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Denk ich an Deutschland in der Nacht

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

1843 schrieb sich Heinrich Heine aus dem Pariser Exil sein Heimweh von der Seele. Der Gedanke an Deutschland bringe ihn um den Schlaf. Doch was heißt es heute, "Deutscher" zu sein? | "Eine innere Unruhe, eine gärende Unzufriedenheit mit allem Bestehenden sind Wesenszug und Triebfeder deutscher Identität." Die Deutschen seien kaum imstande, mit Blick auf bereits Geleistetes ihren inneren Frieden zu finden.


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Zu diesem Ergebnis kommt das Kölner Markt- und Medienforschungs-Institut "rheingold" in einer soeben veröffentlichten Studie. Im Auftrag der Identity-Foundation Düsseldorf befragte man siebzig Probanden in jeweils dreistündigen Tiefeninterviews, was Deutsch-Sein ihrer Meinung nach heute ausmacht.

"Wie Aale" hätten sich die Befragten in den Gesprächen gewunden - physisch wie psychisch. Zerrieben zwischen der Sehnsucht nach einem starken gemeinsamen Selbstverständnis der Deutschen und der Angst, einen politisch inkorrekten Standpunkt zu vertreten. Schimpft man z.B. über Ausländer, so wird im nächsten Moment betont, wie gern man portugiesisch essen geht oder beim Türken einkauft. Ist man auf deutsche Leistungen stolz, relativiert man sie sofort mit dem Verweis auf Verfehlungen und Probleme.

Der Nationalsozialismus, der den Namen Deutschlands mit Blut besudelte, erscheint den Deutschen wie ein Schwarzes Loch, "das alle positiven Anknüpfungspunkte des geschichtlichen Horizonts aufsaugt". Die ohnehin verheerend schlechten Geschichtskenntnisse der Deutschen würden auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 verengt.

Die heute noch fortdauernde mentale Teilung in eine Ost- und eine West-Identität, so die "rheingold"-Studie, stehe in einem historischen Kontinuum: "Über Jahrhunderte waren die Sippe, der Stamm, die Landsmannschaft oder der Kleinstaat die wesentlichen Identifikationsräume." Die Nationwerdung sei hingegen keineswegs abgeschlossen.

Oswald Spengler, der Kulturphilosoph, hatte in seinem Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes" eine Erklärung für die rastlose Identitätssuche der Deutschen in der "faustischen schwermütig-sorgenvollen Richtung der Seele" gefunden. Die Studie findet für diesen Charakterzug eine ähnliche Beschreibung: "In einer fast faustischen Manier offenbarten die Befragten eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem, was ist - sowie eine habituelle Suche nach dem, was sein könnte."

Wer einmal am verkaufsoffenen Sonntag die Völkerwanderung zu den Baumärkten beobachtet hat oder die seit 26 Jahren un gebrochene Attraktivität der TV-Show "Wetten, dass . . . ?" betrachtet, erkennt, dass sich die Deutschen in Millionen von Hobbykellern "ihre privaten Synthesen aus suchender Rastlosigkeit und abstrakten Werkideen" selbst erschaffen. Oder, wie der Berliner Feuilletonist Georg Seeßlen meint: "Sie entwickeln kleine Wunder aus der banalen Alltagswirklichkeit . . . Jede gewonnene Wette ist ein Sieg über die Mühe und Arbeit eines gewöhnlichen Lebens, und mittlerweile auch ein Sieg über die Arbeits- und Sinnlosigkeit . . . Der Mensch als ,Wetten, dass . . . ?-Kandi dat ist zugleich Widerspruch und Erfüllung des Max Weber'schen Leistungsmenschen, ohne den bekanntlich der Kapitalismus und sein Mittelstand nicht funktionieren könnte."

So kommt die Studie zu dem Schluss, die Deutschen seien "Weltmeister im Werkeln". Das Werkeln werde geliebt, weil es aus der Unruhe und Ziellosigkeit herausführe und die eigene Rastlosigkeit produktiv werden lasse. Dieses Werkeln sei aber mehr als nur banale Bastelei: Aus dem Provisorischen und Provisionären des Werkelns können Patente, Konstruktionen, Ingenieurkünste, aber auch das Dichten und Querdenken erwachsen. So könne in der faustischen Unruhe letztlich ein Potenzial für Erfindungsgeist und Schöpferkraft gesehen werden.