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Der Ex-Manager als Holzfäller

Von Werner Grotte

Wirtschaft

Stress und Ärger als Abteilungsleiter brachten ihn an den Rand des Zusammenbruchs. Dann gab Robert Raab seinem Leben die entscheidende Wende: Er kaufte Säge und Traktor, löste den Gewerbeschein und verbringt seine Arbeitszeit seither weitgehend im Wald - als Holzfäller.


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Wer den drahtigen Enddreißiger mit Dreitagesbart lächelnd am Steuer seines blau-weißen Traktors sieht, kann sich kaum vorstellen, dass derselbe Mann noch bis vor drei Jahren täglich frühmorgens mit Anzug und Krawatte ins Büro fuhr, wo er die Verantwortung für rund 50 Mitarbeiter und 15.000 Geräte innehatte.

"Allein damit hätte ich auch kein Problem gehabt. Allerdings saßen über mir noch andere Chefs, die meine Vorstellungen von Personalpolitik nicht immer teilten", schildert der Pressbaumer die Wurzeln des Dilemmas.

Wie bei vielen internationalen Konzernen war es auch in Raabs Firma nicht ratsam, sich dem von oben verordneten Credo zu widersetzen. "In so einem Fall bleibt einem nichts anderes über, als den Druck nach unten weiterzugeben, sprich den Leuten Lohnkürzungen, Entlassungen oder umstrittene Personalentscheidungen schmackhaft zu machen", erinnert sich der Diplomingenieur mit Wehmut.

Druck von Oben

Weil er seine Mitarbeiter und deren Leistungen schätzte, wurde die Arbeit zunehmend zur Qual. "Ich hatte Schlaf- und Essstörungen, erste Anflüge von Depression und eine immer stärker werdende Aversion, in die Firma zu gehen", so Raab, der damals auch seinen letzten vertrauten Ansprechpartner bei den Vorgesetzten verloren hatte und somit keine firmeninterne Lösung der Probleme mehr sah. Nach wenigen Wochen Nachdenkphase fasste er einen ebenso mutigen wie heilsamen Entschluss: Er kündigte. "Ich wusste noch nicht, was ich machen sollte, aber es war einfach befreiend", so der 39-Jährige, der mit Lebensgefährtin Katja und den beiden Kindern Carolina (2) und Maximilian (7) seit sieben Jahren am westlichen Ortsrand Pressbaums nur wenige Schritte vom Waldrand entfernt wohnt. Im hier besonders dichten und weitläufigen Teil des Wienerwaldes verbrachte er schon bisher gern seine Freizeit; entweder beim Wandern mit den beiden Familienhunden oder zum Holzschneiden für den Schwedenofen im Wohnzimmer.

Endlich eigener Herr

"Ich wollte etwas wirklich anderes machen, etwas, bei dem ich mein eigener Herr bin, die Natur um mich habe und körperlich gefordert werde; also das genaue Gegenteil meiner früheren Tätigkeit", schildert Raab seine Entscheidungsfindung. Da Katjas Einkommen als Ärztin den Familienerhalt vorerst auch alleine sicherte, wagte der Ex-Manager etwas Außergewöhnliches: Er beschloss, sich fürderhin als selbständiger Holzfäller und -händler zu verdingen. Gesagt, getan. Nach ersten bürokratischen Hürden hatte er seinen Gewerbeschein für "Holzbringung und Holzschlägerung" sowie für den "Handel mit festen Brennstoffen (Brennholz)". Nun stand der Realisierung seines Traumes nichts mehr im Wege, zumal er als Führerschein-Multi der Klassen A, B, C, E, F kein Problem damit hatte, sich einen gebrauchten Traktor anzuschaffen.

Harte Waldschule

"Natürlich zahlt man am Anfang Lehrgeld, auch wenn man schon weiß, wie man einen Baum richtig schneidet", erinnert sich Raab an so manch schmerzliche Erfahrung beim Aufbau seines Geschäftes. Etwa, als er gutgläubig in Oberösterreich einen gebrauchten, größeren Anhänger zum Holztransport kaufte und dieser bereits bei der Heimfahrt auf der Westautobahn gröbere Mängel an Bremsen und Bereifung zeigte. Ein anderes Mal brach sich ein Bekannter, der beim Aufladen im Wald helfen wollte, dabei den Fuß. Einmal musste Raab wegen aufkommender Dunkelheit frisch abgemetertes Holz am Waldesrand liegen lassen. Am nächsten Tag war es weg, gestohlen, so wie die Kupferkabel der Bahn. Besonders haarig wurde es, als ein Baum unerwartet beim Fallen die Richtung wechselte und nur um Haaresbreite eine Stromleitung verfehlte. Und selbst jetzt erschließt sich dem mittlerweile ganz gut im Geschäft etab-lierten Niederösterreicher noch holztechnisches Neuland. "Weil ich mich natürlich auf die Kunden konzentriere, ist mir mein eigenes Brennholz, das neben unserem Haus gestapelt liegt, durch die vielen Niederschläge der letzten Zeit zu nass geworden. Jetzt muss ich es so rasch wie möglich verarbeiten, damit es nicht schimmelt", klagt der Holzfäller.

Holzfäller-Alltag

Und wie sieht so ein Holzfäller-Tag aus? "Zuerst Kinder versorgen, nachher Hunde bewegen - und dann mit dem Traktor ab in den Wald", schildert Raab den straffen Regieplan. Weil Partnerin Katja

ganztägig als Ärztin beschäftigt ist, darf Robert auch als Hausmann wirken. Welche Bäume er danach wo und um welchen Preis schneiden darf, macht er sich mit den Grundbesitzern, meist den Bundesforsten, aus. "Zuerst wird der Baum geschnitten und abgeastet. Dann wird der Stamm abgemetert, das heißt, in Meterstücke gesägt. Die werden mit einem Hydraulik-Keil gespalten und schließlich in Festmeter-Stößen aufgestapelt, bis der Förster kommt, sie abnimmt und einen Preis festsetzt. Dann kann ich sie aufladen, mit der Kreissäge zu Scheiten schneiden und schließlich an die Kunden ausliefern", erklärt Raab die einzelnen Arbeitsschritte.

Heiteres Beruferaten

Ob er das bis ins Pensionsalter machen will, weiß der gelernte Elektrotechniker nicht. "Ich habe schon viel gemacht in meinem Leben, vielleicht verändere ich mich irgendwann wieder und verkaufe Eis oder fahre Lkw." - Tatsächlich liest sich Raabs Lebenslauf wie ein Querschnitt durch "Heiteres Beruferaten", die TV-Legende der 1960er Jahre: So werkte er während der Ausbildung als Radbotendienstfahrer und Burgtheater-Billeteur, arbeitete fünf Jahre als internationaler Projektleiter beim Bau von drei Wasserkraftwerken in China und bei anderen Auslandseinsätzen.

Danach war er am Mobilfunkaufbau im Burgenland beteiligt, betreute drei Jahre lang unter anderem die Militärluftfahrttechnik des Bundesheeres im Verteidigungsministerium und werkte zuletzt zwei Jahre im mittleren Management eines internationalen Technik-Konzerns und danach kurzfristig freiberuflich als Consultant in Reinraumtechnik (für eine Supermarktkette) und Kühlung (für die Austrocontrol). Sein berufsbegleitendes FH-Studium absolvierte er nebenbei in nur vier Jahren und krönte es 2005 mit der Sponsion in Elektronik/Wirtschaft am Technikum Wien.

Stress mit Lust

Ach ja, seit zwölf Jahren wirkt Meister Raab ebenfalls nebenbei auch als Masseur und krönte dieses Können erst kürzlich mit einer abgeschlossenen Ausbildung als lehrberechtigter Heilmasseur, der nicht nur knetet, sondern auch an der Massageschule Manus unterrichtet. Und zusätzlich baut er seit dem Sommer das für vier Leute längst zu klein gewordene Einfamilienhaus im großen Stil um. In einem eigenen Zubau soll sowohl für Katja als auch für Robert eine Praxis eingerichtet werden. Hausmann, Hausbauer, Masseur, Holzfäller ob er da nicht auch hin und wieder in Stress kommt? "Ja, aber das ist etwas anderes. Ich arbeite gern hart. Solange ich dabei niemandem schaden muss und mich in der Früh in den Spiegel schauen kann, lebe ich gut damit. Und was das Wichtigste ist: Ich bin täglich intensiv mit meiner Familie zusammen und sehe meine Kinder aufwachsen. Das ist unbezahlbar."

Info & Kontakt:

Holzhandel DI (FH) Robert Raab, Hugo Müller Gasse 11, 3021 Pressbaum, E-Mail: robert.raab@gmx.at

Artikel erschienen am 11. Jänner 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 14-17