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Denkfallen oder: das einzig Gewisse ist das Ungewisse

Von Frank Ufen

Wissen

Was würden Sie tun, wenn Sie unmittelbar vor Beginn eines Konzerts Ihre Eintrittskarte nicht finden könnten, für die Sie eine Woche vorher 50 Euro bezahlt hatten? Würden Sie sich eine neue Karte kaufen, wenn es noch freie Plätze gäbe und Sie sich genug Geld eingesteckt hätten? Als der israelisch-amerikanische Sozialpsychologe Daniel Kahneman willkürlich ausgewählte Testpersonen mit einer solchen Frage konfrontierte, antworteten die meisten prompt mit einem entschiedenen "Nein". Und wie würden Sie reagieren, wenn Sie sich die Karte erst an der Abendkasse kaufen wollten und dort feststellen müssten, dass Sie den dafür vorgesehen 50-Euro-Schein irgendwo verloren hätten? - Fast 90 Prozent der von Kahneman Befragten erklärten, dass sie in einer solchen Situation nicht zögern würden, sich die Karte trotzdem zu kaufen.


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Menschen haben die Neigung, Geld in merkwürdige Kategorien einzuteilen und im Kopf für jede Geldsorte ein eigenes Konto einzurichten. Das zeigt sich auch hier. Zwar hat man in beiden Szenarien exakt die gleiche Summe eingebüßt, nämlich 50 Euro. Aber im ersten Fall schreckt man vor dem Kauf der Karte zurück, weil man das unangenehme Gefühl hat, für ein Konzert das Doppelte ausgeben zu müssen. Hingegen glaubt man im zweiten Fall, es mit zwei voneinander unabhängigen Ereignissen zu tun zu haben, und deshalb verbucht man die Ausgabe für die Konzertkarte auf einem anderen Konto als die 50 Euro, deren Verlust man sich selbst zuzuschreiben hat.

Aus der Analyse solcher Denkfallen ist eine neue Theorie hervorgegangen - die von Daniel Kahneman und Amos Tversky begründete Verhaltensökonomie ("Behavioral Economics"). Ihr Dreh- und Angelpunkt ist die Erkenntnis, dass es nicht nur im Alltagsleben, sondern auch in vielen Bereichen der Ökonomie nicht annähernd so rational zugeht, wie man lange geglaubt hat. Die Tragweite dieser Erkenntnis ist mittlerweile erkannt worden. Vor zwei Jahren ging der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an Kahneman.

Der "Ankereffekt"

Ökonomische Fehlentscheidungen kommen oft dadurch zu Stande, dass man, ohne es zu merken, in Denkfallen dieser oder ähnlicher Art getappt ist. Da gibt es beispielsweise den "Ankereffekt" - worunter das Phänomen zu verstehen ist, dass sich eine beliebige Zahl bloß in den Köpfen festzusetzen braucht, um sich augenblicklich in einen Richtwert zu verwandeln, der fortan das Denken und Handeln steuert. Beispiele:

Bittet man US-amerikanische Testpersonen, die Bevölkerungszahl der Ukraine zu schätzen, und stellt ihnen außerdem die Frage, ob es mehr oder weniger als 200 Millionen Menschen seien, fallen die Schätzungen grotesk hoch aus - ihr Durchschnitt liegt bei etwa 175 Millionen. Wenn aber die Frage lautet: "Sind es mehr oder weniger als fünf Millionen?", mäßigen sich die Testpersonen und einigen sich auf bescheidene 10 Millionen.

Wie irrational dieses Verhalten ist, hat ein Zusatzexperiment zu Tage gefördert. Wieder sollte die Bevölkerungszahl der Ukraine geschätzt werden, aber dieses Mal wurde die Vorgabezahl vor den Augen der Testpersonen durch ein Losverfahren ermittelt. Selbst dieser Umstand konnte die Teilnehmer an diesem Experiment nicht davon abbringen, an dieser willkürlichen Zahl ihre Antworten auszurichten.

Der Ankereffekt erklärt, warum Anleger ihre Aktien selbst dann nicht abstoßen, wenn sie nur noch einen Bruchteil ihres Kaufkurses wert sind. Denn man erwartet von seinen Aktien, dass sie früher oder später wieder auf den Kurs steigen werden, zu dem man sie ursprünglich gekauft hatte.

Der "Status-quo-Bias"

Ebenso große Schäden kann der "Status-quo-Bias" anrichten. Fragt man Testpersonen, wie sie eine größere Erbschaft anlegen würden, wenn sie zwischen vier verschiedenen Anlageformen (spekulatives Aktienportfolio, konservatives Aktienportfolio, Kommunal- oder Staatsanleihen) zu entscheiden hätten, wird jede der vorgegeben Möglichkeiten etwa gleich häufig gewählt. Wird dagegen den Testpersonen gesagt, ihr Erbe sei schon angelegt, schreckt fast jeder zweite davor zurück, es anderswo zu investieren.

Der Status-quo-Effekt wird dafür verantwortlich gemacht, dass Anleger so oft nichts unternehmen und in aller Seelenruhe zusehen, wenn ihr Kapital von Tag zu Tag an Wert verliert. Des weiteren spielen der "Verfügbarkeitseffekt", der "Bestätigungs-Bias" oder der "Ausstattungseffekt" eine erhebliche Rolle.

Und schließlich wirkt es sich immer wieder verhängnisvoll aus, dass die Evolution das menschliche Gehirn offenbar so programmiert hat, dass es alle Phänomene dramatisiert, von denen Gefahren ausgehen könnten. Weshalb Menschen bereitwillig extreme Risiken eingehen, um drohende finanzielle Verluste zu vermeiden, aber größere Risiken scheuen, wenn es darum geht, sich bessere Gewinnchancen zu verschaffen.

Mathematiker mit Verlust

John Allen Paulos ist ein großer Mathematiker. Aber sein mathematisches Wissen hat ihn nicht davor bewahrt, sich von der Dotcom-Manie anstecken zu lassen und in eine Denkfalle nach der anderen zu geraten. Als die WorldCom-Aktien, die er zum Kurs von 47 US-Dollar erworben hatte, ihre Talfahrt begannen, schlug er sie nicht los, sondern kaufte mehr und mehr nach. Schließlich war er gezwungen, mit riesigen Verlusten zu verkaufen - am Ende war der Kurs der Aktie auf 0,09 US-Dollar gefallen.

Paulos war lange Zeit davon überzeugt, dass die Schwankungen der Aktienkurse allein vom Zufall bestimmt sind und dass deshalb die Suche nach Trends und Gesetzmäßigkeiten vergeblich ist. Mittlerweile hält er zwar nicht mehr alle Prognosen für Humbug; er beharrt aber darauf, dass sie bestenfalls dazu taugen, kleine Überrenditen zu erzielen.

Denn, erklärt Paulos, es gibt eine paradoxe Situation, aus der man nicht entkommen kann: Trifft die Theorie effizienter Kapitalmärkte zu, die behauptet, dass der aktuelle Kurs einer Aktie sämtliche Informationen zum Ausdruck bringt, die über sie in Umlauf sind, folgt daraus, dass die meisten Investoren diese Theorie für falsch halten und ihr zuwider handeln werden. Glaubt jedoch die Mehrheit, dass die Theorie träger Kapitalmärkte stimmt, die das Gegenteil behauptet, muss sich früher oder später die Theorie effizienter Kapitalmärkte bestätigen.

Aus Fehlern gelernt und ein Buch verfasst

Paulos schmerzt seine Niederlage immer noch, aber er hat sich mit seinen Fehlern auseinandergesetzt und aus ihnen gelernt. Was dabei herausgekommen ist, steht in seinem neuen Buch. Er führt außerdem das mathematische Instrumentarium vor, mit dem das Geschehen an den Aktienmärkten analysiert werden kann. Und er erläutert, was es mit Puts, Calls, Hedge-Fonds, Leerverkäufen, gleitenden Durchschnittswerten, Unterstützungs- und Widerstandslinien, dem St.-Petersburg-Paradox und etlichen anderen Phänomenen auf sich hat.

Wer schnell reich werden will, ist bei Paulos an der falschen Adresse. Aber wer vermeiden will, an der Börse Schiffbruch zu erleiden, ist mit diesem Buch hervorragend bedient. Populärwissenschaft at its best.

John Allen Paulos: Das einzig Gewisse ist das Ungewisse. Streifzüge durch die unberechenbare Welt der Mathematik. Frankfurt a. M./New York 2004. 224 S., zirka 25 Euro.