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Das verschenkte Potenzial

Von Eva Stanzl

Wissen
Autorin Katrine Marçal: Der Genderblick beeinflusst die Technikgeschichte.
© club research / A. Novotny

Bei Patentanmeldungen von Frauen steht Österreich in Europa an letzter Stelle. Warum eigentlich?


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Welche Erfindungen veränderten die Welt? Ohne Zweifel etwa das Rad. "Das Rad machte vor 5.000 Jahren alles einfacher. Wir bauten Wägen, Kutschen, Fahrräder, Autos, Riesenräder, Hamsterräder und fahrbare Kanonen, aber für den Rollkoffer brauchten wir bis 1972, also bis nach der Mondlandung", rekapituliert die schwedische Journalistin Katrine Marçal: Gewichtiges würde seit Jahrhunderten gerollt. Nur die 20 Kilo im Koffer wurden (in historischen Dimensionen) bis vor kurzem geschleppt.

Was sagt das über die Menschheit? Auf den ersten Blick nur, dass sie blind für auf der Hand liegende Lösungen sein kann. In ihrem Bestseller "Die Mutter der Erfindung" sieht Marçal näher hin. Die London-Korrespondentin der dänischen Zeitung "Dagens Nyheter" zeigt an Beispielen, "wie in einer Welt für Männer gute Ideen ignoriert werden". Die Definitionsmacht von Geschlechterzuschreibungen beeinflusse die Technikgeschichte nämlich maßgeblich.

Was als männlich, was als weiblich gilt, und welche Wertschätzung damit jeweils verbunden ist, erklärte Marçal bei einer Diskussion der Reihe "Club Research" in Kooperation mit dem Österreichischen Patentamt Dienstagabend in Wien. Der Titel: "Innovation - eine Sache der Männer? Was ein anderer Genderblick verspricht".

Laut der Autorin würde die Menschheit andere Produkte nutzen, wenn Erfinderinnen, nicht Erfinder, das Innovationsgeschehen beherrschten. Zwar seien spezielle Wagerln für Frauenkoffer bereits in den 1950er Jahren angeboten worden, aber nur als Nischenprodukte auf Haushaltsmessen. "Die Idee, dass auch Männer ihre Koffer rollen könnten, galten kulturell als lächerlich", sagte Marçal und fügte nicht ohne Schmunzeln hinzu: "Männlichkeit muss sich ja stets unter Beweis stellen. Ein Weg ist, zu zeigen, dass man schwere Dinge tragen kann." Erst mit der intensiven Reisetätigkeit durch die Globalisierung hätten sich Gender-Annahmen zum Koffer verändert, denn die meisten Geschäftsreisenden in den 1990er Jahren waren Männer. Rollkoffer erleichterten auch ihnen das Leben so spürbar, dass sich das Image dieses Produkts veränderte.

Festhalten an Stereotypen

Darüber, wie die Welt aussehen würde, hätte sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts nicht der Verbrennermotor, sondern das Elektroauto als dominante Technik individueller Mobilität durchgesetzt, kann nur spekuliert werden. Fest steht, dass es E-Autos von Anfang an gab und schon damals die Batterietechnik unausgereift war. Eine weitere Rolle spielt aber wohl auch das Faktum, dass E-Autos als "weiblich" galten. Die lauten, mit Kraftaufwand anzukurbelnden Benzinkarossen hätten hingegen dem Selbstverständnis sportlicher Männlichkeit entsprochen, berichtete Marçal. Und obwohl man sich heute von E-Autos die Zukunft der Mobilität verspricht, lebt die Schieflage im Bereich Innovation fort. "Schätzungen zufolge beeinflussen Frauen 80 Prozent der Kaufentscheidungen, aber 90 Prozent der technischen Produkte werden von Männern entworfen", fasste die Autorin zusammen.

Ein Schlaglicht auf Österreichs Performance wirft eine Studie des Europäischen Patentamts (EPO). Gerade einmal acht Prozent aller vom EPO angemeldeten Patente aus Österreich stammen von Frauen. Die Quote im Durchschnitt aller 34 involvierten europäischen Länder bei 13,2 Prozent. Österreich trägt damit in Europa das Schlusslicht. Die Zahl ist der Schlussstein eines Bauwerks von Entwicklungen. Entlang der Innovationskette vom Wissensgewinn bis zu dessen Umsetzung nimmt die Teilnahme von Frauen nämlich nicht zu, sondern ab.

Während 40 Prozent der Forschenden an Unis Frauen sind, sind es bei Forschenden in Unternehmen nur 16 Prozent und schließlich bei Patenten weniger als ein Zehntel. Diese Zahlen nannten die Teilnehmer der Diskussion.

Die Technische Universität Wien zählt 30 Prozent weibliche Studierende, wobei der Frauenanteil in Architektur 56, in Raumplanung 49, in Informatik 16,8 und in Elektronik/Maschinenbau 11 Prozent beträgt. "Wir haben wenige Frauen und es kommen auch nicht mehr, denn vor der Uni passiert viel im Bildungsweg", sagte die Informatikerin Hilda Tellioglu, Associate Professor an der TU Wien. Ursachen seien auch in der Wiederholung von Stereotypen zu finden. "Wir Frauen müssen vom Beruf bis zum Baby alles zugleich machen und akzeptieren und wiederholen das", sagte Tellioglu.

"Patente stehen am Ende einer Geschichte. In Österreich müssen wir an vielen Schrauben drehen, denn Innovation entsteht auch in Netzwerken, in deren Zentren Männer stehen, und Frauen sind nach wie vor zur Familienarbeit eingeteilt", sagte Mariana Karepova, seit 2015 Österreichs erste Frau an der Spitze des Patentamts. Eine Folge ist, dass auch der heimische Start-up-Monitor eine Frauenquote von nur 8,2 Prozent nennt. Es bleibt viel zu tun.