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Das Schwarzbuch der Revolution

Von Simone Brunner

Politik

Aktivisten sammeln Beweise für Polizeigewalt und Menschenrechtsverletzungen am Maidan. | Eine Klage soll noch in diesem Sommer beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingereicht werden.


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Kiew/Lemberg. Explosionen und Molotowcocktails, Schüsse und brennende Barrikaden, mitten in einer europäischen Hauptstadt. Die Welt sah fassungslos zu, als im Februar die Gewalt am Kiewer Unabhängigkeitsplatz eskalierte. Als die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei auf dem Maidan immer härter und unerbittlicher wurden, stand Andrej an vorderster Front. Am 18. Februar um 11.30 Uhr wurde Andrej von einem Geschoss getroffen. Dabei hat er seinen linken Unterarm verloren.

Dieser Tag hat für Andrej alles verändert. Bis zuletzt hat der 37-Jährige als Software-Entwickler in der westukrainischen Stadt Lemberg gearbeitet, wo er sich auch in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagierte. Schon bei der Orangen Revolution demonstrierte er am Maidan. Dass er sich dort knapp zehn Jahre später gegen die Polizei stellen würde, als die Räumung der Zeltstadt drohte und scharf geschossen wurde, steht für ihn bis heute außer Frage. "Früher oder später erkennst du, dass du dafür Verantwortung übernehmen musst, was in deinem Land passiert", sagt Andrej zur "Wiener Zeitung". "Es ist der Glaube daran, dass wir selbst ein schönes Land aufbauen können, in dem man gut leben kann."

Nach monatelangen friedlichen Protesten war die Gewalt am Kiewer Unabhängigkeitsplatz im Jänner und Februar dieses Jahres eskaliert. Zumindest 110 Menschen sind bei dem Aufstand gegen den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch gestorben, darunter 18 Polizisten. 32 Menschen werden noch immer vermisst.

Andrejs Geschichte ist nur eine von den vielen Tragödien, die Artem Mirgorodski gesammelt und aufgezeichnet hat. Um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Gewalt in den Wintertagen über den Maidan hinwegfegte, braucht es nur wenige Klicks auf seinem Smartphone: Verbrennungen, Stichwunden, Platzwunden. Hunderte Datensätze, fein säuberlich in einzelnen Ordnern abgelegt. "Wir haben alle Informationen der Betroffenen gesammelt: Fotos, Passdaten, Familienstand, Verletzungen, Behandlungen, psychologischer Zustand", sagt Mirgorodski. Insgesamt 700 Menschen wurden am Maidan schwer verletzt. 520 Datensätze sind schon abgespeichert.

Geht um "historische Wahrheit"

Mirgorodski ist ein ruhiger Mitt-Dreißiger, Immobilienberater und Gründer der Initiative "HelpEplus". Begonnen hat "HelpEplus" eigentlich als eine Art Krankentransport. Als die Gewalt am Maidan eskalierte und verletzte Aktivisten selbst in den Krankenhäusern nicht mehr vor Verfolgung sicher waren, wurde Mirgorodski aktiv: Mit Freunden hat er einen Hilfsdienst eingerichtet, um Verletzte zu improvisierten Versorgungszentren zu transportieren - in Klöstern, Kirchen oder besetzten Amtsgebäuden.

"Irgendwann haben wir verstanden, dass es wichtig ist, diese Fälle zu dokumentieren", sagt Mirgorodski. Da sie nicht in Spitälern behandelt wurden, sind viele dieser Fälle gar nicht bei den Behörden registriert. "Wenn wir diese Infos nicht sammeln, dann gehen sie einfach verloren."

Für Mirgorodski geht es dabei mittlerweile um nicht weniger als die "historische Wahrheit", wie er sagt: "50 Menschen in unserem Register haben ein Auge verloren. Das zeigt, dass die Sicherheitskräfte gezielt auf den Kopf geschossen haben." Insgesamt 100 Personen gelten als invalid, zumindest jeder Fünfte leide an posttraumatischen Belastungsstörungen. "Das zeigt die Brutalität - es war wie ein richtiger Krieg."

Vom Maidan in die Ostukraine

Viele der Maidan-Kämpfer seien inzwischen in den Kampf in die Ostukraine gezogen - schlichtweg, weil sie nicht anders können: "Jeder, der dem Tod in die Augen gesehen hat, kann nicht so einfach zurückkehren", sagt Mirgorodski und streicht über sein Handy. "So wie dieser hier." Mirgorodski zeigt das Foto eines Mannes mit einem trüb-glasigen Blick. "Auf dem Maidan war er ein gewöhnlicher Aktivist, jetzt ist er zum Kämpfer geworden. Das ist der Blick des Krieges. Der Blick von jemandem, der ein Maschinengewehr in die Hand nimmt, um zu töten."

Inzwischen wird gemeinsam mit dem "Komitee für die Untersuchung und Prävention von Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine" eine Klage am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vorbereitet. 2608 Opfer hat dieses Komitee unter der Führung des ehemaligen ukrainischen UN-Beauftragten für Menschenrechte Wolodomyr Wasilenko bereits registriert.

"Unser Ziel ist es, ein ‚Schwarzbuch‘ der Menschenrechtsverletzungen während der Proteste in der Ukraine herauszugeben", sagt Juri Kuschnir, Jurist und Sekretär des Komitees. Das Komitee dokumentiert nicht nur Fälle von Personen, die körperlich gelitten haben - sondern auch von Menschen, die etwa infolge der Proteste ihren Job verloren haben oder psychisch bedroht wurden. Das Material soll noch in diesem Sommer nach Den Haag geschickt werden.

Dass sich die Organisationen lieber an internationale Institutionen wenden, zeigt, wie tief die Gräben zwischen Zivilgesellschaft und Behörden in der Ukraine immer noch sind. "Wir glauben, dass nur der Internationale Strafgerichtshof in der Lage ist, die Taten des ehemaligen Regimes zu untersuchen und zu bestrafen", sagt Kuschnir. Zuletzt war von Maidan-Aktivisten immer wieder gefordert worden, endlich die Schuldigen für den massiven Einsatz von Gewalt am Unabhängigkeitsplatz zu benennen und bestrafen. Dem seien die ukrainischen Behörden bisher nur halbherzig nachgekommen, so die Kritik. Derweil tourt das Team von "HelpEplus" schon seit zwei Monaten durch die Ukraine, um weitere Menschen zu finden, die am Maidan verletzt wurden, aber wieder nach Hause zurückgekehrt sind. Es wird geschätzt, dass rund 70 Prozent der Maidan-Opfer aus der Westukraine stammen. Dieser Tage ist die Truppe von einer Reise nach Lemberg zurückgekehrt. Mit Erfolg: 64 neue Einträge in der Datenbank. "Die Infos werden von uns natürlich streng überprüft - ein persönliches Treffen ist ein absolutes Muss", sagt Mirgorodski.

Behandlung in Österreich

"HelpEplus" ist inzwischen zur Anlaufstelle für viele internationale Hilfsorganisationen geworden. Für die Betroffenen hat das auch einen ganz praktischen Nutzen. So ist es gelungen, jene 59.000 Euro für Andrejs Unterarmprothese aufzutreiben. Andrej konnte in einer österreichischen Klinik behandelt werden. Das Geld stammt von der Caritas Ukraine. Für sie ist "HelpEplus" zur wichtigsten Informationsquelle für die Verteilung von Hilfsgeldern geworden.