Zum Hauptinhalt springen

Das Pferdchen an der Börse

Von Ronald Schönhuber

Wirtschaft
Gut und wirklich teuer: Im Vorjahr erzielte ein Ferrari 250 GTO bei einer Auktion den Rekordpreis von 38 Millionen Dollar.
© corbis

Fiat Chrysler verkauft zehn Prozent seiner Ferrari-Anteile. Mit dem Börsengang der legendären Sportwagenschmiede sollen auch die Wachstumspläne der verschuldeten Muttergesellschaft finanziert werden.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Maranello. Erklären muss man die Marke niemandem mehr. Der rot gefärbte Mythos aus dem kleinen italienischen Örtchen Maranello steht seit Jahrzehnten für ebenso teure wie begehrte Sportwagen, die in Posterform schon ganz zeitig in den Kinderzimmern hängen. Kein Formel-1-Rennstall hat mehr Titel in der Konstrukteurswertung gewonnen als die Scuderia Ferrari mit 16. Auch das teuerste Auto der Welt ist ein Ferrari, nämlich jener 250 GTO aus dem Jahr 1965, der im vergangenen Sommer für 38 Millionen Dollar versteigert wurde.

Doch kräftig die Werbetrommel zu rühren kann nicht einmal Ferrari schaden, vor allem dann nicht, wenn eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des 1929 gegründeten Sportwagenbauers bevorsteht. Vor dem für Mittwoch erwarteten Börsengang an der Wall Street zog man daher alle Register. In Manhattan parkten vergangene Woche zum Auftakt der US-Werbetour publikumswirksam eine rote F12 Berlinetta und ein blauer California T, im St. Regis Hotel kümmerte sich Sergio Marchionne, Vorstandchef der Muttergesellschaft Fiat Chrysler (FCA) und Ferrari-Präsident in Personalunion, persönlich um gut 200 potenzielle Anleger. Wer es noch exklusiver wollte, musste allerdings bis zum Freitags-Termin in Maranello warten. In der Ferrari-Heimat, wo die den Börsengang begleitende Roadshow nach Boston und London Station gemacht hat, gab es sogar Einzelgespräche zwischen Marchionne und einigen handverlesenen Investoren.

Aktie stark überzeichnet

Derzeit gehört Ferrari zu 90 Prozent Fiat Chrysler, den Rest der Anteile besitzt Piero Ferrari, Sohn des legendären Firmengründers Enzo Ferrari (1898-1988), der einst mit dem "Cavallino rampante", dem sich aufbäumenden Pferdchen, das vielleicht bekannteste Markenzeichen Italiens schuf. Unter dem Kürzel RACE - zu Deutsch: Wettrennen - kommt nun allerdings nur ein kleines Stück des großen Ferrari-Kuchens auf den Markt. Denn FCA bietet den Anlegern zunächst nur 9 Prozent an, mit der Option, ein weiteres Prozent zu kaufen.

Um die Lust der Anleger auf Ferrari zu stillen, wird das allerdings zu wenig sein. Denn schon seit Wochen zeichnet sich ab, dass die Nachfrage deutlich größer sein wird als das Angebot. Die Papiere sollen mehrfach überzeichnet sein. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" dürfte auch der erste Kurs deutlich über die festgelegte Preisspanne von 48 und 52 Dollar steigen und bei rund 60 Dollar liegen.

Hinter der begrenzten Verfügbarkeit steckt allerdings Methode. Denn Anfang 2016 will Marchionne die restlichen 80 Prozent, die Fiat Chrysler an der Nobelmarke hält, an die FCA-Aktionäre verteilen. Wer Ferrari haben will, muss also Fiat kaufen. Zumindest in den vergangenen Monaten hat der Plan des Italo-Kanadiers, den sie intern auch "den Mann mit den zwei Gehirnen" nennen, gut funktioniert. Seit Marchionne den Ferrari-Börsengang ankündigte, ist der FCA-Kurs um mehr als 80 Prozent gestiegen.

Hochfliegende Pläne

Doch die Kurszuwächse sind nur eine Seite der Medaille. Denn einer der wesentlichen Gründe, warum sich Fiat nach 46 Jahren Partnerschaft von der Sportwagenlegende trennt, sind die Geldnöte der Muttergesellschaft, die die zumindest 800 Millionen Euro aus dem Ferrari-Börsengang dringend benötigt. Denn FCA steht einem Schuldenberg von knapp acht Milliarden Euro gegenüber. Gleichzeitig wird eine noch viel größere Summe an frischem Geld gebraucht, um die ehrgeizigen Wachstumspläne umzusetzen. So will Marchionne allein in die Fiat-Tochter Alfa Romeo fünf Milliarden Euro investieren und damit auch die Rückkehr der Marke auf den wichtigen US-Markt vorbereiten. Erst vor wenigen Wochen hat Alfa Romeo mit der "Giulia" das erste von insgesamt acht neuen Modellen vorgestellt.

Das Revival von Alfa Romeo soll aber nur ein Baustein im runderneuerten Haus von Fiat Chrysler sein. Bis 2016 will der Konzern seinen Absatz um 60 Prozent auf sieben Millionen Fahrzeuge steigern. Der Gewinn soll sich im selben Zeitraum auf fünf Milliarden verfünffachen.

Um gegen die Riesen in der Branche zu bestehen, sieht sich FCA zudem schon seit längerem nach einem starken Partner um. Bisher hat sich die von Marchionne umworbene GM-Chefin Marry Barra jedoch gegen eine intensivere Kooperation gewehrt. Die Abspaltung von Ferrari könnte aber auch da helfen, weil sie Kostenklarheit bringt. Marchionne ist damit eher in der Lage, den GM-Aktionären ein Fusionsangebot zu präsentieren und seiner 2018 zu Ende gehenden Karriere noch einen finalen Höhepunkt zu verschaffen.