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Demos für den Klimaschutz: "Euch gehen die Ausreden aus"

Von Jan Michael Marchart

Politik
Die größte Schüler-Klimademo in Österreich fand am Wiener Heldenplatz statt.
© Christopher Glanzl

Mehr als 20.000 Schüler und Studenten gingen am Freitag österreichweit für den Klimaschutz auf die Straße.


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Wien. Wer hätte gedacht, dass Schwänzen mehr sein kann, als bloß der Schule fernzubleiben? Die Schwedin Greta Thunberg zunächst wohl kaum. Im Alter von acht Jahren erzählte ihr Lehrer von der Erderwärmung und ihren Konsequenzen. Thunberg begann sich über den Klimawandel zu informieren. Dann waren da die Schülerstreiks gegen die Amokläufe in den USA und eine Idee: Was passiert, wenn die Kinder schwänzen würden, bis die schwedische Regierung das Pariser Klimaabkommen erfüllt?

Anfangs, im August vergangenen Jahres, stand Thunberg alleine vor dem schwedischen Reichstag, niemand wollte mit ihr gemeinsam im Zuge der Hitzewelle streiken. Selbst ihre Eltern ließen sie im Stich. Heute ist Thunberg die Galionsfigur der weltweiten Klimabewegung und eine Jugendikone. "Ich will, dass ihr in Panik geratet", sagte die 16-Jährige im Jänner beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der politische Werdegang Thunbergs macht eines deutlich: Dranbleiben lohnt sich.

Denn ähnlich zäh lief die Sache in Österreich an. Seit Ende Dezember demonstriert die Jugend inspiriert von Greta Thunberg in Wien in kleiner Zahl für ein besseres Klima. Mitbekommen hat das kaum jemand. Am Freitag drehte sich der Wind auch in Österreich. Weltweit fanden am Freitag 1200 Kundgebungen in mehr als 120 Staaten statt, hundertausende Jugendliche veranstalteten den bisher größten Schülerstreik unter dem Motto "Fridays for Future".

Versperrte Schultore in Wien

Stellenweise fallen ein paar Tropfen vom Himmel, ab und zu blinzelt die Sonne durch die graue Wolkendecke. In Wien ist es fünf vor zwölf. Mindestens 10.000 Schüler ziehen durch die Innenstadt zur Großkundgebung am Heldenplatz. Auf ihren Rücken baumeln bunte Schultaschen, als wäre Mathematik am Freitag in der vierten Stunde eine Option gewesen - mitnichten. Die Jugend ist hier, um für eine bessere Umwelt zu kämpfen. Ihr Vorbild ist die für viele Demoteilnehmer gleichaltrige Greta Thunberg. Auf Schildern der Schüler misch sich Endzeitstimmung mit Hoffnung und Selbstbewusstsein. "Euch gehen die Ausreden aus und uns die Zeit", heißt es. Auf einem anderen Schild steht "We rise like the ocean". Tausende Schüler skandieren "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut."

Unter die Kinder und Jugendlichen mischten sich neben Politikern als kleine Begleiterscheinung Punks und Studenten, die unter der kühlen Märzsonne in Kreisen auf der Wiese sitzen, Bier trinken, rauchen und kiffen. Ein Hauch von Festivalflair. Aber nicht für alle ist es ein Leichtes, überhaupt an der Demonstration teilzunehmen. In einem Wiener Gymnasium durften die Kinder das Schulgebäude nur verlassen, wenn sie eine schriftliche Bestätigung der Eltern mitbrachten, wer die Aufsicht für die Kinder übernimmt. Pro Person durften vier Kinder zur Demonstration mitgehen. Das sei von der Direktorin akribisch kontrolliert worden, erzählt eine Mutter, die sich als Elternvertreterin bereit erklärt hatte, Elf- und Zwölfjährige beim Streiken zu begleiten.

Die Tore des Schulhauses seien geschlossen gewesen, an jedem Ausgang seien zwei Lehrer gestanden, damit kein Kind das Schulhaus einfach so verlassen könne. Bis zum Schluss sei versucht worden, die Kinder in der Schule zu behalten. Der Aufwand der Eltern ändert nichts daran, dass die Schüler aus Sicht der Direktorin unentschuldigt fehlen. "Die Schule hat es nicht unterstützt, dass die Kinder auf die Demo gehen", sagt die Elternvertreterin. "Es wurde uns so schwer wie möglich gemacht."

Die Eltern haben sich über eine WhatsApp-Gruppe organisiert. Die Initiative sei aber von den Kindern gekommen.

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In der Freizeit und in Pausen haben sich die Kinder selbst organisiert und ein Transparent entworfen. "Das war sehr anstrengend, weil wir dazwischen Schularbeiten und Tests hatten", einer der jungen Organisatoren. Er sei mit der nationalen und internationalen Klimapolitik unzufrieden und habe begonnen, in seiner Klasse Mitstreiter zu finden und die Schülervertretung zu motivieren.

Schon am nächsten Freitag wird die Schülergruppe aus dem Wiener Gymnasium aber nicht mehr streiken, auch wenn die Kinder gerne möchten. Zu stark sei das Argument der Schule mit den Fehlstunden. Das ärgert die Elternvertreter. Die Jugend werde immer als apolitisch dargestellt, aber zur Demo wolle man sie auch nicht gehen lassen. "Ich finde, es ist eine Frechheit, dass sich meine Schule als klimaschützend verkauft und sich querstellt, sobald wir auf die Straße gehen und die Politik darauf aufmerksam machen wollen", sagt einer der Gymnasiasten. "Der Bildungsauftrag ist doch, uns zu kritisch denkenden Menschen zu machen."

Wenn sie nicht zu den nächsten Demos dürfen, wollen sie zumindest in der Schule das Klimathema weiter forcieren, auch wenn die Direktorin "erzkonservativ" sei, ein Lehrer den Eindruck mache, nicht glauben zu wollen, "dass der Klimawandel menschengemacht ist", und auch manche Schüler damit abwinken, man könne gegen den Klimawandel eh nichts machen.

Für die Schülergruppe ist klar: Einmal streiken reicht nicht "und dann, wenn wir in der Schule sind, mit Papa oder Mama im dicken SUV in die Schule fahren, obwohl wir nur fünf Minuten weit weg wohnen". Man müsse selbst aktiv werden und etwa auf Plastikflaschen verzichten. Es sei nicht nur so mancher Lehrer, der der Klimapolitik im Weg stünde.

In den vergangenen Tagen kam im Bezug auf die Proteste unter Bildungsdirektoren die Frage auf: Warum macht ihr das nicht in eurer Freizeit? Julia, 17, findet es wichtig, dass die Demos während der Schulzeit stattfinden, "weil es das System stört". Der gleichaltrige Moritz will die Streiks auch auf die Freizeit ausweiten, damit jene teilnehmen können, denen es von der Schule verwehrt wird. Möglich scheint, dass dieser Freitag erst der Anfang gewesen ist.