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Das Trauma ist noch immer präsent

Von WZ-Korrespondentin Heike Warmuth

Politik

Fünf Jahre nach dem WTC-Einsturz. | Die meisten haben Angst vor einem neuen Anschlag. | New York. John McConnachie war gerade auf dem Weg zum Zahnarzt, als der Südturm des World Trade Center (WTC) als erster der beiden Twin Towers zusammenkrachte. Der Feuerwehrmann hatte eigentlich an diesem Tag frei, wollte dennoch helfen. Dass dies nicht unbedingt gut überlegt war, wusste er spätestens dann, als der Nordturm zusammenfiel und er sich unter einem Auto wiederfand: "Meine Lunge füllte sich mit klebrigem Staub. Ich glaubte, ich würde ersticken. Und ich war so stinksauer auf mich, weil ich ohnehin wusste, dass ich nicht mehr wirklich helfen konnte", meint er zurückblickend.


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Die Kollegen seiner Feuerwehrwache, obwohl ganz in der Nähe der Zwillingstürme stationiert, haben alle überlebt. Sie konnten sich rechtzeitig aus dem 30. Stock retten. Für 343 New Yorker Feuerwehrleute aber war es der letzte Einsatztag. "Keiner wusste, was zu tun ist. Also taten alle das, was Feuerwehrleute immer tun. Ins Gebäude laufen und versuchen das Feuer zu löschen", erklärt der 44-Jährige die hohe Zahl an getöteten Feuerwehrmännern.

Viel trinken, viel reden als Therapie

John hat bei der Suche nach Überlebenden geholfen. Und er war schockiert: "Ich habe nichts gefunden: Keinen Schreibtisch, keinen Computer, keine Menschen. Alles war pulverisiert." Er kann sich das aus physikalischer Sicht auch heute noch nicht erklären.

Die nächsten zwei Jahre hat John mehr oder weniger rund um die Uhr mit seinen Kumpeln verbracht. Entweder in der Feuerwache oder in der Bar. "Wir haben sehr viel getrunken und sehr viel geredet. Es war für uns eine Art Therapie." John ist sich sicher, dass dies auch der Grund ist, warum er dieses schreckliche Ereignis halbwegs gut überstanden hat. Viele der New Yorker Feuerwehrleute leiden heute noch an posttraumatischen Stress. Sie sind arbeitsunfähig, ihre Ehen sind zerbrochen, manche haben sich das Leben genommen.

Für John war der 9. September auch der Anfang eines neuen Lebensabschnittes. Er lernte bei einer Spendenaktion für Witwen von getöteten Feuerwehrleuten seine jetzige Frau Jane kennen. Vor elf Wochen kam ihre kleine Tochter zur Welt. "Das Leben geht weiter", meint er.

Und obwohl er glaubt, dass New York irgendwann in der Zukunft wieder einem Terrorakt ausgeliefert ist, verlässt er seine Stadt und seine Feuerwehrwache nicht. "Yeah, es sind schwere Zeiten. Aber das hier ist halt mein Zuhause."

Auch die Moslems

wurden Terroropfer

Imam Shamsi Ali war an diesem Dienstag Morgen mit der U-Bahn Nummer 7 auf dem Weg zu seiner Arbeit, als es passierte. "Ich konnte es nicht glauben und war so traurig, wegen den Menschen, die ihr Leben verloren haben", beschreibt der 39-Jährige seine Gefühle nach dem Kollaps beider Türme. "Und, ich war wütend auf diese Terroristen. Sie haben meine Religion missbraucht und damit auch mich gewissermaßen zum Opfer gemacht."

Imam Ali ist einer der bedeutendsten muslimischen Führer in New York. Er betreut fast 10.000 Gläubige in drei Moscheen. Das tut er nun seit über zehn Jahren. Seit er nämlich von Indonesien nach New York gekommen ist. "Es war alles umsonst", sagt er. Mit dem Einsturz des World Trade Centers sei nämlich auch jene Brücke des Verständnisses eingestürzt, die er versucht hat aufzubauen. "Ich musste ganz von vorne beginnen", erzählt der Imam.

Er verließ seinen sicheren Job bei der Indonesischen Vertretung bei den Vereinten Nationen und widmete sich ab sofort seiner Mission: Die Vorurteile und Missverständnisse, die der Westen gegenüber dem Islam hegt, aus der Welt zu schaffen. "Ich habe dieses tragische Ereignis als Anlass genommen, etwas Positives daraus zu machen", sagt er. Und er ist sehr erfolgreich damit.

Am Anfang half er betroffenen Familien. Heute arbeitet er mit anderen Religionsgemeinschaften, Schulen und Politikern, und berät die New Yorker Polizei und das FBI hinsichtlich der Traditionen im Islam. "Die Sicherheit dieser Stadt ist eine Angelegenheit, die uns alle etwas angeht, auch den muslimischen Mitbürger", erklärt er die Zusammenarbeit mit der Exekutive. Leicht ist es manchmal jedoch nicht, gibt er zu: "Man begegnet uns halt immer wieder mit gewissem Misstrauen."

Imam Ali fühlt sich sicher in der Stadt seiner Wahl. "Ich denke, dass hinsichtlich der Sicherheitsbedrohung zuviel Wirbel gemacht wird. Die Menschen müssen ihr Leben normal leben, sonst leben wir für immer in Angst", meint er.

Aber dass die New Yorker auch nach fünf Jahren ein wirklich normales Leben leben, verneint er. Das hat aber vor allem damit zu tun, was im Irak, Libanon oder London passiert. "Wir leben in der Hauptstadt der Welt. Man findet hier alle Religionen, Kulturen und Sprachen. Und egal, was in einem noch so kleinen Dorf irgendwo auf der Welt passiert, es gibt hier Menschen in New York, die es betrifft. Und damit auch die Stadt im gesamten."

Blutspenden für die Psychologie

"Die Mehrheit des medizinischen Personals und der Patienten haben sich in der Lobby versammelt und haben wie gebannt auf die TV-Schirme geglotzt", erinnert sich Janice Perry an den Septembertag vor fünf Jahren. Es war erst ihr zweiter Tag in ihrer neuen Arbeitsstelle, dem New Yorker Presbyterian Krankenhaus.

Das Hospital an der 68. Straße ist auf die Behandlung von Verbrennungsopfer spezialisiert. "Wir waren auf alles vorbereitet und haben geglaubt, dass Hunderten von Verletzten eingeliefert würden", erzählt sie. Doch nur ein paar wenige kamen.

Anstatt der Verletzten füllten aber ab dem zweiten Tag Hunderte von New Yorkern die Gänge des Krankenhauses. Alle wollten Blut spenden. Noch ahnte niemand, dass es keine Überlebenden gab, die dieses brauchen könnten. "Es war unglaublich, wie viel Blut wir gesammelt haben. Wir wussten, wir brauchen es nicht, aber wir haben es trotzdem gemacht", sagt die 52-jährige Mutter einer Tochter. Es war eine Art psychologische Hilfe für die solidarischen, geschockten New Yorker. Der Überschuss an Blut wurde dann ins Ausland exportiert. Eine Seltenheit in den USA, die zumeist ihr Blut aus anderen Ländern bezieht.

Janice hat sich nicht als Freiwillige gemeldet und bei den Suchaktionen am Ground Zero teilgenommen. "Ich wusste, dass die verschmutzte Luft schädliche Nachwirkungen mit sich bringen wird", erklärt sie. Und sie sollte Recht behalten. Viele der Helfer leiden heute an ernsten Atemwegserkrankungen. Erst vor kurzem hat die Stadt beschlossen, wenigsten manchen Betroffenen eine Entschädigung zukommen zu lassen.

"9/11 war eine harte Lektion für uns Amerikaner", resümiert Janice. "Wir dachten ernsthaft, dass wir unverletzlich wären. Wir glaubten immer, wir seien das beste Land der Welt und daher könne uns so etwas nicht passieren."

So wirklich Angst vor einem erneuten Terroranschlag in der "stärksten Stadt der USA" hat die medizinische Angestellte jedoch nicht - im Gegensatz zu den meisten New Yorkern. Laut einer jüngsten Umfrage der Nachrichtenagentur befürchten 54 Prozent einen neuen Anschlag gegen ihre Stadt. Nur in der Hauptstadt Washington sind die Ängste noch größer. Nicht einmal einen Notfallplan für die Familie hat Janice parat. "Eigentlich eine gute Idee. Darüber sollte ich wohl einmal nachdenken", meint sie.