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Den Hungertod vor Augen

Von Michael Schmölzer

Politik

Es ist ein unbeachteter Konflikt, der unter Beteiligung Saudi-Arabiens im Jemen tobt. | Der Bevölkerung fehlt es an Nahrungsmitteln und Medikamenten, eine Katastrophe bahnt sich an.


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Sanaa. Der Jemen gerät unter die Räder. Abseits jeder internationalen Aufmerksamkeit ist eine gewaltige humanitäre Krise längst Realität, das Land ist durch einen blutigen Bürgerkrieg am Rand des Kollapses. Die staatlichen Strukturen funktionieren nicht mehr, 100.000 Menschen sind vor den Kämpfen ins Ausland geflohen, nehmen die riskante Fahrt per Boot etwa in das ebenfalls vom Bürgerkrieg gezeichnete Somalia auf sich, um dem Horror daheim zu entkommen. Nicht nur das Mittelmeer, auch die Seestraße zwischen dem Jemen und Afrika ist ein Massengrab, weil die baufälligen Flüchtlingsboote auseinanderbrechen und sinken.

Im Jemen bekämpfen einander auf der einen Seite die vom Iran unterstützten Houthi-Milizen, die Teile der Armee auf ihrer Seite haben, und auf der anderen Seite von den Saudis unterstützte Einheiten der Exilregierung. Die Lage ist extrem verworren, Stammeskonflikte und die alte Nord-Süd-Feindschaft überlagern den Konflikt. Dazu kommt, dass Al-Kaida im Jemen stark präsent ist und auch der IS mittlerweile Fuß gefasst hat.

Das militärische Eingreifen Saudi-Arabiens auf der Seite des sunnitischen Exilpräsidenten Abed Rabbu Mansour Hadi hat den Konflikt enorm angeheizt und ist für einen großen Teil des Leides der Zivilbevölkerung verantwortlich. Die Saudis an der Spitze einer arabischen Militärkoalition versuchen seit Monaten, die Houthi-Rebellen, die aus dem Norden kommend einen großen Teil des Landes kontrollieren, zurückzudrängen.

Bei zahllosen Luftangriffen - unter anderem auf Jemens Hauptstadt Sanaa - wurden Zivilisten getötet oder schwer verwundet. Rund um Aden, die Hauptstadt des ehemals kommunistischen Südjemen, bekämpfen Bürgerwehren gemeinsam mit der Armee die Eindringlinge aus dem Norden - zuletzt mit Erfolg: Die Houthis konnten rund um Aden zurückgedrängt werden.

Seit der Bürgerkrieg im März eskalierte, hat es rund 4000 Todesopfer gegeben, rund die Hälfte davon sind Zivilisten. Den Houthis werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Sie sollen mit Panzern auf Wohnblocks gefeuert haben, Scharfschützen nahmen offenbar gezielt Zivilisten ins Visier. Den Saudis wird die Bombardierung von Flüchtlingslagern und Krankenhäusern sowie der Einsatz von international geächteten Streubomben zur Last gelegt.

In dem erbittert geführten Konflikt sind zahlreiche, einst von Touristen bestaunte Kulturdenkmäler zerstört worden. Der Jemen ist berühmt für seine jahrhundertealten Lehmbauten, die oft eine erstaunliche Höhe erreichen. Viele davon liegen in Schutt und Asche. Das Land war immer schon bitterarm, Tourismus wegen der prekären Sicherheitslage nur bedingt möglich. Ab den 1990er Jahren wurden westliche Touristen entführt und Lösegelder erpresst, betroffen waren auch Österreicher. Später kam es zu tödlichen Anschlägen auf Touristen-Konvois, die die Handschrift der Al-Kaida trugen. Dem Tourismus versetzte das den Todesstoß.

Humanitärer Notstand

Im Jemen - ganz anders als im angrenzenden Saudi-Arabien und im Oman - gibt es nur wenige Ölvorkommen. In den vergangenen Jahren wurde zudem das Wasser knapp, weil ein Großteil davon für den lukrativen Anbau von Quat - einer pflanzlichen Droge, die von einem Großteil der Jemeniten konsumiert wird - verwendet wurde. Die britische Hilfsorganisation Oxfam, seit langem im Jemen aktiv, hat jetzt Zahlen veröffentlicht, wonach fast die Hälfte der etwa 26 Millionen Einwohner nicht genug zu essen hat. Die Hälfte davon steht am Rande des Verhungerns. Seit März ist die Zahl der Menschen ohne Zugang zu ausreichender Nahrung um 2,3 Millionen gestiegen. Es gibt auch erste Anzeichen, dass sich Seuchen ausbreiten. Die von den Saudis angeführte Militärkoalition erschwert die Lieferung von Gütern mittels Seeblockade. Neben Nahrung fehlt es an Medizin und Treibstoff. Von einem funktionierenden Gesundheitssystem kann längst keine Rede sein.

Der Chef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Peter Maurer, ist derzeit in der von den Rebellen kontrollierten Hauptstadt Sanaa, um sich ein Bild von der Lage zu machen.