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Das verschwundene Dorf

Von Martyna Czarnowska

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Nur noch Kirche und Schule zeugen von dem Dorf, in dem einst fast 1400 Menschen gelebt hatten. Von der Schnellstraße nach Banska Bystrica aus, rund 180 Kilometer nordöstlich der slowakischen Hauptstadt Pressburg ist der Turm kaum zu sehen.


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Doch ein schmaler, notdürftig asphaltierter Weg zweigt von der vielbefahrenen Straße bei Ziar nad Hronom ab, zieht sich entlang wuchernder Sträucher und verwilderter Obstbäume bis hin zu einem Ort, der der Hauptplatz gewesen sein könnte. Rechts steht das verfallene Schulgebäude, schwach zeichnen sich an der bröckelnden Fassade die Rostspuren des entfernten Schriftzuges ab. Links erhebt sich die Kirche, wenn auch schon ein wenig eingesunken in die feuchte grasbewachsene Erde. Etliche Dachziegel sind herabgefallen, von den bunten Glasfenstern sind wenige ganz geblieben.

Noch vor vierzig Jahren sind Kinder über den Hauptplatz gelaufen und über die Stiegen zur Schule gehüpft. Einmal in der Woche haben ihre Eltern ihnen das Sonntagsgewand angezogen und sie in die Messe mitgenommen. Dutzende Häuser säumten die Wege, auf denen die Erwachsenen täglich zur Arbeit gingen. Mittlerweile sind die Häuser und Menschen verschwunden, und der Name des Ortes existiert kaum mehr als in der Erinnerung seiner Bewohner: Horne Opatovce. Fast 900 Jahre gab es die Ortschaft, nun ist sie weg.

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Am 31. August 1969 ist nach 894 Jahren das Dorf verschwunden, und 1380 Einwohner mit ihm. So ist es auf der steinernen Gedenktafel zu lesen, die in die Erde zwischen Kirche und Schule eingelassen ist und die ein Dach aus Plexiglas vor der Verwitterung schützt. Die Menschen sind Opfer von Umweltverschmutzung geworden. Aus einer nahe gelegenen Chemiefabrik sind Gifte auf die umliegenden Felder geblasen worden, und als immer mehr Kinder erkrankten, konnte die Betriebsleitung ihre Verantwortung nicht länger abstreiten. Die Einwohner von Horne Opatovce wurden ausbezahlt und ausgesiedelt, ihre Häuser wurden abgerissen. Viel Geld haben sie nicht bekommen. Die Dorfbewohner wurden in alle Winde zerstreut; einige von ihnen sind in die Hauptstadt gezogen, andere leben in Tschechien.

"Manche kommen immer wieder zurück, weinen, sehnen sich nach der alten Heimat." Miroslav, der das erzählte, ist vor einigen Jahren nicht nur zurückgekommen, sondern auch geblieben. Irgendjemand musste sich ja um die Kirche kümmern, die bereits mehrmals ausgeraubt wurde. Er holt den Schlüssel zum Gebäude, sperrt die schiefe Holztür auf und führt ins Innere des Gotteshauses. Viel mehr als die Holzbänke und der steinerne Altar ist nicht geblieben. Bilder wurden von den Wänden gestohlen, auch an den Lustern haben sich die Diebe zu schaffen gemacht.

Doch dann passte Miroslav auf. Mit seiner Frau lebte er in einer Baracke, die sich an die Ruine des Pfarrhauses lehnt. Ein Hund zerrt an seiner Kette, seine Besitzerin sitzt neben ihm vor dem Eingang der Behausung und beobachtet misstrauisch, wie ihr Mann Fremden Auskunft gibt. Er habe selber in der Chemiefabrik gearbeitet, berichtet Miroslav, als Elektriker. Danach erhielt er eine kleine Pension. Und sagte nicht nein, wenn er für die Kirchenführung etwas Trinkgeld bekam.

Die Fabrik ist längst durch eine andere ersetzt worden. Der Betrieb will allen Standards entsprechen, die Vorgaben der EU, deren Mitglied die Slowakei ist, erfüllen.

Die Menschen aus Horne Opatovce, vor allem Ältere, kommen aber weiter einmal im Jahr in ihrem verschwundenen Dorf zusammen. Miroslav wird heuer nicht mehr dabei sein. Er ist vor kurzem gestorben. Seine ehemaligen Nachbarn werden wohl auf ihn anstoßen, wenn sie ein Fest improvisieren. Ein paar Holztische und -bänke finden sich, die Menschen sitzen zusammen, essen das Mitgebrachte, erinnern sich an Maifeiern, Wirtshausprügeleien und die ungezogenen Nachbarskinder. Einmal im Jahr, an einem Tag im August, schallt wieder mehrstimmiges Gelächter durch Horne Opatovce.