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Der Enteignung trotzen - ein Umdenken bewirken

Von Karen AbuZayd

Gastkommentare

Vor 60 Jahren schuf die UN-Generalversammlung eine temporäre Organisation, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). Dessen Aufgabe war es, mit den humanitären Folgen der Enteignung einer Dreiviertelmillion Palästinenser umzugehen, die 1948 im Nahostkrieg ihre Häuser verlassen und aus dem Land ihrer Vorfahren fliehen mussten. Zwei Jahrzehnte später fand die Gewalt und Vertreibung im Sechstagekrieg ihren Höhepunkt in der Besetzung des Palästinensergebietes. Qualvolles Exil blieb bis heute das Schicksal der Palästinenser. Sie genießen nicht die Menschenrechte und grundlegenden Freiheiten, die ihnen nach dem Völkerrecht zustehen.


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Die politischen Akteure halten die Macht in ihren Händen, diese Farce zu beenden. Bisheriger Ansatz war allerdings bestenfalls, den Details der Besatzung auszuweichen - ein Kontrollpunkt hier, ein Sack Zement da - oder, schlimmstenfalls, Maßnahmen zu dulden oder gar zu unterstützen, unter denen die Palästinenser leiden.

Als Leiterin der Organisation, die den Auftrag hat, die palästinensischen Flüchtlinge zu unterstützen und zu beschützen, schmerzt mich besonders, dass der gegenwärtige Ansatz daran scheitert - oder sich verweigert -, der Flüchtlingsthematik die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Das Thema Enteignung ist aus dem Fokus der Friedensbemühungen verschwunden. Das Herzstück, wo Friede beginnen sollte, fehlt auf der internationalen Agenda. Es wurde als "Endstatus"-Themen, das zu einer späteren Phase des Verhandlungsprozesses gehört, beiseite geschoben. Doch ist es für die Beteiligten am Friedensprozess nicht höchste Zeit, den Willen und den Mut aufzubringen, sich mit der palästinensischen Flüchtlingsfrage zu beschäftigen?

Ich würde mir wünschen, dass die Vertriebenen und Enteigneten wieder ins Zentrum der Friedensbemühungen gerückt werden. Macht keinen Fehler: Kein einziger Konflikt der Gegenwart konnte gelöst werden, solange nicht die Stimmen seiner Opfer gehört wurden, ihr Verlust anerkannt und Entschädigung für Ungerechtigkeiten geleistet wurde.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist beispiellos kompliziert. Unter der Vielzahl von Dimensionen, die alle der Aufmerksamkeit bedürfen, ist das ungelöste Flüchtlingsproblem eines derjenigen, das am engsten mit der unsicheren Lage in der Region und der Fortdauer des Konfliktes gekoppelt ist. Das Beseiteschieben dieses Themas hat nur dazu gedient, die Bedeutung der Flüchtlinge als wichtige Komponente für einen nachhaltigen Frieden zu leugnen. Das führte bei vielen zu gefährlichem Zynismus über den Friedensprozess und war somit Wasser auf den Mühlen jener, die gegen den Frieden selbst streiten.

Ich will meine Amtszeit aber nicht mit einem pessimistischen Kommentar beenden. Stattdessen dränge ich dazu, dass wir Schritte unternehmen, um jene einzubeziehen, die an den Rand und gedrängt wurden. Lasst uns alternative Realitäten schaffen, jene entwaffnen, die lieber Gewalt anwenden. Lasst uns dauerhaften Friedens in Nahost schaffen.

Karen AbuZayd ist noch bis Jahresende Generalbeauftragte des UNRWA.