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Dem Selbst auf der Spur

Von Stefan Beig

Politik

Wandel an Wiens Schulen durch einen mehrsprachigen Redewettbewerb.


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Wien.

Wiens mehrsprachige Jugend brachte am Dienstag auch Geschäftsleute zum Staunen. "Was ich hier erlebe, ist sprachlich und intellektuell exzellent", versuchte Carl Gabriel, Marketing-Chef von Uniqua, seine Eindrücke zusammenzufassen. Er wohnte der Endausscheidung der mehrsprachigen Schülerredewettbewerbs "Sag’s Multi" bei, dessen Hauptsponsor die Versicherung ist. Die professionell vorgetragenen zweisprachigen Reden der Schüler beeindruckten Gabriel. Er bedauere es fast, wieder zu vergleichsweise langweiligen Geschäftsgesprächen zurückkehren zu müssen, bekannte er. Stolz auf die Jugend ist auch Ali Rahimi vom "Verein Wirtschaft für Integration", der den Wettbewerb heuer zum dritten Mal organisiert. "In den letzten Jahren habe ich schon einige Zitate eurer Reden in meinem Berufsleben verwenden können", sagte er.

Freiheit war diesmal das Thema von "Sag’s Multi". "Für mich bedeutet Freiheit, nicht lügen zu müssen, nicht seine Identitäten verleugnen zu müssen", erzählte Sandra Harbas in ihrer Rede. Früher habe sie ihre Herkunft versteckt. "Ihr Tschuschn schleicht euch nach Hause zurück", riefen ihr die Bewohner im Gemeindebau zu - und tun es noch immer. "Gott sei Dank habe ich meine bosnische Herkunft nicht verleugnet." Als Sandra später in eine Kooperative Mittelschule (KMS) kam, schockierten sie die Gruppenbildungen. "Ich konnte es nicht fassen." Türkisch-, serbisch- und österreichstämmige Schüler waren in Gruppen verteilt - je nach religiösem Bekenntnis. "Mein Problem: Ich war mit zwei Religionen aufgewachsen."

Ihre jetzige Schule, das Schulzentrum Friesgasse, eine katholische Privatschule im 15. Wiener Gemeindebezirk, liebt Sandra hingegen. Sie sei froh, mit Menschen verschiedener Kulturen zusammenzuleben. "Wir sind eine Multi-Kulti-Schule", betont die Deutschprofessorin Antonia Himmel-Agisburg und strahlt. "Wir sind stolz auf unsere 40 Sprachen. Unser Schulprofil ist die Förderung des Zusammenlebens." Religion sei hier wichtig. Alle Religionen würden unterrichtet und geschätzt. So könnten sich alle mit ihren Talenten, Sprachen, Kulturen und Religionen einbringen. Für "Sag’s Multi" haben sich spontan 50 Schüler gemeldet. Bei den schulinternen Vorausscheidungen saßen auch Schüler in der Jury. "Für mich war ihr Feedback sehr wichtig", erzählt Sandra Harbas der "Wiener Zeitung". "Hier erfahre ich mehr über mich", betont sie in ihrer Rede. Hier finde sie die Wahrheit über sich.

"Ein Selbstfindungsprozess"

"Der gesamte Wettbewerb ist so etwas wie ein psychologischer Selbstfindungsprozess", findet Barbara Haselböck, Deutschprofessorin am Gymnasium Gottschalkgasse 21 in Wien-Simmering, an dem mindestens 60 Prozent eine andere Muttersprache haben. "Bei vielen beginnt dadurch eine Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte. Manche Schüler sind über Schlepper hergekommen und sind nun dankbar für die Möglichkeiten, die sie in Österreich haben." Das Bewusstsein für die eigene Identität sei gestiegen und damit auch das Selbstwertgefühl gegenüber den restlichen Kindern. Einige Schülerinnen hätten in der Vorbereitungsphase ihr Kopftuch abgelegt, andere es aufgesetzt.

Die Gottschalkgasse war bisher jedes Mal bei "Sag’s Multi" dabei und konnte immer einen Preis gewinnen. "Am Anfang haben sich wenige Schüler gemeldet, man musste sie teilweise aussuchen. Mittlerweile ist das ein Selbstläufer. Alle kennen den Wettbewerb und melden sich freiwillig."

Zum dritten Mal dabei ist auch die KMS Schopenhauerstraße 79 im 18. Wiener Gemeindebezirk. "Das Selbstbewusstsein, der Ehrgeiz und das gute Auftreten unserer Schüler ist seither gestiegen", erzählt die Direktorin Erika Tiefenbacher. Was die Kinder dabei gelernt haben - besonders in Fragen der Präsentation -, konnten sie auch im Unterricht bei Referaten verwenden und hat auch andere Schüler inspiriert, betont Tiefenbacher. "Alle Schüler haben mitgefiebert. So ist ein Gemeinschaftsgefühl entstanden." Bei allen war eine Leistungssteigerung bemerkbar. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so gut Deutsch kann, dass ich zu einem Wettbewerb gehe", habe ein Kind nachher gesagt." Alle seien nun stolz auf das Potenzial der Schüler.

Website Redewettbewerb "Sag´s Multi"