Der Fachkräftemangel ist auch hausgemacht

Von Marie Hasdenteufel

Gastkommentare
Marie Hasdenteufel ist Ökonomin am ökosozialen Momentum Institut.
© Ingo Pertramer

Die Mangelberufsliste wirkt sich kontraproduktiv auf die Entwicklung der Löhne aus.


Das Schreckgespenst des Fachkräftemangels geht um. Stellen bleiben unbesetzt, und schuld seien fehlende oder falsch ausgebildete Arbeitskräfte, heißt es. Da hilft nur eines: mit der Rot-Weiß-Rot-Karte Fachkräfte aus dem EU-Ausland auf den österreichischen Arbeitsmarkt holen. Das scheint zumindest der Status quo zu sein.

Aber was definiert eigentlich den Fachkräftemangel? In welchen Berufen es einen Fachkräftemangel gibt, definiert die Regierung derzeit mittels einer sogenannten Mangelberufsliste. Diese Liste wird jährlich aktualisiert und listet alle Berufe, bei denen auf eine offene Stelle weniger als 1,5 Erwerbsarbeitssuchende kommen. Ein einziger Faktor entscheidet also darüber, wo Mangel am Arbeitsmarkt besteht. Woran es tatsächlich hakt, ob die Bezahlung für diese Berufe vielleicht zu gering oder die Rahmenbedingungen zu schlecht sind, hält die Liste nicht fest. Oft verlassen Arbeitskräfte eine Branche aufgrund von schlechten Arbeitsbedingungen oder mangelhafter Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Stellen werden dann nicht besetzt, weil sie zu unattraktiv sind, und nicht zwingend, weil es einen Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften gibt.

Landet ein Beruf auf der Liste, können Unternehmen vereinfacht Menschen außerhalb der Europäischen Union rekrutieren. Vor fünf Jahren wurde zusätzlich eine regionale Mangelberufsliste eingeführt. Auf dieser Liste werden bundesländerspezifische Mangelberufe gelistet, selbst wenn für diesen Beruf österreichweit gar kein Mangel verzeichnet wird. Das hat dazu geführt, dass die Mangelberufsliste immer länger wird: Im Jahr 2022 waren bereits 126 Berufe angeführt, vor zehn Jahren waren es noch 26.

Was passiert, wenn Berufe für Menschen aus EU-Drittstaaten geöffnet werden? Für Unternehmen vergrößert sich der Pool an möglichen Arbeitskräften schlagartig. Gleichzeitig werden Unternehmen vom Verbesserungsdruck befreit, ihre Stellen attraktiver zu gestalten. Das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage greift normalerweise auch am Arbeitsmarkt: In der Theorie führt ein geringes Arbeitskräfteangebot bei großer Nachfrage zu steigenden Löhnen. Ein Blick auf die Lohnentwicklung der sogenannten Mangelberufe lässt aber erkennen: Da tut sich nix. In den Mangelberufen steigen die Löhne deutlich weniger als in anderen Berufen. Ziehen die Löhne nicht mit, ist ein Teil des Fachkräftemangels hausgemacht.

Eigentlich haben wir genug Leute im Land: In Österreich schlummert ein großes Arbeitskräftepotenzial. 370.000 Menschen waren im heurigen Februar arbeitssuchend oder in Schulung. Potenzial birgt sich auch bei den Teilzeit-Angestellten. Vor allem Frauen arbeiten aufgrund von Betreuungsaufgaben oft unfreiwillig in Teilzeit. Lassen wir sie mit der unbezahlten Sorgearbeit nicht länger alleine, können sie ihre Erwerbsarbeit ausweiten. Erhöht man die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen, bringen wir schnell 85.000 Personen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt.

Es ist nicht die Aufgabe der Politik jede Stelle in Betrieben zu besetzen, sondern die der Unternehmen.