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Das Reich der Mitte will das Metaverse erobern

Von Bernhard Seyringer

Wirtschaft
© WZ-Montage: Digilife, hamara, dea / stock.adobe.com

China wird die nächste Welle an technologischer Innovation anführen und gestalten müssen.


Es ist eine der spannendsten Fragen der gegenwärtigen Technologiepolitik: Kommt mit dem sogenannten Metaverse die nächste ganz große Sache auf uns zu? Oder ist es einfach ein Investorenhype, der unauffällig wieder verschwinden wird? Zumindest, was diese Zukunftsdiskussion außerhalb Chinas betrifft, ist erstaunlich, dass sie sich um einen Begriff dreht, der erstmals vor etwas mehr als drei Dekaden in Neal Stephensons Novelle "Snow Crash" aufgetaucht ist. Die Story um einen Pizzalieferanten, der nachts zum gefährlichen Hacker in virtuellen Welten wird, klingt fürs Erste nicht nach der Leitgeschichte für eine kommende Revolution. Und wie für Cyberpunk-Literatur nicht ungewöhnlich, erinnert sie an die libertären Erzählungen der frühen Internet-Ära.

Die Entwicklung des Metaverse wird aktuell insbesondere von drei Investorengruppen vorangetrieben: von großen Technologieunternehmen wie Meta, Microsoft oder dem Halbleiterhersteller Nvidia, von Risikokapitalfonds und von vielen Luxusmarken außerhalb des Technologiesektors, die sich über die neue Technologie den Eintritt in profitable Marktsegmente erhoffen. Aufregung herrscht momentan eher in Bereichen wie Marketing, Unterhaltung oder E-Commerce und nicht in den Techniksektoren.

Vor allem in der Gaming-Szene sorgt das Metaverse bisher für wenig Furore. In diesen Insiderkreisen ist Leben in einer vollständig digitalen Realität bereits seit dem Film "Tron" (1982) oder dem Roman "Neuromancer" (1984), der den Begriff Cyberspace popularisiert hat, ein Thema. Und die Gaming-Szene ist bereits intensiv in virtuellen Welten unterwegs: ab 2003 im "Second Life", das laut eigenen Angaben immer noch eine Million aktive Nutzer hat, aber auch auf Roblox, einer Plattform mit rund 55 Millionen Nutzern, oder im Computerspiel "Minecraft" mit rund 140 Millionen Usern im Jahr 2022. Im Vergleich dazu sind die Aktivitäten auf den unterschiedlichen Metaverse-Plattformen wie "Decentraland", "The Sandbox" oder "Somnium Space" geradezu marginal.

Interessant ist auch, dass ausgerechnet der 28. Oktober 2021, der Tag, an dem Mark Zuckerberg die Umbenennung von Facebook in Meta verkündet hatte, als offizieller Start der öffentlichen Debatte zum Metaverse betrachtet wird. Zumindest außerhalb Chinas. Denn bereits einige Monate zuvor hatte Pony Ma Huateng, CEO der Tencent Holding, die Entwicklung des Quan Zhen skizziert, einer dem Metaverse (Yuanyuzhou in Mandarin) sehr ähnlichen Vision. China steht vor der Herausforderung, dass es die nächste Welle an technologischer Innovation auf globaler Ebene anführen und gestalten muss. Denn für die Führung in Peking kommt nicht in Frage, dass die Entwicklung einer Technologie mit derart weitreichendem Einfluss auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft erneut aus dem Westen kommt.

Ein gewaltiger Flop

Der Suchmaschinengigant Baidu war im Jänner 2022 das erste chinesische Unternehmen, das eine Metaverse-Anwendung zugänglich machte. Die App namens "XiRang" (Land der Hoffnung) kann via Computer, Smartphone und sämtlichen anderen mobilen Geräten benutzt werden. Laut eigenen Angaben ermöglicht "XiRang" die simultane Online-Interaktion von mehr als 100.000 Teilnehmern. Allerdings floppte die App gewaltig. Selbst Chinas staatlicher internationaler TV-Kanal CGTN nannte sie eine "grauenhafte Erfahrung".

Bytedance, das Unternehmen hinter TikTok, entwickelte mit "Paiduidao" (Partyinsel) ebenso eine Metaverse-App für den chinesischen Markt und mit "Pixsoul "eine weitere für den südostasiatischen Markt, zog diese dann aber wieder zurück. Bytedance hat auch die virtuelle Social-Media-Plattform PoliQ erworben. Tencent, der Betreiber von WeChat, dem chinesische WhatsApp, hat mit Super QQ eine 3D-Erweiterung seiner Messenger-Plattform QQ entwickelt. Insgesamt beziffert der erstmals veröffentlichte "Entwicklungsbericht Metaverse 2022" das chinesische Marktvolumen mit 40 Milliarden Yuan (5,4 Milliarden Euro).

Im Bereich Innovationspolitik wiederholen die zuständigen Ministerien die Strategie rund um den Nationalen Aktionsplan zur Entwicklung der KI-Technologie vom Juli 2017. Ein erster wichtiger Schritt liegt im Ausbau der wesentlichen Bausteine rund um die Technologie des Metaverse: Seit Mai 2020 wird der Ausbau der 5G-Infrastruktur verstärkt vorangetrieben: Laut eigenen Angaben gibt es bereits 757 Millionen 5G-Nutzer - das sind mehr als 50 Prozent der Bevölkerung -, und mit China Broad wurde ein vierter 5G-Infrastrukturbetreiber in den Markt genommen. Mit dem Blockchain Service Network bietet China, ebenfalls seit Mai 2020, Programmierern die Entwicklung von unterschiedlichen Anwendungen zu günstigen Bedingungen an. Und seit Jänner 2022 treibt Chinas Zentralbank aggressiv die Verbreitung des digitalen Yuan (e-CNY) voran, auch als aktuell einzige Bezahlmöglichkeit im Metaverse. All das soll ein Metaverse chinesischer Prägung sicherstellen.

Strategiepläne für das Metaverse

Im Jahr 2022 haben sowohl Peking und Shanghai als auch die Provinzen Jiangsu, Shadong, Fujian und Zhejiang Strategiepläne für das Metaverse veröffentlicht. Anfang November 2022 hat das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie ein nationales Strategiepapier zur Entwicklung des Metaverse vorgelegt. Der Fünfjahresplan, der das Metaverse nicht konkret erwähnt, zielt vor allem auf die Entwicklung der industriellen Anwendbarkeit der neuen Technologien ab. Das zwölfseitige Papier sieht die Entwicklung von hundert "Backbone"-Unternehmen im Bereich VR (Virtual Reality), AR (Augmented Reality) und XR (Extended Reality) vor und wählt zehn Pilotstädte und Industriecluster aus, um die Integration dieser Technologien in unterschiedlichen Bereichen zu testen und voranzutreiben.

Ein solches "Backbone"-Unternehmen, in der Sprache des Strategiepapiers auch als "kleiner Riese" bezeichnet, ist etwa die seit 2016 im Bereich XR-Equipment forschende Firma Rokid in der Provinz Zhejiang. Die AR-Headsets, die seit 2018 hergestellt werden, waren die ersten in China. Die sprunghafte Zunahme an Investitionen seit dem Jahr 2021 beschreibt auch die Investition von Alibaba in Nreal, einen weiteren Hersteller von AR-Headsets. Auch Baidu und Bytedance sind über die VR-Headset-Hersteller QIYU und Pico im Hardware-Geschäft vertreten. Das China Institute for Contemporary International Relations, der wichtigste, zum Ministerium für Staatssicherheit gehörende sicherheitspolitische Thinktank in China, sah sich sogar dazu verlasst, im Herbst 2021 ein Papier zu veröffentlichen, dass auf die Gefahren der Nationalen Sicherheit durch Investments ins Metaverse hinwies.

E-Commerce und Industrie

Eine zentrale Anwendung des Metaverse in China ist E-Commerce. Neben heimischen Anbietern sind auch zahlreiche internationale Luxusmarken vertreten. So bietet die E-Commerce-Plattform JD.com Möbel, Haushaltsgeräte und diverse Innenarchitekturlösungen als virtuelle Erfahrungen. Laut eigenen Angaben wurden für rund 1.000 Marken und mehr als 100.000 Produkte 3D-Lösungen entwickelt. Auch die Plattform Tmall von Alibaba hat 3D-Modellhäuser in Kooperation mit unterschiedlichen Einrichtungs- und Möbelherstellern erstellt. Der Wachstumsmarkt ist aber der Live-Commerce-Markt, den vor allem virtuelle Influencer dominieren. DouYin, die chinesische Version von TikTok, bietet eigene Features, die diese virtuellen Erfahrungen auf Smartphones besonders beliebt machen. Der Live-Commerce-Markt verzeichnete zwischen 2020 und 2022 ein Wachstum von 270 Prozent.

Trotzdem liegt die Zukunft des Metaverse in China nicht in Kunst, Design oder Mode. Das machen sowohl die Strategiepläne klar als auch deren Vorläufer, etwa die Smart-Manufacturing-Strategie "Made in China 2025" von 2015. Das Institut für Informationstechnologie an der Nanjing Universität für Informatik hat sich bereits in Institut für Metaverse-Technologien umbenannt. Es ist damit die erste tertiäre Bildungsinstitution, die betont, dass das Metaverse in China im Bereich der MINT-Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) angesiedelt ist. Im November 2022 wurde auch in Shenzhen ein Forschungsinstitut gegründet, weitere von Huawei und Tencent finanzierte Institute gibt es an den Universitäten Peking und Fudan.

Das Ziel aus der Sicht der Führung in Peking sind industrielle Anwendungen, also die Simulation von Produktionsprozessen, Lieferketten und ganzen Smart Citys mittels digitaler Zwillinge, die Testläufe und Experimente für die Produktion realer Produkte ermöglichen. Zum Beispiel arbeitet Tencent mit Ruitai Masteel New Materials Technology an einer derartigen Zwillingsfabrik. Das BMW-Werk Lydia in Shenyang ist die erste Autoproduktionsstätte, die im Metaverse designt wurde; der gesamte Produktionsprozess wurde bereits vor dem Aufbau mittels eines digitalen Zwillings simuliert.

Erneut stellt sich die Frage nach dem Technologietransfer in Richtung China. Das chinesische Metaverse wird kurzfristig vor allem ein Ziel westlicher Investition und Joint Ventures sein: Vorigen August hat der US-Spieleentwickler Unity Technologies, dessen Produkte zur Entwicklung von AR, VR und Metaverse-Anwendungen dienen, ein Joint Venture zur Entwicklung von Unity China unterzeichnet. Die Partner heißen Bytedance, China Mobil und PCI Technology - Letzteres ist ein Unternehmen, das sich auf Gesichtserkennung und KI spezialisiert hat.

Bisher keines der Ziele erreicht

Wie im Falle der Corona-Pandemie wird behauptet, die stark interventionistische Industriepolitik Chinas sei vielversprechender, da eine koordinierte Soft- und Hardware-Entwicklung damit leichter zu steuern sei. Zum Beleg wird auf die Unzahl von in Peking erdachten Strategiepapieren verwiesen. Zunächst ist festzuhalten, dass viele der Überlegungen hinter den industriellen Anwendungen des Metaverse bereits in westlichen Entwicklungsplänen zur sogenannten Industrie 4.0 enthalten waren. Strategiepapiere haben auch Südkorea (Seoul-Metaverse-Fünfjahresplan aus dem Jahr 2021), Japan (Strategie "Society 5.0") oder die EU-Kommission entwickelt.

Besonders wichtig ist aber in der Bewertung, dass trotz ihrer ambitionierten Ziele und der gigantischen Dotierungen bei keinem der chinesischen Papiere je ein darin formuliertes Ziel auch erreicht wurde. Nicht im Bereich Halbleiterproduktion, die seit 1991 mit gigantischen Summen und fast so vielen Strategiepapieren gefördert wird, auch nicht bei der "Made in China 2025"-Strategie, und die Ziele des Nationalen Aktionsplans für KI sind ebenso weit entfernt.