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Das Risiko des Vertrauens

Von Herbert Maurer

Reflexionen
Der armenische Heilige Gregor von Narek.
© Joachim Schäfer: Ökumenisches Heiligenlexikon.

Religion und Kirchenarchitektur sind für das armenische Selbstverständnis von zentraler Bedeutung.


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Armenien ist das erste christliche Land der Welt. Ist das wichtig? Was spürt man heute davon, ob als Armenier in Kanada oder als Tourist in einem "Museum des Abendlands"?

Atom Egoyan hat in seinem Film "Calendar" die Beziehung der Armenier mit kanadischer Coolness und armenischer Empathie wunderbar erzählt. Einfach und klar. Es geht, wie so oft, um Erotik, aber um eine Erotik, die fast zweitausend Jahre lang immer neu kultiviert oder neu erfunden werden muss. Der Plot ist simpel, so wie die Weltgeschichte auch: "A man loves a woman", mit allen Grausamkeiten, die offenbar nicht zu vermeiden sind, die Krise ist offensichtlich, vor allem auf diesem gefährlichen Terrain.

Egoyan erzählt die Geschichte eines Paares, das aus unterschiedlichen Welten - sie aus Frankreich, er aus Kanada - nach Armenien "zurückkehren" oder einfach wirklich ankommen will, um das Land neu zu verstehen. Verstehen bedeutet aber auch, gerade für Armenier aus der Diaspora, Religion zu lernen, Tradition zu lernen, das Übersetzen der Kulturen zu lernen. Die beiden stehen vor der ersten Kirche und verstehen das Gebäude nicht, seine Heiligkeit, die der Taxifahrer ihnen zu erklären versucht - einer, der nicht im Luxus der Diaspora leben konnte, sondern zur zweifelhaften Romantik der Sowjetunion verurteilt war.

Sprechende Kirchen

Beide sind exotische Geschöpfe, aber auch Kinder derselben Kultur und Religion - Religion heißt eben auch Bindung aneinander, und das gilt für die christlichen Armenier ganz besonders. Die Reise geht nun weiter von einer Kirche zur anderen. Immer mehr wird für ihn, den in diesem fremden Land verlorenen Kanadier, das Gebäude zu einem menschlichen Körper, sie beginnt in den Räumen wiederum, ihre Muttersprache zu finden.

Dennoch ist die Geschichte alles andere als nationalistisch konnotiert. Die Religion wird als das spürbar gemacht, was jenseits von Kitsch zwischen Menschen funktioniert - oder eben nicht. Das Risiko des Vertrauens zwischen all den seltsamen Begriffen bleibt bestehen, und ist das Risiko, wenn man von Sprache, Nation und Religion redet.

Die armenische Kirche hat diesen riskanten Schwebezustand immer wieder erleben und durchleben müssen, um letztlich Menschen, einfache Menschen, keine pathetischen Christen, durch die Geschichte hindurch zu tragen.

Gerade deshalb ist es gut, dass die Kirchen in Armenien nicht
als "Tempel" oder "Monumente" wahrgenommen werden, schon gar nicht als Heiligtümer irgendeiner nationalen Religiosität, nein: die alten Kirchen sind wie Lebewesen und erzählen, weil sie sprechen können, dem armenischen Kanadier und der armenischen Französin nicht mehr und nicht weniger als: Nur keine Angst vor euch selbst und auch keine vor allen anderen, die an euch zweifeln oder euch zum Zweifel überreden wollen!

Religion mag romantisch sein oder langweilig, manchmal kann Religion auch klug sein. Gregor von Narek, der am 21. Februar vom römischen Papst zum Kirchenlehrer erhoben wurde, hat genau diese Klugheit gelebt und beschrieben.

Würde des Alleinseins

Gregor war ein Geistesverwandter von Pascal. Der Ausgangspunkt seines Denkens ist (so wie der des französischen Mathematikers und Theologen) eben der, den auch der kanadische Armenier und seine französische Armenierin in den lebendigen Kirchen gespürt haben: Gibt es eine Würde des Alleinseins, lässt sich die Einsamkeit durch ein Miteinandersein überwinden? Gregor von Narek hat das in seinem "Buch der Trauergesänge", das in Armenien so etwas ist wie "die zweite Heilige Schrift", immer wieder thematisiert. Wer früher krank war, dem wurde dieses Buch buchstäblich aufs Herz gelegt.

So hermetisch die Texte auch immer sein mögen - in einer kleinen "Text-Collage" versucht der Autor dieses Artikels und Gregor-Übersetzer mit einer Zusammenstellung von Textauszügen ein Gefühl für dieses Jahrtausendwerk der religiösen Literatur Armeniens zu vermitteln. Einmal mehr geht es dabei vor allem anderen um Atem, um Freiheit . . .

Hommage an Gregor

so will ich von der würde von uns allen reden
und von unsrer größe, ja, von uns, den kleinen kindern
den falschen großen menschen
voller angst
und mit viel stolz
nicht nur mit demut und zum dank für das geschenk des lebens
nein
allein um der lebendigkeit
und um des atemholens willen für den atem
und im namen dieses atems
ohne den es kein lebendigsein mehr gibt.
nicht um die gabe geht es
sondern nur um den, der gibt, in jedem augenblick ...
der, der gibt, der lebt und atmet mit uns allen ...
ich lebe deshalb, weil mir jemand leben gibt, mich atmen lässt
nicht wichtig ist der lärm der feier
wichtig ist das schlagen jener herzen, die noch feiern
das leben und den tod und ... überleben
wir suchen schutz in unsren händen
denn die hände sind der himmel
in der umarmung überleben wir den tod
ob groß, klein oder unendlich
die traurigkeit vergeht sehr schnell und sie gehört uns
aber: wir gehören ihr nicht
und aus der schwäche wird die kraft der hoffnung
ob im kleinen, ob im großen tod ...
lieber mensch im himmel
lass das schwache stärker werden
lass das böse vergehen, und ...
vergessen wir die schwerkraft,
die nacht in unsrem kopf
träumen ist fliegen und denken ist gut
und: wenn wir hoffen sind wir könige
des lebens.
was brauchen wir
um unser leben schön zu retten?
die zeit, die tage, die stunden, alles vergeht
so schnell ...
heilen ist etwas ...
zwischen himmel und erde
heilen ist etwas ...
zwischen einander, zwischen dem tod und dem leben
zwischen dem gestern und unserem morgen ...
unsre entscheidung heißt:
freiheit...

Herbert Maurer ist Schriftsteller und Übersetzer. Studien in Venedig, Jerusalem, Köln und Jerevan, zahlreiche Veröffentlichungen. Er engagiert sich für die Kommunikation zwischen Armenien und den deutschsprachigen Ländern. Aktuelles zu Armenien: "Bitte Regen", neue Prosa (Wieser Verlag), "Und Gott spricht Armenisch" (Klever-Verlag).

www.herbertmaurer.at