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Der Bahnhof am anderen Ufer

Von Raffael Reithofer und Julian Kern aus Hallstatt

Wirtschaft
Das letzte Schiff vom und zum Bahnhof fährt um kurz vor 19 Uhr ab.
© Raffael Reithofer

In Hallstatt liegt zwischen Ort und Bahnhof der See. Einheimische brauchen daher ein Auto.


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Gekonnt steuert Ludwig Pilz die Fuhr auf dem Hallstätter See. Die Fuhr, das ist ein lang gezogenes Holzboot, dessen Bauform seit mehr als 700 Jahren existiert und das wie die Region selbst zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Manche Einheimische verwenden die Fuhr bis heute zum Holztransport oder sind damit bei festlichen Anlässen unterwegs. Er habe damit aber auch schon einen Schulfreund vom Bahnhof abgeholt, erzählt der 18-Jährige, der die HTL für Holztechnik in Mödling besucht. Die eingleisige Haltestelle an der Salzkammergutbahn befindet sich nämlich auf der anderen Seite des Sees.

Jede halbe Stunde legt die Fähre "Stefanie" am Bahnhof ab und schippert nach Hallstatt-Markt. Die Überfahrt kostet 3,50 Euro in jede Richtung. Ein Kombiticket für Bahn und Schiff gibt es keines. Was schwerer wiegt: Das letzte Schiff vom und zum Bahnhof fährt um kurz vor 19 Uhr ab, Züge halten danach keine mehr in Hallstatt.

So wie in anderen Orten im ländlichen Raum ist der öffentliche Verkehr nicht gut ausgebaut, die Bewohner sind auf das eigene Auto angewiesen. Ludwig Pilz bestätigt das: "Der Pkw ist die einzige Möglichkeit, um zur Arbeit zu fahren. Das ist nicht nachhaltig."

Seine Mutter, Kristiane Meister, ist das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln hingegen seit Langem gewöhnt: Die Pendlerin verbringt die Wochenenden und Ferien in Hallstatt, ansonsten lebt und arbeitet sie als Volksschullehrerin in Wien. Den Führerschein machte die Hallstätterin in 16. Generation nie. "Natürlich ist es schneller und effizienter, wenn ich mit meinem Mann und seinem Auto unterwegs bin", sagt sie, "aber es geht auch ohne. Auch am Land, zwar mit ein bisschen mehr Aufwand, aber es geht."

Jährlich nächtigen rund 700.000 Touristen in der Welterberegion Hallstatt-Dachstein/Salzkammergut. An Spitzentagen treffen in Hallstatt tausende Tagesausflügler auf knapp 730 Einheimische. Die Touristen reisen dabei meist mit dem eigenen Auto an, wie Bürgermeister Alexander Scheutz (SPÖ) sagt. Bis 2019 kamen viele - oft asiatische - Gäste mit dem Reisebus in den Ort, 21.000 Reisebusse waren es 2019, dazu kamen 200.000 Pkw.

Kein Nahversorger in Hallstatt

Seit Pandemiebeginn sind es weniger Reisebusse, die Pkw seien hingegen inzwischen wieder mehr geworden, sagt der Ortschef. Was gerade für Einheimische ein Problem ist: In Hallstatt gibt es keinen leistbaren Nahversorger, der einzige Supermarkt gilt im Ort als "Touristenfalle". Deshalb sind sie für den Einkauf auf das Auto angewiesen. Jedoch versucht die Marktgemeinde auszuhelfen: Jeden Donnerstag organisiert das örtliche Taxiunternehmen ein von der Gemeinde finanziertes Einkaufstaxi, das den Einheimischen einen Einkauf in Bad Goisern ermöglicht.

Der Hallstätter Ludwig Pilz mit seiner Fuhr.
© Raffael Reithofer

Doch warum ist es überhaupt ein Problem, dass so viele Menschen mit dem Auto fahren und ein gut ausgebautes Öffi-Angebot meist nur in den Städten besteht? Treibhausgase (THG), wie Kohlendioxid (CO2) oder Methan (CH4) verhindern, dass Wärme von der Erde ins Weltall entweicht. Ein Teil der Emissionen verbleibt in der Atmosphäre und trägt dort dazu bei, dass sich die Erde immer stärker aufheizt. So ist der Straßenverkehr weltweit für etwa 18 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) errechnete im vergangenen Jahr, dass auf Österreich die zweithöchsten Pro-Kopf-CO2-Emissionen aus dem Verkehrssektor im gesamten EU-Raum zutreffen. Begünstigt wurde dies auch durch die im Vergleich mit den Nachbarländern billigen Spritpreise zwischen 1990 und 2020.

Nicht nur, aber auch aus diesem Grund, haben die Treibhausgas-Emissionen im Inlandsverkehr in diesem Zeitraum um fast 30 Prozent zugenommen. Den Individualverkehr drastisch zu reduzieren und stattdessen den öffentlichen Verkehr zu stärken wäre also ein wirksames Mittel, um die Emissionen zu senken. Aktuell ist der öffentliche Verkehr für viele jedoch keine wirkliche Alternative - gerade, was die ländliche Bevölkerung betrifft.

Die derzeit karenzierte Kellnerin Ronja Obernberger muss bei der Frage nach dem für sie wichtigsten Verkehrsmittel nicht lange nachdenken: "Das Auto - ganz klar." Aufgrund des fehlenden leistbaren Nahversorgers müsse die 30-Jährige "sicher zwei Mal pro Woche das Auto benützen." Die Fahrt mit Schiff und Zug inklusive Einkaufstaschen und Kindern sei zu mühsam, meint die zweifache Mutter.

Neben dem Schiff und der Bahn gibt es in Hallstatt auch einen Bus. Doch auch damit kommt man abends nach halb sieben von den nahegelegenen Hauptorten Bad Goisern und Bad Aussee nicht mehr zurück nach Hallstatt. "Der Bus oder die Bahn müsste öfters fahren, damit ich sie nutzen würde - vor allem abends", sagt Obernberger.

Hoffen auf temporäre Zugverbindung

Auch Bürgermeister Scheutz wünscht sich einen dichteren Takt der Bahn: "Für die Bevölkerung wäre eine bessere Taktung, jede halbe Stunde, zwischen Bad Ischl und Obertraun, aber auch Bad Aussee, wichtig. So wie bei einer Straßenbahn oder Schnellbahn. Auch Touristen könnten dann öffentlich besser anreisen." Der 59-Jährige ist zuversichtlich, dass eine derartige Zugverbindung 2024 zumindest temporär möglich sein wird.

Ronja Obernberger fährt lieber mit dem Auto.
© Raffael Reithofer

Dann wird das Salzkammergut nämlich ein Jahr lang Kulturhauptstadt Europas sein, wofür es auch ein Mobilitätskonzept gebe: "Zumindest für dieses eine Jahr, werden wir es schaffen, dass es Verbesserungen gibt. Wie man es dann weiterführt und wer das dann finanziert, das werden wir erst sehen", sagt Scheutz.

Bevor Ludwig Pilz die Fuhr wieder zurück ins Bootshaus steuert, sagt er noch, dass er sich gut vorstellen kann, in Hallstatt oder in der Region zu bleiben. Es gebe eine Tischlerei sowie eine Drexlerei, wo der angehende Holztechniker nach der Matura im nächsten Schuljahr gerne arbeiten würde. Auch die Bundesforste, denen sowohl der Hallstätter See als auch der Wald über dem Ort gehört, wären als Arbeitgeber eine Option für den 18-Jährigen. In seiner Region fühlt sich der Hallstätter in 17. Generation nämlich wohl: "Die Berge, der See, das ist genau meins".