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"Den Politiker als großen Vater gibt es nicht mehr"

Von Sara Hassan

Wirtschaft

Pascal Lamy, früherer WTO-Generaldirektor, über den verlorenen Glanz der Politik und das Ende der Vorbildrolle von Spitzenpolitikern.


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"Wiener Zeitung": Sie waren acht Jahre lang Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO. Man sagt, in Österreich hätten es junge Start-ups nicht unbedingt leicht. Würden Sie in hier ein Unternehmen gründen?Pascal Lamy: Die wirtschaftliche Reputation der Republik ist gut. Österreich erweckt den Eindruck eines seriösen Landes. Ein stabiles politisches System, sichere Wirtschaft - ähnlich wie die Schweiz oder Deutschland. Die Voraussetzungen, um ein Start-up gründen zu können, sind damit meiner Ansicht nach gegeben: Es gibt ein funktionierendes Rechts- und Wirtschaftssystem.

Sie sind im Beirat von Transparency International France. Was Transparenz betrifft, hat Österreich ein relativ schlechtes Standing.

Transparenz - für mich ein Kernthema - muss man kultivieren. Wir haben da sehr viel bewegt, zum Beispiel den Whistleblower-Act. Wir haben damit Bedingungen geschaffen, unter denen Whistleblower arbeiten können, ohne kriminalisiert zu werden. Ich kann Ihnen sagen, wie Österreich von außen wirkt: Es ist für mich ehrlich gesagt nie so negativ aufgefallen. Es wirkt solide.

Sie waren lange in der französischen Politik tätig. Es herrscht die Vorstellung, dass junge, interessierte und talentierte Menschen eher in die Wirtschaft als in die Politik streben. Woran liegt das?

Es ist nicht mehr so reizvoll, ein politisches Vorbild zu werden. Die Politik hat aber nicht an Wert verloren. Ihre Infrastruktur hat sich ganz einfach verändert und die Vorbilder haben sich verlagert. In Spanien zum Beispiel gibt es kaum politische Vorbilder. Das sind Fußball- oder Tennisspieler. Und in Frankreich ist das nicht anders. Schauen Sie sich zum Beispiel das "Journal du Dimanche" an. Dort stehen wöchentlich 50 Vorbilder der Gesellschaft. Die Liste führen Sänger, Schauspieler und so weiter an. Unter den Top-50 sind genau zwei Politiker. Da ist schon eine Veränderung spürbar.

Wie bewerten Sie das?

Die Politik von morgen wird nicht mehr die sein, die wir kennen. Wir bewegen uns in eine Richtung, in der die neuen Technologien den Bürgern die Möglichkeit gibt, viel stärker in das politische Geschehen einzugreifen. Sie können ihre Anliegen formulieren und Schwerpunkte setzen. Wir schlagen also einen Kurs in Richtung Dezentralisierung der Politik ein. Ein wesentlicher Hebel für das Mitgestalten ist dabei Transparenz.

Inwiefern?

Transparenz ist nicht dazu da, um ein Problem zu lösen, sondern um sie aufzuzeigen. Bürger können Bewusstsein für ihre Anliegen schaffen. Das ist aber keine Wunderlösung - es reicht nicht, ein Problem aufzuwerfen.

Was hat sich am meisten in der Politik des 21. Jahrhunderts verändert?

Die Politik hat ihren magischen Glanz verloren. Die politischen Akteure wurden also sozusagen entheiligt. Der Politiker als großer "Vater" ist aus der Mode gekommen. Politisches Geschehen funktioniert heute viel individualistischer. Und dafür gibt es auch gute Gründe. Das ist keine negative Entwicklung. Im Gegenteil, es ist die logische Konsequenz und gut so.