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Das Wunder von Port-au-Prince

Von WZ-Korrespondent Philipp Hedemann

Politik

Vor acht Jahren erschütterte eines der verheerendsten Erdbeben Haiti. Eine Unternehmerin trotzt der Zerstörung.


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Port-au-Prince. Rund 316.000 Menschen starben, hunderttausende wurden verletzt - fast zwei Millionen fanden sich in der Obdachlosigkeit wieder. Zu den Opfern des Bebens der Stärke 7,0 am 12. Januar auf Haiti gehörte auch Nadine Cardozo-Riedl. 105 Stunden lag die mit einem Zahnarzt aus dem bayerischen Bad Aibling verheiratete Frau schwer verletzt unter den Trümmern ihres Luxushotels, dann wurde sie lebendig geborgen. Heute baut sie das "Montana", in dem bereits US-Präsident Bill Clinton, UN-Generalsekretär Kofi Annan, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Angelina Jolie zu Gast waren, wieder auf. Die starke Unternehmerin macht dem immer wieder von Naturkatastrophen erschütterten ärmsten Land der westlichen Hemisphäre Mut. Ihre Kraft zeugt vom unzerstörbaren Überlebenswillen der Haitianer.

"Höhlenforscherin werde ich wohl nicht mehr. Vier Tage unter der Erde haben mir für den Rest des Lebens vollkommen gereicht." Das Beben hat Nadine Cardozo-Riedl fast getötet, ihren Humor hat es ihr nicht nehmen können. Kerzengerade sitzt die elegante 70-Jährige auf der Terrasse ihres Hotels und berichtet in perfektem Deutsch von jenen verhängnisvollen Tagen, über die sie eigentlich nicht mehr sprechen wollte. "Ich bin 70 Jahre alt. Davon habe ich 105 Stunden unter den Trümmern meines Hotels verbracht. Diese vier Tage sollen nicht den Rest meines Lebens dominieren", sagt die gebürtige Haitianerin, die ihren Mann bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 kennengelernt hat.

"Viele lagen wie ich unter den Trümmern. Viele haben noch Schlimmeres durchgemacht als ich. Ich will mich mit meiner Geschichte nicht über andere erheben", sagt die Hotelmanagerin. Von sich aus spricht sie nie über das Beben. Sie schaut lieber nach vorne - und doch bestimmt die Katastrophe vom 12. Januar 2010 seither ihr Leben. Am späten Nachmittag jenes Dienstages sitzt sie mit ihrem Generalmanager Nicolas in ihrem Büro neben der Rezeption und bespricht die Buchungen der nächsten Wochen. Die Zahlen sind gut. Cardozo-Riedl ist zufrieden.

Dann bricht die Katastrophe über Haiti herein. Um 16.53 Uhr verschieben sich rund 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince die nordamerikanische und die karibische Platte, lassen hundertausende Gebäude im ärmsten Karibikstaat einstürzen, auch das "Montana". Als Nadine Cardozo-Riedl wieder zu sich kommt, liegt sie unter einer eisernen Tür. Über sich hat die 1,75 Meter große Frau gerade einmal fünf Zentimeter Luft, darüber türmen sich die Trümmer von vier Stockwerken. Ein Stahlträger hat sich in ihr Bein gebohrt.

"Ich habe mich nur darauf konzentriert, die Schmerzen irgendwie zu ertragen. So hatte ich keine Zeit, zu verzweifeln", erzählt Cardozo-Riedl. Sie weiß, dass es in dem von Misswirtschaft und Korruption niedergewirtschafteten Land kaum professionelle Rettungskräfte gibt und es viele Stunden oder gar Tage dauern wird, bis internationale Retter im Failed State eintreffen werden. Für viele Verschütteten werden sie zu spät kommen. "Ich war und bin ein gläubiger Mensch. Aber in den Tagen unter den Trümmern habe ich mit meinem Gott gehadert. Ich habe mich gefragt: Warum lässt er so viel Leid zu?", erinnert Cardozo-Riedl sich.

Ein Wettlaufgegen die Zeit

Sie weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, seitdem das Hotel, das ihr Vater 1946 gegründet hatte und das sie seit 1973 mit ihrer Schwester führt, über ihr zusammengebrochen ist. Doch auch sie spürt ihre Kräfte nach Tagen ohne Wasser bei 30 Grad Hitze schwinden. Da hört sie plötzlich eine Stimme. Die Stimme spricht deutsch: "Mama, bist Du da unten?" Zunächst denkt die Verschüttete, sie träume, dann erkennt sie in der Stimme ihren Sohn Silvanh.

Nach vier Tagen hat kaum noch jemand Hoffnungen, die Managerin lebendig aus den Trümmern ihrer Hotels zu bergen, doch ihr damals 30-jähriger Sohn gibt nicht auf, kriecht immer wieder in die Spalten zwischen den eingestürzten Mauern und Decken, geht die Trümmer mit den Rettungskräften und Suchhunden ab. Als er schließlich ein Lebenszeichen seiner Mutter hört, arbeitet er sich mit den Rettern Zentimeter für Zentimeter vor. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Als Bergungsspezialist Edgar aus Peru von der internationalen Rettungsorganisation Bomberos Unidos sin Fronteras schließlich als Erster zur Verschütteten vordringt, beginnt er verzückt Psalmen aufzusagen und möchte mit ihr beten. Doch Cardozo-Riedl raunzt ihn an: "Gib mir erst mal was zu trinken! Meinem Gott kann ich auch noch später danken." Der eiserne Wille der schwer verletzten und dehydrierten Frau beeindruckt den frommen Retter. Seine erste Tochter wird er später Nadine nennen.

Die Bilder von Cardozo-Riedls Rettung gehen vier Tage nach der Katastrophe als Zeichen der Hoffnung um die Welt. Die Hotelbesitzerin erfährt, dass unter den Trümmern ihrer 142 Zimmer und 42 Appartements 85 weitere Menschen gestorben sind. Viele der Toten kannte sie persönlich. Unter ihnen sind Familienangehörige, Freunde aus Deutschland, Gäste und viele langjährige Angestellte.

"Aufgeben liegt nichtin der Natur der Haitianer"

Nadine Cardozo-Riedl hätte von dem Ort, an dem sie so viele geliebte Menschen verlor und an dem ihr Lebenswerk in Sekunden zerstört wurde, fliehen können. Sie hätte mit ihrem Mann ins beschauliche Bad Aibling ziehen und das katastrophengeplagte Haiti für immer hinter sich lassen können. Es kam ihr nie in den Sinn. "Nach dem Beben haben viele Menschen nicht geklagt. Stattdessen sagten sie: Wir müssen dankbar sein, dass wir überlebt haben", berichtet die Grande Dame des "Montanas", die sich nach den Tagen unter den Trümmern von einem Spezialisten der Münchner Trauma-Ambulanz behandeln lässt.

Die Trauer erscheint übermächtig - bis Cardozo-Riedl beschließt, noch einmal ganz von vorne anzufangen. "Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer. Wir haben schon so viele Unglücke erlebt. Aus jeder sind wir gestärkt hervorgegangen", sagt die Haitianerin. Zusammen mit ihrer sieben Jahre älteren Schwester Garthe entscheidet sie sich, das Hotel wiederaufzubauen. Die harte Arbeit wird für die zähe Frau, die sich nach dem Beben neun komplizierten Operationen unterziehen musste, zur besten Medizin.

Nachdem 12.000 Lastwagenladungen Trümmer abtransportiert worden sind, eröffnen die Schwestern das Hotel mit zunächst 15 Zimmern neu. Nur vier Monate sind da seit der Katastrophe vergangen. Mittlerweile hat das "Montana" 68 Zimmer, 120 sollen es einmal werden. 150 Menschen gibt das Hotel schon jetzt wieder Arbeit.

Der Luxusherberge ging es immer besonders gut, wenn es Haiti besonders schlecht ging. Der Sturz von Diktator Baby Doc 1986, das Embargo von 1994, die Flucht von Präsident Jean Bertrand-Aristide, UNO-Missionen, Staatsstreiche, Invasionen, Naturkatastrophen: Wenn Haiti in den Schlagzeilen war, sendeten TV-Teams aus aller Welt live von der Hotel-Terrasse. Humanitäre Helfer, Blauhelme, Reporter und Diplomaten diskutierten dort mit Blick auf die vielen Slums von Port-au-Prince, wie Haiti sich endlich aus der Spirale aus Armut, Korruption, Naturkatastrophen und schlechter Regierungsführung befreien könne - und fanden bis heute keine Lösung.

Doch in den letzten acht Jahren hat der völlig unkoordiniert verlaufene Wiederaufbau viele Milliarden Dollar und tausende internationale Helfer und Glücksritter nach Haiti gespült. Mittlerweile haben das Marriott und weitere internationale Hotelketten Filialen in Port-au-Prince eröffnet. Nadine Cardozo-Riedl fürchtet die Konkurrenz nicht. Im Gegenteil, sie ist froh, dass endlich wieder mehr Menschen in ihre Heimat kommen. Am meisten freut sie sich über jene, die langfristig in Haiti investieren oder einfach nur Urlaub machen wollen. So wie früher. Sie kann sich noch gut an die 1960er und 70er Jahre erinnern: Damals war der Karibikstaat noch ein angesagtes Ferienziel, in dem Bill und Hillary Clinton 1975 ihre Flitterwochen verbrachten.

Angst, dass eine erneute Katastrophe schon bald alle Bemühungen wieder zunichtemachen könnte, hat die Haitianerin nicht: "Die letzten großen Beben waren 1751, 1770, 1842 und 2010. Wir dürfen also hoffen, jetzt erst mal verschont zu werden", sagt die unverbesserliche Optimistin. Zudem sei ihr Land mittlerweile viel besser auf Beben und Hurrikans vorbereitet. Im Stadtzentrum erinnert zwar noch die Ruine der Kathedrale an die verheerenden Erdstöße, aber, so Cardozo-Riedl: "Vieles ist in Haiti in den letzten acht Jahren schöner und sicherer wiederaufgebaut worden. Nicht nur unser Hotel."