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Die Warlords rüsten auf, die Regierung ist vielerorts schwach: Viele Afghanen fühlen sich in die Zeit nach dem Sowjet-Abzug zurückversetzt - und fliehen.
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Kabul. Marjam sitzt still in ihrem kargen Wohnzimmer, etwas abseits, gleich neben der Tür. Der rote Teppich mit dem grauen, orientalischen Muster, einziges Schmuckstück des einfachen Hauses am Rande von Kabul, ist blitzsauber gekehrt, kein Reiskorn oder Brotkrümel ist zu entdecken. Die Afghanin schenkt aus einer vergilbten Plastikkanne Tee ein und schiebt ihrem Sohn Junus, der auf einem der blitzblauen Sitzkissen Platz genommen hat, einen Glasteller mit getrockneten Maulbeeren zu. "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen", sagt die 52-Jährige schließlich. Fast zwei Monate lang habe sie ständige Ungewissheit geplagt. Doch dann war endlich die erlösende Nachricht gekommen: Ihr zweitältester Sohn Ahmad habe es geschafft, er sei in Deutschland angelangt.
Die Familie habe, erzählt Marjam mit ruhiger Stimme, ihren Sohn vor allem aus wirtschaftlichen Gründen weggeschickt. "In Afghanistan ist das Leben schwer, es gibt keine Arbeit und viele andere Probleme", sagt sie. Heute ein finanzielles Auslangen zu finden, sei äußerst schwierig. Und überhaupt habe das Land die vergangenen vier Dekaden kein einziges einfaches Jahr gesehen. Mittlerweile fühle sie sich auch in Kabul wieder unsicher. Ständig höre sie von Entführungen, Anschlägen der Taliban und wie diese ganze Bezirke im Land überrennen.
Wie Marjam geht es heute vielen afghanischen Familien. Sie wollen nicht mehr bloß auf eine Besserung der Situation hoffen. Eine neue Fluchtwelle hat das Land, das ohnehin über Jahrzehnte die größte Zahl an Flüchtlingen stellte und heute nur von den Syrern auf den zweiten Platz verwiesen wird, erfasst. Auch die Zahl der Rückkehrer nach Afghanistan ist auf das niedrigste Niveau seit sechs Jahren gesunken.
Für Nader Nadery, Chef des Kabuler Thinktanks AREU, kommt das wenig überraschend. "Der Hauptgrund für die Flüchtlingswelle ist eine Zunahme der Gewalt in den vergangenen zwölf Monaten", sagt der Politologe. Die Zahl der Angriffe auf Regierungseinrichtungen, aber auch gezielt auf Zivilisten, die für die ausländischen Truppen oder Organisationen im Land arbeiten, sei signifikant angestiegen. Die Taliban und andere terroristische Gruppierungen seien heute wegen mangelnder Kapazitäten der Luftstreitkräfte der afghanischen Armee auch wieder mobiler. "Das trägt zu einem größeren Unsicherheitsgefühl der Menschen bei."
Die Flüchtlingswelle werde aber auch durch die politische Unsicherheit im Land befeuert. "Die Präsidentschaftswahlen im Vorjahr haben das Land sehr gespalten. Die Einheitsregierung, deren Bildung erzwungen wurde, hat wie andere Einheitsregierungen Schwierigkeiten in der Regierungsführung, bei der Zurverfügungstellung von Dienstleistungen an ihre Bürger und der Verteilung von Positionen. Das hält ihre Arbeit auf", sagt Nadery.
Frische Erinnerungen
Nicht zuletzt setze den Menschen das Wiederauftauchen eines Gefühls vermehrter Militanz und Warlord-Herrschaft zu. "Menschen wie der Gouverneur von Balkh, Atta Mohammad Noor, Ismail Khan in Herat oder lokale Kommandeure auf Provinzebene nutzen das Sicherheitsvakuum, das durch den Abzug der internationalen Truppen geschaffen wurde, aus", sagt Nadery. Der Anstieg der Gewalt käme ihnen, die sich zunehmend wieder bewaffnen, zugute, indem sie sich als Retter der Bevölkerung präsentieren, wenn sie auf lokaler Ebene für Sicherheit sorgen. Sie würden aber auch immer wieder die Bürger selbst einschüchtern oder Gewalt gegen sie anwenden. "Das erinnert die Afghanen an die 1990er Jahre - eine Zeit, in der die Regierung immer schwächer wurde und dann kollabierte, die Sowjets abgezogen waren, die Wirtschaftslage immer schlechter wurde und die Warlords Zivilisten immer brutaler behandelten", sagt Nadery.
Für einen Afghanen, der all dies durchmachte, seien die Erinnerungen an die Zeit des dem Abzug der Sowjets folgenden Bürgerkriegs vor 15 Jahren "noch frisch". Auch die Generation, die unter den Taliban zwischen fünf und zehn Jahren alt war, erinnere sich heute genau an die exzessive Gewalt und die Unsicherheit dieser Zeit.
All das zusammen führe dazu, dass sich vor allem viele gebildete Afghanen ins Ausland aufmachen. "Wir haben es, wie Untersuchungen zeigen, mit einem veritablen Brain-Drain zu tun", sagt Nadery. Viele der Flüchtenden seien aufgrund ihrer Bildung in der Gesellschaft sichtbarer, was ihnen oft Drohungen eingebracht habe. "Sie haben aber noch keine dicke Haut entwickelt", sagt der Politologe, der selbst immer wieder bedroht wird.
Im Land wird indes die seit einem Jahr im Amt befindliche Einheitsregierung für die missliche Lage verantwortlich gemacht. Das sei aber nicht sehr fair, urteilt der Politologe. "Die Regierung musste ein sehr schweres Erbe antreten." Mehr als 100.000 internationale Soldaten sind weg - und mit ihnen mehr Sicherheit und ein bis dahin immens wichtiger Wirtschaftsfaktor, der vielen Afghanen das Essen auf ihrem Tisch sicherte. Gleichzeitig arbeite die Regierung hart daran, die bisherige politische Kultur zu ändern. "Die Behörden waren an Untätigkeit, Verantwortungslosigkeit und eine vollständige Absenz von Rechenschaftspflicht gewöhnt", sagt Nadery. Es brauche Zeit, bis die Bevölkerung diesen Wandel spürt.
Unmut in der Zivilgesellschaft
In der afghanischen Zivilgesellschaft regt sich indes massiver Unmut über den Exodus. Studentenvereine fordern mit Straßenprotesten von der Regierung, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Das Oberhaus appellierte an die Regierung, die Fluchtwelle zu stoppen. Diese versucht nun mit abschreckenden Bildern und patriotischen Aufrufen in sozialen Medien, die Abwanderung einzudämmen.
In Marjams Haus ist hingegen, seit der Sohn Ahmad in Deutschland ankam, wieder Hoffnung eingezogen. Früher habe es oft wegen des Geldes Streit zwischen den Brüdern gegeben. Auch wenn Ahmad noch nicht gleich helfen wird können, fühlt sich der dagebliebene Junus bereits ein wenig entlastet. "Wir schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe", sagt Marjam. "Das Leben von Ahmad wird besser und unseres auch."

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