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Das Zeitalter des Ökotouristen

Von Margot Wallström

Europaarchiv

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Der Tourismus ist ein sozioökonomisches Phänomen, das den Umweltschützern zunehmend Sorgen macht, und zugleich ein Sektor, in dem ca. 9 Millionen EU-Bürger Arbeit finden. Zusätzlich werden in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich zwei Millionen Arbeitsplätze entstehen, vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen. Der Tourismus macht 30% des gesamtenEU-Außenhandels im Dienstleistungssektor aus. In Regionen, in denen die Erwerbstätigkeit in Landwirtschaft und Industrie rückläufig ist, erschließt der Tourismus neue Einkommensquellen, das heißt, er gibt ihnen eine Zukunft. Die EU nimmt auf dem weltweiten Tourismusmarkt eine führende Position ein. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen des Tourismus sind erheblich: Heute ist er nicht mehr das Privileg einiger Weniger, sondern die meisten EU-Bürger können ihn in Anspruch nehmen.

Nachhaltiger Tourismus

Der Ökotourismus steht vor der Herausforderung, wie sich der Tourismus, ohne die Umwelt in Mitleidenschaft zu ziehen, ausbauen und nachhaltig gestalten lässt. Doch welchen Beitrag kann der Ökotourismus wirklich zu einer tragfähigen Entwicklung der EU leisten?

Die Kommission hat eine Strategie für die nachhaltige Entwicklung ausgearbeitet, die im Juni von den Staats- und Regierungschefs in Göteborg gebilligt wurde. Sie beruht auf drei Säulen: auf der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung und der Umwelt. Unter sozialen Aspekten muss der nachhaltige Tourismus den Belangen der Touristen gerecht werden, den im Tourismussektor Beschäftigten und der Bevölkerung vor Ort - die häufig das Gefühl hat, dass ein ungezügelter Tourismus ihre Lebensweise und Kultur bedroht. Unter wirtschaftlichen Aspekten stärkt der nachhaltige Tourismus die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Im Reiseverkehrssektor, in der Hotellerie und Gastronomie expandieren die Unternehmen, schaffen neue Arbeitsplätze und tragen zur Erwirtschaftung von Gewinnen auf lokaler und regionaler Ebene bei. Unter Umweltaspekten bedeutet nachhaltiger Tourismus vor allem die Wahrung der natürlichen Ressourcen der Erde. Die Natur und die biologische Vielfalt sind unser aller Erbe. Sie sind jedoch keine Ressourcen, die nachwachsen. Die Umweltpolitik der EU legt den Schwerpunkt auf eine rationellere Nutzung der Wasserressourcen, die Vermeidung von Abwässern und der Verschmutzung von Küstengewässern, die Eindämmung der Luftverschmutzung, eine bessere Energieeffizienz durch die Verwendung erneuerbarer Energieträger, Verbesserungen in der Abfallwirtschaft und den Schutz anfälliger Ökosysteme sowie wildlebender Pflanzen und Tiere.

Prinzip der Freiwilligkeit

Andere internationale Organisationen, etwa die Vereinten Nationen - die das Jahr 2002 zum "Jahr des Ökotourismus" ausgerufen haben - oder die Weltorganisation für Tourismus, haben sich der Förderung des auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Tourismus verschrieben. Unternehmen der Touristikbranche wenden freiwillig umweltfreundlichere Standards an und lassen sich zertifizieren, um nachzuweisen, dass ihre Aktivitäten der Nachhaltigkeit im Umweltbereich entsprechen.

Es geht jedoch nicht nur darum, Rechtsvorschriften zu erlassen oder das Geschäftsgebaren einer Branche zu ändern. Jeder Einzelne spielt bei der Förderung des nachhaltigen Tourismus eine wichtige Rolle. Was können wir konkret tun? Abgesehen von den Selbstverständlichkeiten - dass wir unseren Müll nur in den dafür vorgesehenen Behältern deponieren, dass wir Abfälle vernünftig entsorgen, das Wasser nicht verschmutzen und Waldbränden vorbeugen - könnten wir uns z. B. für einen Reiseveranstalter entscheiden, der Hotels anbietet, die nach Umweltkriterien zertifiziert sind. Wir könnten, soweit möglich, mit der Bahn verreisen und mit Umweltzeichen ausgezeichnete Produkte verwenden. Es gibt noch viele andere Dinge, die wir in der Praxis tun könnten, um weniger zu verbrauchen und mehr wiederzuverwerten. Wir müssen uns nur bewusst werden, was auf dem Spiel steht, und entsprechend handeln.

Niemand kann vernünftigerweise behaupten, dass ein möglicher Weg darin besteht, die natürlichen Ressourcen schneller zu verbrauchen, als diese nachwachsen. Damit wird künftigen Generationen schlichtweg die Lebensgrundlage genommen. Wenn wir jetzt nicht handeln, läuft unsere Umwelt Gefahr, irreversibel geschädigt zu werden, und die Traumstrände in den Prospekten gehören bald der Vergangenheit an.