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Der einzig sichere Ort

Von Marketa Kutilova, Prag

Europaarchiv

Das einzige Zuhause für dutzende Kinder ist eine kleine Besenkammer ohne Fenster in der Prager Straße ve Smeckach Nummer 28. Hier ist der Standort des Sozialhilfeprojekts "Chance".


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Daniela, hochschwanger und angeblich 18 Jahre alt - obwohl sie viel jünger wirkt - und 15 andere Kinder drängeln sich auf einem Raum von 28 Quadratmetern wie in einem Käfig. Trotzdem fühlen sich alle hier in den Räumlichkeiten von "Chance" wohl, ist es doch der einzige Ort, an dem sie Zuwendung erfahren. Zweimal wöchentlich kommen die obdachlosen Kinder und Jugendlichen hierher.

Der Raum ist voll mit Spielsachen und Büchern. Aber es gibt auch lebende Tiere, die die Kinder von ihrem eigenen Geld gekauft haben: Verschiedene Fische in einem Aquarium, in einem Käfig eine Ratte, die Micina heißt. Keinen hier stört wirklich, dass die Wände mit alten Zeitungen und Postern, die Menschen mit AIDS zeigen, tapeziert sind. Das wichtigste für alle ist: Hier ist der einzige Ort, wo sie jemandem vertrauen können.

Der kleine Raum ist das Zuhause für insgesamt etwa 100 Kinder, die hierher kommen um zu reden, fernzusehen oder Videos an zusehen, sich etwas zu trinken oder Essen holen. Manchmal organisieren die Sozialarbeiter Ausflüge zu Burgen oder Flüssen, manchmal gehen alle gemeinsam ins Theater, in den Zoo oder in ein Schwimmbad. Manchmal sitzen sie in der Natur um ein Lagerfeuer und grillen. Heute wollen sie sich ein Video anschauen. Sie haben sich für einen Tarzan-Film entschieden. Der Film über ein Kind, das im Urwald verloren geht. Das erinnert sie an ihr eignes Schicksal.

"Ich habe meine Eltern nie zu Gesicht bekommen, daher habe ich keine Ahnung, warum ich so exotisch aussehe", sagt Joszef. "Ich bin in einem Kinderheim in der Slowakei aufgewachsen. Der Direktor dort hat einige von uns missbraucht, darunter mich. Dann sind wir zur Polizei gegangen und jetzt sitzt er im Gefängnis", erinnert er sich. "Als ich das Heim verlassen habe, wusste ich nicht wohin ich mich wenden soll. Dann habe ich herausgefunden, dass einige meiner Verwandten in Prag leben, daher bin ich hier. Gefunden habe ich niemanden, aber ich bin geblieben. Ich suche dauernd nach Arbeit, aber das ist schwierig. Die meisten sagen, ich sehe aus wie ein Zigeuner."