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Das Heizschwammerl ist zur sozialen Frage geworden.
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Was in der Pandemie die offenen Skilifte waren, sind in der Energiekrise glühende Heizschwammerl. Wenig polarisiert so stark wie die Frage: Sollen Wirte ihre Heizstrahler im Schanigarten anwerfen, wo doch alle Energie sparen sollen?
Im Rahmen der Energiesparziele erwägt Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) unter anderem ein Heizschwammerlverbot. Das kommt bei Gastronomen gar nicht gut an. Sie fordern Wahlfreiheit, weil bei den hohen Energiekosten ohnehin nur dann draußen geheizt wird, wenn es sich auch wirklich lohnt.
In normalen Zeiten ist es eine einfache betriebswirtschaftliche Rechnung: Wie viel kostet die Kilowattstunde Strom? Wie viele Kaffees und Spritzer kann ich in dieser Zeit draußen verkaufen, und rentiert sich das? Der Markt regelt es.
Aber heuer regelt der Energiemarkt, der von Gazprom aus geopolitischem Kalkül ad absurdum geführt wird, gar nichts, zumindest nicht im Sinne aller Marktteilnehmer. Und das Wirtschaftliche ist politisch wie selten zuvor. Deshalb wird heuer auch anders kalkuliert. Zum Beispiel so wie kürzlich von Christoph Dolna-Gruber, Energieexperte bei der Österreichischen Energieagentur, vorgerechnet: Ein elektrischer Heizstrahler hat eine durchschnittliche Leistung von 2 Kilowatt pro Stunde. Wenn er fünf Stunden lang in Betrieb ist, verbraucht er also 10 Kilowattstunden (kWh) pro Tag. Laufen 50 Heizschwammerl von Oktober bis Ende Februar jeden Tag fünf Stunden lang, kommt man auf einen Stromverbrauch von 74.500 kWh. Ein durchschnittlicher Haushalt verbraucht 3.500 kWh Strom pro Jahr. Also brauchen die 50 Heizstrahler so viel Strom wie 21 Haushalte.
Das Heizschwammerl ist zur Solidaritätsfrage geworden. Aber eigentlich geht es darum, wie wir mit der knappen und teuren Ressource Energie umgehen und wer wie viel davon bekommt. Heizen wir die Schanigärten oder heizen wir die Wohnungen? Wo fangen wir mit dem Sparen an? Beim Schanigarten, in der Industrie, unter der eigenen Dusche und bei der eigenen Heizung? Was passiert mit den Arbeitsplätzen, wenn Schanigärten, Thermen und Produktionsstraßen geschlossen werden? Was bedeutet es für die Energiepreise, wenn sie geöffnet bleiben?
Die emotionale öffentliche Debatte zeigt: Wir sind mit dem aktuellen Energiemangel und dem drohenden Wohlstandsverlust als Gesellschaft überfordert. Fast niemand von uns hat "Ärmer werden" in seiner Lebensplanung. Energie war im Überfluss da, und ab der Mittelschicht aufwärts konnte sich kaum jemand erinnern, wie hoch die vergangene Stromrechnung war. Das ist vorbei. Jetzt wird beinhart umverteilt. Denn Fakt ist, dass zumindest diesen Winter für niemanden genug leistbare Energie da ist.

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