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Das Verschwinden des gesunden Ackers

Von Kurt Ruppi

Gastkommentare

Klimawandel und Umweltverschmutzung sind nur die Symptome unseres wirklichen, selbstgemachten Problems: Der einfältigen Selbstüberschätzung des Menschen.


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Es hat sich zuletzt einiges getan auf der politischen Bühne der EU: CO2-Reduktion, Autoabgase, Energiewandel, Plastik; zwar zögerlich, aber offenbar wächst die Aufmerksamkeit. Momentan wird der Klimawandel besonders beachtet und als oberste Priorität gesehen - doch es gibt auch in anderen Fachgebieten Forscher, die Alarm schlagen, aber einfach nicht gehört werden, weil sie zu leise sind. Allgemeine Aufmerksamkeit und öffentliche Bekanntheit erhalten sie nicht - auch wenn jeder Forscher sie fordern würde, wenn man ihn denn fragte.

Dabei gibt es in anderen Lebensbereichen ebenso für die gesamte Weltbevölkerung existenzielle Probleme, deren Brisanz noch nicht erkannt, erforscht und behandelt wurde. Beispiele dafür sind das Wirtschafts- und das Bevölkerungswachstum, unser Lebensstandard (Luxus und Bequemlichkeit), die Abfallwirtschaft (derzeit mit großem Interesse an Plastik), alle anderen Lebensformen auf der Erde, die Funktionsweise der Evolution, unsere Stellung in der belebten Welt - für dies alles gibt es zu wenig Forschungsmittel und Aufmerksamkeit, und leider herrschen hier auch falsche Vorstellungen vor.

Industrialisierte statt naturnaher Landwirtschaft

Man denke nur an den fruchtbaren Boden. Wir wissen, dass wir viel zu viel davon abtragen (bei jeder Baustelle gibt es Berge von Humus) und umgekehrt zu viel Boden versiegeln - durch Straßen, Parkplätze, Rollbahnen, Gebäude -, und der gelagerte Humus muss sich erst regenerieren, wenn er wieder verwendet wird.

Was die Beschaffung unserer Nahrung betrifft, habe ich in der Mittelschule schon vom "Farmer Jute" mit seinem Traktor samt vierundzwanzigscharigem Pflug gelernt, aber noch zehn Jahre später auf dem Bauernhof meiner Schwiegereltern im Weinviertel gesehen, wie ein naturnaher Kreislauf funktionierte: Die Menschen lebten noch von den Früchten des Ackers und des Obstbaus sowie von ihren Nutztieren, sammelten alle Ausscheidungen und gaben sie dem Boden zurück - altväterisch, primitiv, unwirtschaftlich nach heutigem Urteil.

Diesen Weg hat man nicht ausgebaut, sondern abgebrochen und die Methoden aus den USA kritiklos übernommen. Und heute, mit unserer städtischen Lebensweise, mischen wir organischen Abfall mit anderen verbrauchten Flüssigkeiten und leiten ihn in Kläranlagen; der daraus gewonnene Klärschlamm ist als Dünger nur noch teilweise brauchbar, weil er unter anderem Schwermetalle enthält, und darf nur noch auf Äckern aufgebracht werden und nicht mehr auf Weiden (der Rest wird in der Regel verbrannt oder deponiert - Gift in Luft und Boden also, dort nicht gebunden und weiter unterwegs, auch in der Nahrung und unseren Körpern). Und wie diese Äcker aussehen, wissen wir auch: Sie sind verdichtet, mit viel Kunstdünger, Pestiziden und Dieselruß kontaminiert; von Humus oder Naturnähe keine Spur mehr.

Handeln widerbesseres Wissen

Beim - für die Speicherung des CO2 so wichtigen - Wald ist es noch schlimmer: Bis ein Stück gerodeter Regenwald wieder so dastehen könnte wie zuvor (wenn überhaupt möglich), müsste zuerst der zerrissene, verblasene, weggeschwemmte Boden wiederhergestellt werden. Pilze, Bakterien, Insekten und Kleintiere sind in ausreichender Anzahl und Verflechtung notwendig, um wieder große Bäume wachsen zu lassen; für diese Wiederbelebung braucht die Natur fast ein Jahrtausend, wissen die Fachleute. Doch die werden nicht einmal ignoriert, wie es so schön heißt; sie sind einfach zu leise.

Dabei wissen wir doch aus eigener Erfahrung: Wo abgeholzt wird, entstehen Karst, Steppe und Wüste. Diese Veränderungen geschehen aber zu langsam für unsere Wahrnehmung; wir lernen nicht daraus, denken nicht weiter. Es gibt keine Aufmerksamkeit, kein Interesse der Politik und somit auch kein Geld für die Forschung und die Ausarbeitung von Alternativen (wie es jetzt wenigstens beim Klimaproblem versucht wird) - also in der Folge keine Abkehr vom schwachsinnigen "Weiter so und mehr davon", bis es zu spät ist.

Gier und Gewalt anstellevon Würde und Freiheit

Und dies, obwohl solche Probleme meiner Meinung nach noch gravierendere Folgen für das gesamte irdische Leben haben als eine globale Erwärmung um durchschnittlich 1,5 oder 2 Grad Celsius. Derartiges auszugleichen und die Biotope danach neu zu justieren, ist die übliche Arbeit der Evolution, und unsere Spezies könnte da auch noch mit, davon bin ich überzeugt - aber unsere technische Kultur nicht, so wie sie heute aussieht.

Darüber hinaus gibt es noch mehr Risiken, die nicht beachtet werden: Man denke nur an unseren Dreck in den Meeren, Plastik überall und die menschliche Überbevölkerung an sich (ein politisch besonders heikles Thema). All diese Probleme (und natürlich auch der Klimawandel) sind nur Symptome unseres wirklichen, selbstgemachten Problems: der einfältigen Selbstüberschätzung des Menschen. Werte wie Würde oder Freiheit werden zwar täglich beschworen, aber trotzdem missachtet; Gier und Gewalt dominieren unser Handeln.

Wir sind nur die derzeitige Spitze des Standes der Evolution auf der Erde, wir verhalten uns nicht wie das "Ebenbild" Gottes (im Sinne eines Schöpfers), sondern eher wie Gegner der Schöpfung. Wir sind bestenfalls das Abbild der selbständigen Lebendigkeit unseres Schöpfers, und falls er wirklich so wie in unserer Vorstellung existieren sollte und am jeweiligen Zustand seiner Schöpfung interessiert wäre, müsste er uns zurechtweisen oder überhaupt ausmerzen. Wenn die dominante Spezies der Erde so bleibt, wie sie ist, dann wird sie versagen und wieder ins kulturlose Vegetieren zurückfallen.

Wir haben uns durch unsere Probleme in eine Lage gebracht, in der wir schlicht überfordert sind; und wenn wir uns nicht bemühen, komplett anders zu handeln, als wir es derzeit tun, wird unsere technische Zivilisation rasch untergehen wie bisher jede andere zuvor. Anders handeln kann aber nur funktionieren, wenn wir anders werden, anders sind und unsere Neigung zu Neid und Gier loswerden, Rücksichtslosigkeit und Gewalt verhindern und die Ausbeutung der Erde stoppen. Eine reizlose, ärmliche Lebensweise mit Algenkeksen als Hauptnahrung wäre durchaus vorstellbar.