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Das Teilzeit-Paradoxon

Von Rolf Gleißner

Gastkommentare
Rolf Gleißner ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der Wirtschaftskammer Österreich.

Die Politik macht Teilzeit immer attraktiver - und beklagt gleichzeitig, dass immer mehr Menschen in Teilzeit arbeiten.


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Der aktuelle Sozialbericht des Sozialministeriums ist Wasser auf die Mühlen von Schwarzsehern: Die Einkommen sind demnach immer ungleicher verteilt, der Niedriglohnsektor wächst. Das Problem, schrieb auch die "Wiener Zeitung", sei die Zunahme atypischer Einkommensverhältnisse, ja die "Prekarisierung" (siehe Ausgabe vom 22. Jänner). Merkwürdig nur, dass laut dem Sozialbericht Armut und Armutsgefährdung in Österreich rückläufig sind.

Dabei löst der Sozialbericht selbst diesen Widerspruch auf: "Ein Grund für die steigende Ungleichheit ist vor allem der Anstieg der Teilzeitarbeitsplätze." Denn während früher auch viele Vollzeitbeschäftigte unter das unterste Einkommensfünftel fielen, sind heute dort großteils geringfügig oder in Teilzeit Beschäftigte zu finden. Kein Wunder also, dass der Anteil des untersten Einkommensfünftels am Gesamteinkommen zurückgegangen ist.

Dennoch nahm der Anteil der "Working Poor" laut Sozialbericht (Seite 306) zwischen 2008 und 2013 von 9 auf 8 Prozent ab, trotz Wirtschaftskrise. Der Grund dafür: Teilzeiteinkommen sind meist nicht die einzigen, sondern zusätzliche Einkommen im Haushalt, die daher Armut reduzieren und nicht erhöhen. Dazu passt, dass Teilzeitarbeit allen Umfragen zufolge großteils gewollt und laut Eurostat nur zu 11,7 Prozent unfreiwillig ist.

Teilzeit nimmt rasant zu. Ein Grund ist, dass Teilzeit gesetzlich massiv gefördert wird: Geringverdiener, das sind großteils Teilzeitbeschäftigte, zahlen keine Einkommensteuer, keinen Arbeitslosenversicherungsbeitrag (bei voller Versicherung), erhalten sogar eine Negativsteuer, also einen Transfer vom Finanzamt. Geringfügig Beschäftigte zahlen gar keine Direktabgaben, sind aber meist anderweitig versichert. Altersteilzeit wird massiv aus Beitrags- und Steuermitteln subventioniert. Das alles gilt unabhängig von der Bedürftigkeit, also auch dann, wenn der Partner/die Partnerin ein hohes Einkommen hat. Steigt eine Teilzeitkraft auf Vollzeit um, fallen nicht nur die obigen massiven Abgaben an, sondern gehen auch viele Sozialtransfers verloren.

Im Zuge einer Steuerreform soll nun nicht nur die Einkommensteuer sinken. Auch Geringverdiener, die keine Einkommensteuer zahlen, sollen durch zusätzliche Transfers und Abgabenbefreiungen profitieren. Dabei bestätigt das Wifo in seiner jüngsten Studie die Themenverfehlung: "Von der Reform würden zu einem erheblichen Teil Personen profitieren, deren Bruttomonatseinkommen aufgrund der niedrigen Wochenstundenzahl relativ gering ist. Zudem zeigt sich eine relativ schwache Übereinstimmung zwischen Niedriglohnbeschäftigung und Armutsgefährdung von Erwerbstätigen."

Nun ist der Autor keineswegs gegen Teilzeit. Doch muss man sich möglicher Folgen einer zusätzlichen Förderung bewusst sein: Noch mehr Menschen als bisher, vor allem Frauen, werden in die Teilzeit drängen. Das Ziel der Armutsreduktion wird weitgehend verfehlt. Der Niedriglohnsektor wird statistisch weiter wachsen, Schwarzseher werden nach mehr Umverteilung rufen. Es wird weniger Vollzeitbeschäftigte geben und damit weniger Menschen, die Einkommensteuer zahlen. Will man das?