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Deckel drauf

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
© Luiza Puiu

Die Wien Energie braucht plötzlich Milliarden, doch Fakten sind Mangelware. Das befeuert Spin und Spekulation.


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Die offensichtlich nicht nur für die allgemeine, sondern auch für eine spezifischere Öffentlichkeit wie aus dem Nichts aufgetauchte existenzgefährdende finanzielle Schieflage der Wien Energie macht zweierlei deutlich: erstens, wie gravierend die Verwerfungen auf den Energiemärkten aufgrund der Primär- und Sekundärfolgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine sind; und zweitens, wie jenseitig in Österreich die Debatte über diese Verwerfungen abläuft.

Wenn der aktuelle Eindruck stimmt, dann wusste bis zum späten Sonntagabend außerhalb des engsten Kreises von Stadt Wien und Wien Energie niemand von der sich zuspitzenden Liquiditätskrise. Zwar ist richtig, dass man schlechte Nachrichten nicht größer an die Glocke hängt als unbedingt nötig, aber bei einem strategisch so wichtigen Unternehmen im öffentlichen Eigentum braucht es ein deutlich größeres Maß an Transparenz.

Was das angeht, gibt es in ganz Österreich Probleme, in Bund, Ländern und Gemeinden, aber eben auch im Zuständigkeitsbereich Wiens, wo Ausgliederungen zur Kunst erhoben wurden, um unliebsame Einsichts- und Kontrollrechte zu minimieren.

Weil es eben gleichzeitig zum Bekanntwerden der Schieflage eine - um es vorsichtig auszudrücken - höchst unbefriedigende Informationslage über die konkreten und selbstredend auch zu überprüfenden Ursachen gibt, schießen die wildesten Gerüchte ins Kraut, oft angereichert mit (partei-)politischem Spin. Die Stadt Wien hat versucht, den Deckel draufzuhalten, nun fliegt ihr die Malaise doch um die Ohren. Und mit großer Sicherheit hätten alle anderen genauso gehandelt. So sind wir nämlich tatsächlich.

Schließlich zeigt sich hier einmal mehr, wie sich in Österreich die Debattenkultur ins Abseits stellt. Wir haben es geschafft, unternehmerische Entscheidungen mit moralisch aufgeladenen Begriffen zu brandmarken - und der sinnloseste, aber politisch wirksamste heißt "Spekulation" beziehungsweise "verspekulieren".

Allem unternehmerischen (und eigentlich menschlichen) Handeln liegt eine Wette auf die Zukunft zugrunde. Dem entspricht auch "Hedging", mit dem Firmen ihr Kostenrisiko nach oben wie unten zu beschränken versuchen. Alles daran ist vernünftig, nichts verwerflich. Jetzt fehlen nur noch die Fakten, wie es zum milliardenschweren Liquiditätsbedarf der Wien Energie gekommen ist. Dann können wir sinnvoll weiterreden, auch und gerade politisch. Vielleicht gibt es bis dahin ja bereits auch eine größere Antwort auf die Krise der Energiemärkte vonseiten Europas.