Friedrich hinterließ ein großes Konvolut an Zeichnungen, diese vorher nur vorbereitende Technik stieg in der Romantik zur eigenständigen Kunstform auf wie die Landschaftsmalerei über die Historie an Wichtigkeit gewann. Die akademische Rangordnung stand damit auf dem Kopf.

Moritz von Schwind, Carl Spitzweg, der Märchenillustrator Ludwig Richter oder die englischen Präraffaeliten gelten schon als Nachromantiker, wenngleich auch sie die wertekonservative Sicht zurück aufs Mittelalter und auf eine noch unberührte Natur, die in Wirklichkeit so in den hell erleuchteten Städten und Fabriken nicht mehr existierte, mit modernen Elementen reiner Farbe und besonderer Lichtgestaltung verbanden. Dabei am weitesten ist Joseph Mallord William Turner gegangen, der sich vom Klassizismus schnell in die Romantik und dann zuletzt ab 1841 bis 1851 fast in die gegenstandslose Malerei vorwagte. Schon vor 1800 malte er stimmungsvoll die Kirchenruinen von Fountain’s Abbey in seiner Heimat, später kamen Tageszeiten, Eisenbahn, Feuer in London und Schneestürme dazu, die zu überwiegendem Teil nur mehr aus Farbnebel bestehen, wie sich erst viel später Claude Monets letzte Seerosenbilder in völlig abstrakte Pinselstriche in wilder Bewegung auflösen. Das Licht und die Farbe machen in der Romantik die so wichtige Stimmung aus, ein Wort, das diese Zeit erst erfunden hat, obwohl wir es aus unserem Denken kaum entbehren können. Die Melodie ist parallel ein wesentliches romantisches Element in der Musik und die Lyrik hat großen Anteil am Verständnis dieser epochalen Weltanschauung. Natürlich schrieben Novalis (Friedrich von Hardenberg), Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin oder Karoline von Günderrode hymnische Lieder an die Nacht, die mit alten Gärten, verwunschenen Schlössern, rauschenden Wäldern und wogenden Feldern verbunden werden. Himmel und Mond küssen die Welt, ein wunderbarer Klang hilft bei der Suche nach der mythischen blauen Blume, dem Gral der Dichtung. Unter all den sehnsüchtigen Umschreibungen ist aber Eichendorffs "Wünschelrute" fast eine Selbstbeschreibung dieses Zeitgefühls:

Schläft ein Lied in allen Dingen,die da träumen fort und fort,und die Welt fängt an zu singen,triffst du nur das Zauberwort.

Als Zauberwort wirkt Romantik immer noch.

Artikel erschienen am 10. Februar 2012

in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-9