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Den VAR mag man eben . . .

Von Christian Mayr

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Das in die Luft gemalte Fernsehkastl ist die Geste der WM - zumal der Videobeweis das Spielverhalten maßgeblich beeinflusst.


Wenn jemand die Geste markenrechtlich geschützt hätte (so dies überhaupt möglich ist), hätte die Fifa bei dieser Weltmeisterschaft ordentlich zu zahlen: Das in die Luft gemalte Fernsehkastl als Symbol des neuen Videobeweises ist in den russischen WM-Stadien (und wahrscheinlich auch mancherorts zu Hause beziehungsweise auf den Fan-Meilen) omnipräsent. Der Schiedsrichter macht’s - bevor und nachdem er sich eine Unregelmäßigkeit auf dem Schirm noch einmal ansieht und sodann eine Entscheidung zu treffen hat; die Spieler tun’s - damit angeblich übersehene Elfmeter oder derbe Fouls möglichst einer Nachkontrolle unterzogen werden; die Trainer und Betreuer an der Outlinie tun’s, um beim Referee oder dem Offiziellen an der Linie zu reklamieren. Jedes Endrunden-Turnier braucht halt einen innovativen Blickfang: der Freistoßspray 2014, die Vuvuzelas 2010, La Ola 1986...

Dabei ist es erst ein paar Jahre her, dass das Luft-Rechteck hierzulande etwas ganz anderes bedeutete - zumindest wurde das in der Werbung vermittelt. Ein weithin bekannter Wiener Süßwarenproduzent (der mit dem Stephansdom auf seiner Verpackung) nutzte die Geste, um Lust auf sein quadratisches Schnittenprodukt zu machen. Hätte man sich in Hernals wohl auch nie gedacht, dass einmal die große weite Fußballwelt auf dasselbe Zeichen kommt. Wiewohl gesagt werden muss, dass im Flatscreen-Zeitalter die Anzeige nur dann wirklich korrekt ist, wenn das Format 16:9 annähernd stimmt - ein Quadrat ist eher nicht stimmig. Allerdings kann das Rechteck in der Hektik eines Spiels schon einmal schlampert zu einem in die Luft geschwungenen Halbkreis mutieren. Aber jeder weiß mittlerweile, was man sagen (oder eben deuten) wollte.

Und bei den Spielern ist schon jetzt evident, dass sie vom Videobeweis profitieren. Den VAR (wie ihn die Fifa kurz nennt) mag man eben. Oder wie die spanische Zeitung "Sport" temperamentvoll titelte "Viva el VAR!" Dabei war der Ausgleich des Iran gegen Spanien ganz ohne den Video Assistant Referee wegen Abseits aberkannt worden. Und der Däne Yussuf Poulsen ist auch wohl der einzige Stürmer, der den Videobeweis verteufelt, zumal er von ebendiesem sowohl gegen Peru als auch gegen Australien (da völlig zu Unrecht) als Penaltysünder entlarvt wurde und dafür jetzt auch noch mit zwei Mal Gelb gesperrt ist.

Bewiesen ist jedenfalls schon jetzt zweifelsfrei, dass die Präsenz des VAR das Spiel nachhaltig verändert, was sich zu allererst in der Elferstatistik manifestiert. Bis Freitag gab es schon 11 Elferpfiffe (mit 9 Toren), 2014 waren es bei der gesamten WM hingegen nur 13Penaltys (bei 12Toren). Und natürlich werden die Foulsituationen nun viel mehr gesucht, in der Hoffnung, dass einer da draußen schon was erkennen wird. Oft genug wurde tatsächlich etwas erkannt. Aber auch was (vermeintliche) Tätlichkeiten anlangt, verursacht der Videobeweis bei den Akteuren gesteigerte Schauspielkünste, die aber eher Trauerspielen à la sterbender Schwan gleichen. Zumindest hier lassen sich die Videoreferees nicht so leicht legen, wenn sich die Spieler hinlegen und laut jammernd das Rechteck in die Luft malen.