Der alte liebe Brauch

Von Roland Knauer und Eva Stanzl

Wissen

Die aus Berlin stammende jüdische Gesellschaftsdame Fanny von Arnstein brachte vor 200 Jahren den Christbaum nach Wien. Heute gehört er für die Mehrheit der Österreicher zum Fest. Doch wer erfand die Weihnachtstanne?


Wien. Das satte Grün, der Duft von Tannennadeln, Lametta und glitzernder Schmuck an jedem Ast: Für die Mehrheit der Österreicher gehört ein Christbaum ganz einfach dazu. Nur 18 Prozent der Haushalte verzichten auf diesen Brauch. In 2,6 der 3,67 Millionen österreichischen Häusern werden Naturchristbäume aufgestellt - wer keinen hat, hat dafür zumeist religiöse Gründe, ist älter oder
ist ein Single, der nicht zu Hause feiert.

Zwei Drittel aller natürlichen Christbäume sind Tannenarten. Hierzulande erfreut sich die Nordmann-Tanne steigender Beliebtheit. Die aus dem Kaukasus stammende Sorte zeichnet sich durch weiche Nadeln und eine satte grüne Farbe aus. Fichtenarten sind die zweitgrößte Baumfamilie in Österreichs Wohnzimmern zur Weihnachtszeit. Sie duften ganz besonders frisch, es eilt ihnen jedoch der Ruf voraus zu stechen. Doch woher stammt der Brauch, einen Nadelbaum zu schmücken?

Überlieferungen zufolge ist die Weißtanne Abies alba der Weihnachtsbaum der alten Germanen. Da sie aber in europäischen Wäldern sehr selten geworden ist, liegen heute die Geschenke kaum mehr unter dem traditionsreichen Weihnachtsbaum. Außerdem ist es historisch gesehen zumindest zweifelhaft, dass die Germanen einst Weihnachtsbäume aufstellten. Immergrüne Zweige von Tannen und Fichten, Kiefern, Eiben oder Stechpalmen verkörperten zwar bereits vor Jahrtausenden in der dunklen Jahreszeit die Hoffnung auf den Frühling. Die Römer etwa holten sich schon vor 2000 Jahren zum Jahreswechsel Lorbeerzweige ins Haus. Vielleicht schmückten zur gleichen Zeit auch die Germanen zum Julfest ihr Zuhause mit Tannenzweigen als Symbol für Stärke und Hoffnung. Da es jedoch keine schriftlichen Überlieferungen gibt und Holz und Nadeln nur höchst selten die Jahrtausende bis zu Ausgrabungen der Archäologen überdauern, bleibt all dies reine Vermutung.

Erste Hinweise im Mittelalter

Hinweise auf echte Weihnachtsbäume verdichten sich erst im Mittelalter. So sollen in Freiburg im Breisgau Kinder am Neujahrsmorgen 1419 einen mit Früchten und Nüssen behängten Baum "abgeerntet" haben. Im Jahr 1570 berichtet dann die Chronik der Zünfte in der Stadt Bremen von einem kleinen Tannenbaum, der mit Äpfeln, Datteln und Papierblumen geschmückt im Zunfthaus stand. Die Kinder durften dann die Früchte abschütteln. 1605 hatte der Tannenbaum als Weihnachtsschmuck laut Stadtchronik die guten Stuben Straßburgs erreicht.

1660 gab es am Hof von Hannover die ersten Kerzen für einen Weihnachtsbaum und spätestens seit dem 19. Jahrhundert dominierte er zunächst die protestantischen und später auch die katholischen Feststuben Mitteleuropas. Von hier aus eroberte
er schließlich den Rest der christlichen Welt. Nur auf der Südhalbkugel, wo Weihnachten in den Sommer fällt, steht den Australiern und Neuseeländern der
Sinn eher nach Barbecue am Strand als nach Tannenduft und Kerzenschein.

Fanny Vögele Itzig, die den Christbaum nach Österreich brachte, stammte aus einer reichen jüdischen Familie in Berlin. Durch ihre Heirat mit Nathan Adam von Arnstein, Enkel des kaiserlichen Hoffaktors Isaak Arnstein, kam sie 1776 nach Wien. Im Sinne der Aufklärung eröffnete sie einen literarischen Salon, wo sich vor allem während des Wiener Kongresses prominente Vertreter aus Diplomatie, Wissenschaft, Kunst und Journalismus trafen. Fanny von Arnstein stellte 1814 den ersten historisch bezeugten Weihnachtsbaum in Wien auf: "Bei Arnsteins war vorgestern nach Berliner Sitte ein sehr zahlreiches Weihnachtsbaum- oder Christbaumfest. Alle gebetenen, eingeladenen Personen erhielten Geschenke oder Souvenirs vom Christbaum", zitiert Hilde Spiel in ihrer Biografie "Fanny von Arnstein" einen der Anwesenden.

In Mitteleuropa gibt es keinen Grund, mit der Tradition zu brechen. Nur die Tannenart hat sich mit der Zeit gewandelt. Die Weißtanne steht in Deutschland und Österreich auf den Roten Listen der gefährdeten Arten.

Gefährdete Weißtanne

Dabei galt die Art noch Mitte des 18. Jahrhunderts in den Alpen und Voralpen, im Schwarzwald und im Bayerischen Wald, in Franken, Thüringen und Sachsen als der Nadelbaum schlechthin. Weiter in den Norden war die Weißtanne seit der letzten Eiszeit nicht gekommen, in der sie sich in südlichere Gefilde zurückgezogen hatte. Einst war in den Mischwäldern der Mittelgebirge Süd- und Ostdeutschlands, Österreichs und Norditaliens jeder zehnte Baum eine Weißtanne. Heute stoßen die Förster nur bei jedem 50. Stamm auf die für Abies alba typische weißlich-braune Rinde.

Dem Wild schmeckt die Weißtanne so gut wie Kindern Schokolade, denn ihre Nadeln enthalten mehr Stickstoff und Kalk als etwa Fichtennadeln. Diese Stoffe sind für Rehe und Hirsche wichtige Bestandteile der Ernährung. Zudem kommen Weißtannen mit Luftschadstoffen schlechter zurecht als Fichten. Schon im 19. Jahrhundert gingen im Erzgebirge die älteren Exemplare in den Abluftfahnen der boomenden Industrie auf großen Flächen ein. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts litt die Weißtanne besonders unter Schwefeldioxid-Emissionen aus Fabriken. Rein klimatisch gesehen gibt es für die Weißtanne allerdings Hoffnung, da sie mit dem wärmer werdenden Klima besser zurechtkommt als andere Nadelbäume.