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Das Sprachrohr Deutschlands

Von Stefan May

Reflexionen

Wo wird Amharisch gesprochen? Richtige Antwort: in Äthiopien. Ebenfalls richtig, wenngleich weitaus erstaunlicher: in der "Deutschen Welle", dem öffentlich-rechtlichen Radio unseres Nachbarlandes.


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In einer Sprecherkabine der Deutschen Welle in Bonn sitzt die Äthiopierin Hirut Melesse und moderiert die tägliche Amharisch-Sendung auf Kurzwelle. In 30 Sprachen sendet der Auslandssender Deutschlands rund um den Globus. Per Fernsehen in Deutsch und Englisch aus Berlin, per Radio und Internet aus Bonn.

Hier wird gerade eines der vielen Äthiopien-Programme der Deutschen Welle produziert.
© DW/Müller

Nicht immer zur Freude der Regierenden im Zielgebiet. "Alles, wo Deutsche Welle draufsteht, ist in China gesperrt", sagt der Leiter der Chinesisch-Redaktion, Matthias von Hein. "Ohne Zensurumgehungssoftware kommt man nicht ran." Das Chinesisch-Programm der Deutschen Welle (DW) wird über Internet verbreitet. Radio über Kurzwelle wurde vor einem Jahr, nach einem halben Jahrhundert, eingestellt. "Schweren Herzens trug ich es mit", sagt der nach Eigendefinition "leidenschaftliche Radiomann" von Hein. Doch die Kurzwellennutzung sinkt, die Ausstrahlung ist teuer.

Der Medienmarkt im Reich der Mitte ist, so wie alles in China, riesig. Die Provinzen, teilweise größer als Deutschland, haben eigene Senderketten. Alles wird mittels Werbung vermarktet. Darüber wacht ein Apparat, der ausgibt, wie mit Nachrichten umzugehen ist: Tibet, Taiwan und das Massaker vom Tiananmen-Platz - heuer vor 25 Jahren - sind Tabuthemen, werden aber von der Deutschen Welle behandelt - auf Chinesisch. "Wenn das auf Englisch erscheint, juckt das dort keinen", sagt von Hein, der die Rechtfertigung für seine Redak- tion gerade in der chinesischen Zensur sieht.

Chinas neue Mauer

"Es gibt eine Menge Leute, die die Technik haben, die Great Firewall of China zu überspringen", sagt Matthias von Hein. "Die Behörden sind nicht drauf aus, den Zugang zu 100 Prozent unmöglich zu machen, sondern ihn möglichst vielen Usern zu verwehren." Ein Mitarbeiter in China, der die Möglichkeit hat, die chinesische Internet-Mauer zu überspringen, postet die DW-Beiträge in Diskussionsforen - ein wesentlicher Vertriebsweg des deutschen Auslandsenders. Allerdings muss fast täglich der Proxy-Server gewechselt werden. Der Iran hingegen reagiert mit seiner Firewall erst nach Wochen.

Trotz Bekämpfung wird die Deutsche Welle gerne in chinesischen Medien zitiert, selbst vom chinesischen Konsulat in Frankfurt am Main. DW bietet selbst Umgehungssoftware an - dafür müssten die 600 Millionen chinesischen Internetbenutzer den täglichen Podcast aber erst einmal kennen: "Ein Henne-Ei-Problem", räumt der Leiter der Redaktion mit einem Dutzend chinesischer Mitarbeiter ein.

Dennoch verzeichnet die Deutsche Welle bis zu zwei Millionen Klicks pro Tag. Etwa 200 Emails erreichen pro Woche die Redak- tion. User gibt es in aller Welt, etwa chinesische Studenten in Deutschland. "Wir werden von den wichtigen Leuten wahrgenommen", sagt von Hein. Ihnen sollen Gedanken von Zivilgesellschaft, Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Korruptionsbekämpfung näher gebracht werden. Entscheidend sei die unabhängige Kraft, mit der Politiker und Wirtschaftstreibende zu rechnen hätten. "Da hoffen wir schon, à la longue die Denke zu verändern", so der Leiter der China-Redaktion.

Auslandsrundfunk ist eine Mission, die Weltsichten von Staaten oder Gesellschaften ins Ausland trägt, ein eigener internationaler Wettbewerb, ein politisches Instrument: Während das deutsche Parlament der Deutschen Welle jährlich 270 Millionen Euro dafür bewilligt, sind es in Frankreich 320,5, in Russland 330. Der Iran steckt dreimal so viel wie Deutschland in internationale Informationsangebote. China, selbst so ängstlich gegenüber anderen, investiert 1,8 Milliarden Euro im Jahr. "Jedes Land hat Erklärungsbedarf seiner eigenen Position", sagt der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, Johannes Hoffmann.

Garant für Seriosität

Die Deutsche Welle möchte sich in der Welt als seriöse Marke positionieren. "Der Wettbewerb ist ungleich heftiger geworden", sagt Hoffmann. Einer der schwierigsten Medienmärkte ist der arabische mit rund 700 TV-Kanälen, davon 50 informationsorientiert. "Deutschland hat großes Interesse weltweit wahrgenommen zu werden." Man erwarte, dass es seine Verantwortung wahrnehme: "Warum habt ihr in Libyen nicht mitgemacht? Das will man von uns wissen", sagt Hoffmann.

Und so werden politische, wirtschaftliche und kulturelle Themen aus Berlin und Bonn in alle Welt ausgestrahlt. Zielgruppe sind derzeitige und künftige Meinungsführer. Vielerorts ist die DW eine Referenzquelle. Sie wird von den Nutzern als neutraler Überbringer verlässlicher Information und zur Kontrolle der eigenen Medien wahrgenommen.

500 Mitarbeiter sind beim linearen Fernsehen in Berlin, 1100 in Bonn beschäftigt. Dort machen sie in einem langgestreckten weißen Bau mit eleganten schwarzen Stahlrahmen am Rheinufer Programm, mitten im ehemaligen Regierungsviertel der BRD. Es handelt sich um jenen Bau, den der Architekt Joachim Schürmann Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts als neues Abgeordnetenhaus der Bundesrepublik plante, bevor erst das Rheinhochwasser den Rohbau fast zerstörte und somit zu einem der teuersten Bauwerke Deutschlands machte und wenig später die Geschichte über die Pläne hinweg schritt.

Nun sendet die Deutsche Welle aus dem Gebäude, das von alten Villen, in denen Banken oder Teile der Post untergebracht sind, sowie dem "langen Eugen", einem Hochhaus, in dem jetzt die Vereinten Nationen residieren, eingerahmt ist. Geschäftigkeit und Beschaulichkeit verschränken sich hier, zwischen Rhein und Museumsmeile von Bonn.

"Internationaler Rundfunk ist eine eigene Welt, und in einer Ein-Parteien-Diktatur ist es nochmals eine eigene Geschichte", sagt China-Redaktionsleiter von Hein. "Zudem ist das Land von Bedeutung für die deutsche Wirtschaft, und es gibt kaum ein großes Thema in der Welt, wo nicht China mitspielt."

Auch kaum eine Region in der Welt. Etwa Afrika. Dort positioniert sich auch die Deutsche Welle stark: Sie verfügt auf dem Kontinent über ein Netz von 242 Korrespondenten und 326 Partnersendern. Wöchentlich konsumieren 101 Millionen Nutzer weltweit die DW-Programme, die Hälfte von ihnen ist in Ostafrika daheim. In Tansania und Nigeria liegt die Reichweite bei je 37 Prozent. Gesendet wird auf Kisuaheli, Haussa, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Amharisch - insgesamt zehn Stunden täglich.

Nachrichten für Afrika

In Äthiopien sendet die Deutsche Welle ihr Radioprogramm über Kurzwelle, früher täglich um 17 Uhr, jetzt den geänderten Hörgewohnheiten angepasst, um 19 Uhr, eine Stunde lang: Moderatorin Hirut Melesse moderiert heute in ihrem Studio Beiträge über eine Frauen-Demonstration in der Hauptstadt Addis Abeba, über 42 vor Jemen ertrunkene Flüchtlinge und ein Gespräch mit Brüssel zur Ukraine. Sport nimmt großen Raum ein, denn die Äthiopier sind ein Volk der Läufer und Leichtathleten.

Seit der Intendant der Deutschen Welle einen Brief in die noch junge, ungelenke Demokratie geschickt hat, werde das Programm nicht mehr gejammt, also gestört, erzählt der Leiter der Amharisch-Redaktion, Ludger Scha-domsky, in seinem hellen Büro mit Blick auf den Rhein. Auf dem Schreibtisch steht eine Wimpel in den rot-gelb-grünen Landesfarben Äthiopiens. "Das heißt nicht, dass sie uns nicht das Leben schwer machen." Etwa dadurch, dass in diesem bevölkerungsmäßig zweitgrößten Land Afrikas mit 90 Millionen Einwohnern keine Genehmigung für mehr als zwei Korrespondenten zu erhalten sei.

Das Programm sei hochpolitisch und werde von der Regierung Tag für Tag abgehört und mitstenografiert, sagt Schadom-sky. "Wenn ich dort bin, zieht der Informationsminister vor dem Gespräch unsere Manuskripte, die rot angestrichen wurden, heraus." Stolz ist der Redaktionsleiter auf die Zuschrift eines Äthiopiers: "Wir sind wie Fische ohne Kiemen. Die Deutsche Welle gibt uns die Luft zu atmen." Seit 1965 sendet die Deutsche Welle auf Kurzwelle in Äthiopien: "Wir haben die Haile Selassie-Zeit begleitet, dann die furchtbare Mengistu-Zeit, dann die vorsichtige Demokratisierung", sagt Schadomsky, der zuerst Südafrika-Korrespondent gewesen ist und später erst Amharisch erlernte, "eine sehr schwierige semitische Sprache, sehr floral und nuancenreich".

Parallel zur Kurzwelle wird über Satellit gesendet, der schwerer zu jammen ist, außerdem begleitend über Internet. In Äthio-pien sind außer der Deutschen Welle auch Voice of America und Radio Vatikan mit ihren Auslandsprogrammen vertreten.

Kontakt zu den Hörern

Die DW deckt das gesamte Horn von Afrika ab, auch Eritrea, das "Nordkorea Afrikas", wo ebenfalls Amharisch gesprochen wird. Viele Junge leben in Äthiopien, erzählt der Redaktionsleiter. "Es gärt im Land, entsprechend nervös ist die Regierung." Über den arabischen Frühling dürfe nichts gesendet werden. "Das Verständnis von Pressefreiheit ist noch sehr vorsintflutlich", urteilt Schadomsky. "Unsere Sendung beginnt mit zehn Minuten Nachrichten, weil außer von der Voice of America sonst keine ungefilterten Nachrichten für das Land produziert werden."

Der Redaktionsleiter vermutet, dass die Deutsche Welle auch deshalb hohe Glaubwürdigkeit in Afrika habe, weil Deutschland eigentlich keine Kolonialmacht war. Als neue mediale Player würden Russland mit dem TV-Sender Russia Today auftreten sowie China, "das seine Präsenz mit einer schamlosen Scheckbuchpolitik flankiert".

Der Kontakt zur Hörerschaft ist eng: Die Jungen aus der Hauptstadt schicken Mails, andere ganz altmodisch Briefe. Politische Gefangene hören ebenso das Amharisch-Programm wie Bewohner ländlicher Gebiete. Soldaten beklagen sich beim Sender, dass sie keinen Sold erhalten, weil ihn die Vorgesetzten einstecken würden. Eine Kummernummer, aber kein Service-Radio. Doch auch wenn er sich mit Jamming herumschlagen muss, bleibt Ludger Schadomsky gelassen: "Wir haben ein gutes Gewissen, weil wir auch von der Opposition geohrfeigt werden."

Zorn von beiden Seiten bestätigt die Richtigkeit der Botschaft. Eine Botschaft, die von der Deutschen Welle in alle Welt getragen wird. In 30 Sprachen.

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien und schreibt regelmäßig Reportagen fürs "extra".

Website Radio Deutsche Welle