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Das Ziel der Taliban: Pakistans Atombombe

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare

Vor 50 Jahren erregte "The ugly American" (Der hässliche Amerikaner) Aufsehen. Quintessenz dieses Welt-Bestsellers: In seinem missionarischen Drang glaube das amtliche Amerika, dass "gut gemeint" schon gut genug sei; es wisse zwar nicht alles, wohl aber alles besser und (zer)störe damit die erfolgreiche Kleinarbeit von Entwicklungshelfern in Südostasien.


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Genauso "gut gemeint" begann 2001 die Sanierung Afghanistans. Rund 4500 Nato-Soldaten sollten die Hauptstadt Kabul schützen, damit von dort Demokratie, Bildung und Modernisierung aufblühen und irgendwann unwiderstehlich in das riesige Hinterland hinaussickern. Ein paar Nato-Soldaten mehr sowie die afghanische Armee trieben Al Kaida und die Taliban von der Landkarte - allerdings nur in den Untergrund. Heute führen 70.000 Nato-Soldaten regelrecht Krieg gegen die Rebellen im Süden des Landes.

Hingegen sollen 4200 deutsche Nato-Soldaten "nur" die zivilen Aufbauhelfer im vergleichsweise ruhigen Norden beschützen - auf einer Fläche, die etwas größer ist als Österreich. Sie sind aber vollauf damit ausgelastet, sich selbst vor Überfällen und Sabotageakten der Taliban zu schützen.

Der berühmte Carl von Clausewitz definierte Krieg nicht nur als "Fortsetzung der Politik unter Beimischung anderer Mittel", sondern auch als Aktion wie im Nebel. Ein klassisches Beispiel dafür ist der verheerende nächtliche Luftangriff auf einen Treibstofftransport, den die Taliban gekapert hatten. Von Befriedung der Region im Nebel, in dem die Taliban manövrieren, somit keine Spur. Der psychologische Effekt von "Kollateralschäden" in Form getöteter ziviler Schutzbefohlener liegt auf der Hand. Ein Beleg dafür: Dass die Taliban Tage später im Grenzgebiet zu Pakistan einen Treibstofftransport der Nato-Truppen vernichteten, machte keine Schlagzeilen.

Ebenso wenig Beachtung finden revolutionäre Fortschritte. Unter Nato-Schutz bekamen Afghaninnen erstmals die gesetzliche Gleichstellung mit Männern - und ein Drittel der sechs Millionen Schüler sind Mädchen! Andererseits wagten sich rund 45 Prozent der Bevölkerung jüngst nicht an die Wahlurnen, weil die Taliban den Wählern Verstümmelungen angedroht hatten.

"Gut Gemeintes" blieb im leider unterschätzten afghanischen Morast von ethnischen Konflikten und Korruption stecken. Das erklärt auch sonderbare Ausbrüche von Frust. So verhalf US-General Stanley McChrystal, Oberkommandierender der Nato-Truppen, einer US-Zeitung zu einer Sensationsstory mit der Behauptung, dass die deutschen Waffenbrüder im Norden ein gemütliches Leben führten, derweil die US-Einheiten im Süden in schwere Kämpfe verwickelt seien.

Das wirkt psychologisch genauso kontraproduktiv wie der Nachtangriff auf gekaperte Treibstoff-Laster am Kundus-Fluss, weil es von größtmöglichen Kollateralschäden ablenkt: Gewännen Al Kaida und Taliban die Kontrolle über Afghanistan, dann käme das zerrüttete Pakistan an die Reihe, ein Land im Besitz der Atombombe.

Clemens M. Hutter war bis 1995 Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".