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Das Wetter im Roman: Sonne und Gewitter

Von Bruno Jaschke

Reflexionen
Ein Sturm zieht auf. Wird er auch ein textliches Donnerwetter inspirieren?
© getty images/Tobias Ackeborn

Seit jeher beeinflusst die Witterung Schriftsteller in ihrer Arbeit. Eine Annäherung an die literarische Großwetterlage.


"Es ist kalt auf der Mauer", beginnt John Lanchesters wuchtige Dystopie "Die Mauer". "Das ist das Erste, was einem jeder erzählt, und auch das Erste, was einem auffällt, wenn man dorthin versetzt wird. Das ist es, woran man die ganze Zeit denken muss, wenn man sich auf ihr befindet." "Es ist kalt auf der Mauer": Damit ist nicht unmittelbar ein Wetterphänomen beschrieben, sondern ein Zustand, der halb in Naturgesetzen und halb in der Befindlichkeit der Figuren gründet.

Die Erde ist durch den Klimawandel devastiert: Die ansteigenden Meere haben längst alle Strände überflutet; die Hitze hat große Regionen der südlichen Hemisphäre unfruchtbar und unbewohnbar gemacht. Nicht die Vision eines besseren Lebens, sondern das Gebot des nackten Überlebens zwingt Menschen, solche Gebiete zu verlassen. Großbritannien erwehrt sich dieser Verzweifelten, die "Die Anderen" genannt werden und über den Seeweg ins Land gelangen wollen, mit einer Mauer um seine Küsten, die von 200.000 Verteidigern bewacht werden muss. Der verpflichtende Dienst dauert zwei Jahre. Sollten "Andere" die Mauer überwinden, werden die dafür verantwortlich gemachten Verteidiger auf dem Meer ausgesetzt.

"Je mehr Wetter, desto besser"

Ist die allgegenwärtige Kälte nur eine basische Widrigkeit, so sind extreme Wettersituationen ein steter Quell höchster Gefahr: "Es gab Tage mit abrupten, böigen Niederschlägen, heftigen Windstößen oder horizontalem Regen, den man vom Meer aus auf sich zukommen sehen konnte und der einen dann fast von der Mauer schwemmte. (...) Doch in dieser Nacht war es anders. Zu einem heftigen Regen und ebenso heftigem Wind gesellte sich schwerer, dichter Nebel - ein plötzlicher Vorgeschmack darauf, wie es hier im Norden sein würde, wenn der Winter kam", heißt es kurz vor einem fatalen Angriff der "Anderen".

Der Schweizer Meteorologe Thomas Bucheli.
© Trend Magazin

Für den Meteorologen Thomas Bucheli, "Wetterfrosch" im öffentlich-rechtlichen Schweizer TV, ist das Wetter unabdingbar für das gute Gelingen eines Romans. "Je mehr Wetter, desto besser die Geschichte. Wenn ein Roman gar mit Wetter beginnt, dann handelt es sich um ein literarisches Meisterwerk", meint Bucheli in einem Essay auf der Website des SRF und ruft Thomas Manns "Buddenbrooks", Umberto Ecos "Der Name der Rose" und Karl Mays "Am Rio de la Plata" als Zeugen seines Axioms auf.

Sein "Paradebeispiel aus dem Olymp der Schriftstellerkunst" ist aber der Einstieg in Robert Musils Roman-Fragment "Der Mann ohne Eigenschaften": "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Lebendige Bilder

Wie sich bei Nachfrage herausstellt, steckt hinter Buchelis Wetter-Doktrin mehr Mimikry als eine ernsthafte These. "Die Idee, meine ,üblichen‘ Fachreferate mit einem kurzen Exkurs in die Literatur zu ergänzen, entstand seinerzeit auf einer Schiffsreise ins Südpolarmeer", holt er in einer E-Mail an die "Wiener Zeitung" aus.

"Ich war für ein Schweizer Reiseunternehmen als ,wissenschaftlicher Reisebegleiter & Lektor in Sachen Wetter & Klima‘ - kurz: als Meteorologe - engagiert worden. Nebst der reinen Fachvermittlung ist es mir auf solchen Reisen stets ein Anliegen, die Gäste von der ,Faszination Wetter‘ per se zu begeistern: Wetter ist viel mehr als nur ,schön‘ oder ,schlecht‘ und Wetter ist IMMER spannend! Und da die Gäste auf hoher See offenbar gerne und viel lesen (man hat ja Zeit) und da Schriftsteller sehr oft mit ,Wetter‘ arbeiten, erkannte ich hier einen wunderbaren Anknüpfungspunkt. Nun ist das Ganze aber nicht todernst gemeint. Vielmehr nehme ich hier die Rolle eines ,Meteorologen-Fundis‘ ein, der die Qualität eines Buches (und des Autors) ausschließlich anhand der Wetterszenen beurteilt."

Ist die allgegenwärtige Kälte nur eine basische Widrigkeit, so sind extreme Wettersituationen ein steter Quell höchster Gefahr . . .
© Getty Images

Buchelis österreichischer Kollege Marcus Wadsak stimmt, auch nicht ohne Augenzwinkern, in das Rollenspiel ein, um es alsgleich für Werbung in eigener Sache dienstbar zu machen. "Klar, ein gutes Buch braucht ein gutes Wetter. Am besten handelt es sogar davon, wie mein erstes Buch (,Donnerwetter! 201 Fakten über Sonne, Wind und Regen‘, Anm.). Oder vom Klimawandel - wie mein zweites (,Klimawandel. Fakten gegen Fake & Fiction‘)", sagt der Leiter der ORF-Wetterredaktion und engagierte Klimaschützer. "Wer für mich die besten Beschreibungen des Wetters in seinen Büchern findet und durch Worte lebendige Bilder im Kopf entstehen lässt, ist der amerikanische Schriftsteller Tom Robbins."

Blitz und Donner

Robbins, 1932 in North Carolina geboren, hatte im Korea-Krieg ein Jahr lang Meteorologie unterrichtet. Über den Journalismus kam er zur Literatur und hat bis dato acht durchwegs freudig akklamierte Romane herausgebracht. Besonders deren erster, "Another Roadside Attraction", deutsch "Ein Platz für Hot Dogs", hat es Wadsak angetan, weil dessen Erzähler Marx Marvelous schon 1971 Umweltbewusstsein einfordert: "Vom Kongress fordern wir, dass er Detroit dicht macht, bis es sich bereit erklärt, nur noch elektrische Autos zu produzieren. Denkt doch mal, wie gut das unserer Umwelt täte! So packen wir das Ökologiepro-blem an. Könnt ihr euch das vorstellen?"

Ein weiterer Tipp Wadsaks ist "Das Wetter vor 15 Jahren" von Wolf Haas. Die genial in einen Interview-Dialog zwischen einer etwas blasierten deutschen Literaturkritikerin und dem Autor verwobene Geschichte erzählt vom Essener Ingenieur Vittorio Kowalski, der in der Sendung "Wetten, dass..?" das Wetter für jeden Tag der letzten 15 Jahre im österreichischen Bergdorf Farmach sagen kann. Hierher ist er als Kind Jahr für Jahr mit seinen Eltern auf Urlaub gefahren und hat sich mit Anni, der Tochter seines Quartiergebers, angefreundet. Beide mittlerweile 15 Jahre alt, unternehmen sie eine Wanderung, bei der sie von einem schweren Gewitter überrascht werden.

Wohl auch als Satire auf den Literaturbetrieb angelegt, verzettelt sich das Gespräch zwischen der Redakteurin und dem Autor in kleinen Spitzen, linguistischen Miss- bzw. Unverständnissen - und in Details über den Ablauf eines Gewitters. "Sie erklären hoch mathematisch, wieso drei Sekunden, die zwischen Blitz und Donner vergehen, genau eine Distanz des Gewitters von tausendvierzig Metern bedeuten", wirft die Redakteurin, die "das dauernde Berechnen" in einer Liebesgeschichte "doch etwas schroff findet", dem Autor vor. Der fiktive Haas weiß sich letztlich aber durch meteorologische Souveränität zu behaupten.

Wetter gibt es in der Literaturgeschichte so viel, dass es hier natürlich in keiner Weise repräsentativ dargestellt werden könnte. Festzuhalten ist allerdings, dass es seit der Romantik von der Wissenschaft eher kritisch reflektiert wird. Je simpler ein Roman, desto deutlicher seine Wechselwirkung mit der Stimmung einer Szene oder einer Figur, erklärt die Literaturwissenschaftlerin Evelyne Polt-Heinzl: "Geht’s dem Helden gut, scheint die Sonne, geht’s ihm schlecht, kommen auch schon die ersten Gewitterwolken dahergesegelt. Geht’s ihm gut und der Himmel verfinstert sich trotzdem, ist, etwas simplifiziert, das Glück noch nicht beständig. Darüber haben sich schon die Romantiker mitunter lustig gemacht. ,Die Sonne war soeben prächtig aufgegangen‘ ist so ein Stehsatz in Eichendorffs Roman ,Ahnung und Gegenwart‘." Und Musils Romanauftakt ist sozusagen die 20.-Jahrhundert-Satire-Antwort auf diese Tradition."

Natürlich gebe es auch große Romane, die tatsächlich mit einem Wetterbericht anfangen: "Silvia Plaths ,Glasglocke‘ fällt mir da ein, aber genauso tun das eben auch Werke von Marlitt oder Ganghofer. Das sagt einfach null über die literarische Qualität aus." Vielleicht der beeindruckendste Wetter-Autor, meint Polt-Heinzl, sei Adalbert Stifter. "Das hat aber vor allem damit zu tun, dass er die naturwissenschaftlichen Diskurse seiner Zeit so aufmerksam verfolgt und literarisch umgesetzt hat. Ich habe mir das einmal für eine Stifter-Ausstellung in Linz genauer angeschaut, wie präzise und zeitnah er neueste Erkenntnisse der Meteorologie und diverse Beobachtungs- bzw. Messgerätschaften in seine Novellen und vor allem natürlich im ,Nachsommer‘ einbaut."

Vielleicht der beeindruckendste Wetter-Autor: Adalbert Stifter (hier auf einem Gemälde von Bertalan Székely).
© OÖ Landesmuseum

Stifter, dessen Roman "Nachsommer" wie auch die Erzählung "Bergkristall" wesenhaft auf falschen Wettereinschätzungen aufbaut, ist ein Meister in der Schilderung von Extremwetter, insbesondere seiner Ankündigung. "Nach einer Weile entstanden auf der gleichmäßigen dunkelfarbigen Gewitterwand weiße laufende Nebel, die in langen wulstigen Streifen die unteren Teile der Wolkenwand säumten. Dort war also vielleicht schon Sturm, während sich bei uns noch kein Gräschen und kein Laub rührte. Solche laufende, gedunsene Nebel sind bei Gewittern oft schlimme Anzeichen, sie verkünden immer Windausbrüche, oft Hagel und Wasserstürze."

Föhnperioden

Erzwungene Einsamkeit im Gebirge: Marlen Haushofers Roman "Die Wand" wurde im Jahr 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt.
© Studiocanal GmbH

Unwetter ist gewissermaßen die Königsdisziplin in der literarischen Wetterbeschreibung. Marlen Haushofer exerziert sie in ihrem Meisterwerk "Die Wand" formidabel. Mehr als das, bietet die unheimliche Fabel von der erzwungenen, nur mit Tieren geteilten Einsamkeit im Gebirge eine Parade von Wetterkapriolen: Schnee noch im Mai und wieder im Oktober, lähmend heiße Sonne, Dauerregen, der das Heu auf der Wiese verfaulen lässt, Gewitter mit Donnerschlägen, die Ohren- und Zahnschmerzen auslösen, dichte Nebel bereits Mitte August, Winterwitterung unterbrochen von Föhnperioden.

In Heimito von Doderers "Strudlhofstiege" ist dagegen fast immer Schönwetter. Doderers Welt gleißt "in den vormittagsweißen, nachmittagsgoldenen, abendroten Lichtpackungen des Hochsommers" und schwelgt in kräftigen Bildern. Die Sonne als "leuchtender Rost auf den Häusern", die überall, wo sie hingelangt, "wie ein dicker, poröser Teppich" liegt, "der knallblaue hellhörige Himmel eines noch sehr warmen Septembertages" oder "heftiges Himmelsblau" bekunden Ehrfurcht vor den Werken meteorologischen Elemente. Der Argwohn, den man beizeiten hineinzulesen geneigt ist, ist die Zugabe des heutigen, klimawandelbesorgten Lesers.

Bruno Jaschke, geboren 1958, lebt als freier Journalist und Autor in Wien und ist ständiger Mitarbeiter im "extra".