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Der 74. Genozid an den Jesiden

Von Thomas Seifert

Politik

Im Irak steht die Religionsgemeinschaft vor dem Abgrund: Die Menschen fliehen aus Angst um ihr Leben.


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Erbil. 73 Genozide haben die Jesiden in ihrer Geschichte bereits erlitten, schon seit Anbeginn der Zeit waren sie verfolgt. Nun haben die Kämpfer von ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien oder Daisch, wie sie auf Arabisch genannt werden) die Jesiden aus der Gegend um Mosul und dem Sinjar-Gebirge Richtung Norden vertrieben, haben in Jesiden-Siedlungen die Männer ermordet und die Frauen vergewaltigt. Hunderttausende sind auf der Flucht.

Doch wer sind die Jesiden? Im Nordirak leben rund 500.000 Anhänger dieser Religion, sie sprechen Kurdisch, glauben an einen Gott, verehren aber auch Tawusî Melek, einen Engel in Pfauenform, der zwischenzeitlich bei Gott in Ungnade gefallen war. Aus der Verehrung dieser Figur, in der so manche Muslime eine Ähnlichkeit zum islamischen Teufel Iblis erkennen, lässt sich das Missverständnis zurückführen, dass die Jesiden immer wieder als Teufelsanbeter verunglimpft werden. Dabei ist den Jesiden das Konzept des Teufels, des Bösen, fremd, nur der Mensch, glauben die Jesiden, kein höheres Wesen würde Böses tun.

Die Jesiden werden auch deshalb von Daisch (ISIS) terrorisiert, weil sie in der Region keine Verbündeten haben: Während den bedrängten Kurden in Syrien Kurden aus dem Nordirak zu Hilfe geeilt sind, den Kurden im Nordirak schlagkräftige Peschmerga-Einheiten zur Verfügung stehen und die Schiiten die größte, mächtigste Volksgruppe im Irak stellen, stehen die Jesiden (ebenso wie die Christen und die Schabak) völlig alleine da.

Die Tragödie der Jesiden spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: Sie fürchten, aus jenem Territorium vertrieben zu werden, in dem sie seit Generationen siedeln und vielleicht sogar eines Tages aus der Gegend rund um ihr größtes Heiligtum, dem Tempel in Lalisch, flüchten zu müssen. Das wäre so, sagt ein Jesidenvertreter, als müssten die Katholiken aus Rom oder die Juden aus Jerusalem fliehen. Was droht, sei nichts weniger als die Auslöschung der jahrhundertelangen jesidischen Kultur und Tradition, sagt er.

Die zweite Ebene dieser Tragödie ist das individuelle, persönliche Schicksal einzelner Jesiden. Ihr Besitz wurde geplündert, Jesiden wurden Opfer von Massakern, jesidische Frauen wurden verschleppt und vergewaltigt.

In einem Hotel in Dohuk erzählen zwei junge Frauen, die aus der Gewalt von Daisch/ISIS flüchten konnten, über ihr Schicksal: Nennen wir sie Evelyn (22 Jahre) und Sophie (17 Jahre).

Sie erzählen einer vom österreichischen Sozialdemokraten Josef Weidenholzer angeführten Delegation von Europaparlamentariern von ihrem Martyrium, die Parlamentarier (neben Weidenholzer sind Parlamentarierinnen aus Portugal, Deutschland und den Niederlanden mitgereist) protokollieren, was die jungen Frauen berichten. Eines Tages, so die Hoffnung der jungen Frauen, werden ihre Peiniger zur Verantwortung gezogen.

Die jungen Frauen sprechen davon, wie sie im Dorf Kojo von ihren Familien getrennt und nach Mosul (die Stadt wird von Daisch/ISIS kontrolliert) gebracht worden sind. In Privatwohnungen seien Gruppen von fünf bis zwölf junge Frauen gefangen gehalten worden, manche der Mädchen seien erst 10 oder 12 Jahre alt gewesen. Anfangs umschreiben die jungen Frauen das, was ihnen widerfahren ist noch damit, dass sie "gepeinigt" wurden, oder "gefoltert". Später dann nennen sie die Dinge beim Namen: Wie Vieh hätten die Kämpfer sie untereinander verschachert, wie Sklavinnen gehalten und ja, man habe ihnen Gewalt angetan. "Sie haben mich vergewaltigt", klagen die jungen Frauen an.

Sophies Märtyrium

Sophie, 17 Jahre, wurde von einem Mann aus Tal Afar gefangengehalten, erzählt sie, dann wurde sie nach Mosul gebracht, wo sie mit drei anderen jungen, aus der Sinjar-Region stammenden Jesidi-Frauen in eine Wohnung gesperrt wurde. "Die Daisch-Leute haben mich jeden Tag zwei Mal vergewaltigt", berichtet sie, "sie haben alles mit uns gemacht." Sophie erzählt, wie die jungen Frauen gezwungen wurden, zum Islam zu konvertieren, wie man sie gedrängt hat, in Richtung Mekka zu beten. Schließlich seien sie für 600 Dollar verkauft und vor einem Scharia-Gericht zwangsverheiratet worden. All das sagt die 17-Jährige, als ginge es bei ihren Erzählungen nicht um sie selbst, sie erzählt es so, als berichte sie aus einem anderen Leben, aus einer anderen Zeit.

Am Lebendigsten sind Sophie die Umstände ihrer Flucht in Erinnerung: Wie sie an ein altes Mobiltelefon gekommen ist, eine Sim-Karte organisieren und Verwandte in Kurdistan erreichen konnte, die dann einen Taxi-Fahrer in Mosul fanden, der bereit war, die junge Frau aus der Stadt zu schmuggeln. Wie sie sich in einer langen, schwarzen Abaja-Umhang aus dem Haus geschlichen hat, die Hauptstraße entlang gelaufen ist und sich bis zum Morgengrauen in einem Rohbau versteckt hat. Wie sie den Taxifahrer per SMS kontaktiert, er sie abgeholt und einem anderen Menschenschmuggler übergeben hat, der Sophie schließlich zum irakisch-türkischen Checkpoint gebracht hat. Zwei Stunden sei Sophie dann durch die Nacht gestolpert, bis sie in der Türkei in Sicherheit war. 1500 Dollar habe ihr Bruder für ihre Rettung bezahlt, berichtet Sophie.

Das Massaker von Kojo

Naif Djossul, der Bruder des Bürgermeister des Jesidendorfes Kojo, berichtet ebenfalls von diesem schwarzen Tag für sein Dorf am 15. August, als die Daisch/ISIS-Kämpfer es überrannten. 1700 Menschen haben damals dort gelebt, niemand weiß, ob die Häuser des Dorfes heute noch stehen. Die Daisch/ISIS-Kämpfer haben den Dorfbewohnern gedroht, sie könnten entweder zum Islam übertreten oder müssten mit dem Schlimmsten rechnen.

Daraufhin haben die Dorfbewohner in hektischen Telefonaten um Schutz gebeten: Sie riefen bei der US-Botschaft in Bagdad an, beim Büro des irakischen Premierministers, beim einflussreichen schiitischen Geistlichen Ayatollah Ali al-Sistani, bei Abu Bakr, dem Vorsitzenden der Militärkommission. "Aber alle haben nur abgewartet: Werden die Daish-Leute die Menschen aus dem Dorf Kojo umbringen oder nicht? Niemand hat für uns einen Finger krumm gemacht", so die Anklage von Naif Dschossul. Am 15. August gegen 10 Uhr haben die Daish-Kämpfer die Bewohner im Schulgebäude zusammengetrieben und ihnen alle Wertsachen abgenommen, sagt Naif Djossul. Die Männer wurden mit Lastwagen aus dem Dorf gebracht und mindestens 80 von ihnen wurden erschossen.

Die Jesiden, die heute in Flüchtlingslagern im Nordirak oder in der Türkei leben, sagen unisono, dass sie nie wieder in ihre Dörfer im Sinjar-Gebiet zurückkehren wollen. Sie hätten Angst, selbst in Kurdistan sei kein Jeside sicher. Was jetzt geschehe, das sei nun der 74. Genozid.

Wissen

Rund 500.000 Jesiden leben heute im Irak. Die Anhänger der Religionsgemeinschaft, die seit Jahrhunderten im Irak siedeln, sind heute akut bedroht. Die Jesiden werden nicht nur aus ihren Dörfern und von ihrem Land vertrieben, auch ihr Besitz wird geplündert. Seit Monaten gibt es wiederholt Berichte von Massakern an Jesiden durch Daisch-/ISIS--Kämpfer, sowie Vergewaltigungen von Jesidi-Frauen durch Dschihadisten. Während die Kurden in Syrien, die ebenfalls durch Daisch/ISIS bedrängt wurden, in den nordirakischen Peschmerga Verbündete gefunden haben, stehen die Jesiden völlig alleine. Dies - und der Umstand, dass die Jesiden von fundamentalistischen Muslimen wegen ihres Glaubens als "Teufelsanbeter" verleumdet werden - macht sie zur bevorzugten Zielscheibe von Daish/ISIS. Der wichtigste Pilgerort der Jesiden ist der Tempel in Lalisch, wo sich zwei den Jesiden heilige Quellen und die Grabstätte von Scheich Adi ibn Musafir, dem bedeutendsten Heiligen der Jesiden, befindet.