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Der etwas andere jüdische Rahmen

Von Alexia Weiss

Politik
Jüdisch sein, queer sein und boxen heißt es im von Frauen gegründeten "The Jewish Renaissance Boxing Club".
© Andy Urban

Das Kulturprojekt "The Jewish Renaissance Boxing Club" bewegt sich zwischen jüdischer, queerer und feministischer Identität.


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Wien. Wer als Jüdin oder Jude nach Wien kommt und einen Ort abseits des traditionell bis orthodox gelebten Judentums sucht, tut sich schwer. Das Kulturprogramm, das sich auch an säkulares Publikum richtet, ist zwar divers. Doch einzelne Veranstaltungen ersetzen keinen Ort, keine Gruppe von Gleichgesinnten. Das ist einer der Gründe, warum die Jüdischen HochschülerInnen in den vergangenen Jahren einen wieder stärkeren Zustrom erfahren, denn mit der Etablierung der Lauder Business School zieht es jedes Jahr neue jüdische Studierende aus aller Welt nach Wien. Das führte aber auch zu Projekten wie dem Salon Vienna, um den es zuletzt ruhiger wurde, oder den eng mit den Queer Hebrews verbundenen Kibbutz Klub, der vor allem eines macht: Party. Letzteres richtig laut und richtig gut.

Veronica Lion ist zwar in Wien aufgewachsen, tut sich aber seit jeher mit den hier angesiedelten jüdischen Einrichtungen schwer. Ihre Eltern stammen aus Prag und haben ihrerseits bereits "nicht so positive Erfahrungen mit jüdischen Institutionen in Wien gemacht". Was Lion an bestehenden Einrichtungen wie etwa auch den Jugendorganisationen stört, ist, dass dort das Jüdisch-Sein, das Judentum immer im Mittelpunkt steht. Das sei ihr aber zu eindimensional, sagt Lion, die in Wien Gender Studies studiert. Jeder Mensch werde durch verschiedene Identitäten geprägt: Man sei eben nicht nur jüdisch, sondern bewege sich meist zwischen mehreren Polen.

Die Künstlerin Zsuzsi Flohr kommt aus Budapest. Die jüdische Gesellschaft dort sei wesentlich mehr "open minded", erzählt sie. Man klebe nicht so an der Tradition, sei pluralistisch ausgerichtet. Einmal, kurz, nachdem sie nach Wien übersiedelt sei, sei sie am Schabbat in den Stadttempel gegangen. Immer wieder besuche sie die Gottesdienste von Or Chadasch, die kleine Reformgemeinde in der Robertgasse.

Zufällig fand sich nach und nach eine jüdische Runde, die sich weder als wirkliche Gruppe noch als Organisation versteht. Man trifft sich, um miteinander Zeit zu verbringen und ohne dabei einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Was allen gemeinsam ist, ist einerseits eine jüdische, andererseits eine feministische Identität. Tatiana Kai-Browne ist in Deutschland aufgewachsen, ihr Kunststudium führte sie nach Wien. Dass sie jüdisch sei, spiele in ihrem Alltag keine große Rolle und das sei auch nichts, was sie groß öffentlich mache. In dieser Wiener Freundesgruppe habe aber auch sie einen Ort gefunden, an dem sie sich wohlfühle. An dem es selbstverständlich sei, jüdisch zu sein.

"Es ist immer noch nicht ganz normal, jüdisch zu sein"

Dass es hierzulande eben immer noch nicht ganz normal ist, jüdisch zu sein, haben alle diese Frauen schon erlebt. "Es ist immer noch ein Ding", meint Lion, und erklärt: "Man kann nicht einfach sagen, man ist jüdisch, ohne dass das irgendetwas macht. Und das gibt doch ein Gefühl von Unwohlsein."

Gemeinsam mit der US-Amerikanerin Sarah Mendelsohn haben die drei Frauen nun "The Jewish Renaissance Boxing Club" gegründet. Dieser ist weniger Sportstätte als Kulturprojekt. Was nicht heißt, dass nicht auch tatsächlich geboxt wird. Kai-Browne hat das Boxen schon vor längerer Zeit für sich entdeckt. Die Frage, ob für sie die Selbstverteidigung im Vordergrund steht, hört sie nicht gerne. "Warum ist es so schwierig nachzuvollziehen, dass Frauen auch Spaß an diesem Sport haben? Natürlich stärkt das Boxen auch das Selbstbewusstsein und das kann in schwierigen Situationen helfen. Das steht für mich aber nicht an erster Stelle." Als sie anbot, andere aus der Gruppe zu trainieren, machten auch Flohr, Lion und Mendelsohn mit. Letztere boxt inzwischen richtig gern: Es sei eine gute Möglichkeit, sich der eigenen Aggressionen bewusst zu werden und mit diesen umzugehen.

Flohr tut sich bis heute schwerer mit dem Sport. Sie komme vom Tanzen, es sei nicht ihre Art, anderen ins Gesicht zu schlagen. "Ein Boxring ist kein Blumenstrauß." Was sie allerdings gelernt habe: Boxen bedeute auch zu kommunizieren. Man könne Stopp sagen. Auch Lion hatte anfangs gewisse Hemmungen, hier bewusst auf andere einzuschlagen, noch dazu Freundinnen. Es sind jedoch genau diese Prozesse, weswegen die vier Frauen beschlossen haben, das Boxen in den Mittelpunkt ihres Kunstprojekts zu stellen.

"Uns geht es hier um die metaphorische Ebene: Das Verletzt-werden-Können, das Grenzen ausloten, das trifft ja auch auf Identitäten zu. Und genau das hat uns bei unseren Treffen an Freitagen und Samstagen ohnehin schon beschäftigt", so Lion. Drei Elemente vereint "The Jewish Renaissance Boxing Club" derzeit: jüdisch zu sein, queer zu sein und zu boxen, erklärt Mendelsohn. Hier wird ausgelotet, wie eine zeitgemäße, pluralistische und aufgeschlossene jüdische Community aufgebaut werden kann.

Einer breiteren Öffentlichkeit öffnet sich das Projekt im Rahmen der Wienwoche. Hier gibt es einerseits Boxtrainings, die sich an Frauen, Transpersonen oder homosexuelle Männer wenden. Andererseits wird auch ein Blick zurück gemacht: In Vorträgen und Performances wird jüdisches Kultur- und Gemeinschaftsleben von früher thematisiert und gleichzeitig aus einer jüdisch-queer-feministischen Perspektive das Heute betrachtet. Die jüdische Geschichte Wiens ist dabei ebenso Thema wie die Geschichte des Boxens. Die des weiblichen, jüdischen Boxens in Wien ist dabei eine sehr kurze: Hier gibt es noch keinerlei Tradition.

"Jüdisch sein ist keine Voraussetzung"

Wie es danach mit dem Club-Projekt weitergeht, ist offen: Wer mitmachen will, ist willkommen. Durch die Identitäten, die diese Menschen mitbringen, kann sich jedoch eine Verschiebung der Themen ergeben. Denn, sagt Lion, dass man jüdisch ist, sei keine Voraussetzung, um sich hier zu engagieren. Mendelsohn erklärt das so: "Uns geht es nicht darum, wo dazuzugehören. Uns geht es darum, Fragen zu stellen. Das Boxen ist dabei die Schnittstelle zu anderen Identitäten."