Der fehlende Aufschrei

Von Martina Madner

Leitartikel

Die Regierung erhält eine zweite Chance: jene, die Konjunktur mit sozialen Dienstleistungen anzukurbeln.


Krisen verändern unser Zusammenleben. Für viele Frauen nicht im positiven, sondern im negativen Sinne. Bevor der große Aufschrei kommt: Ja - Frauen, insbesondere jene mit systemrelevanten Berufen, im Handel, in der Kranken- und der Altenpflege, werden wahrgenommen. Vor allem, weil manchen klar wird, dass sie Leistungen erbringen, die, sobald sie nicht da sind, anderen dringend fehlen. Genauso wie die weniger beklatschten und umjubelten Pädagoginnen in den Kindergärten und an den Schulen. Genauso wie die beinahe gänzlich totgeschwiegenen Reinigungskräfte, die, weil sonst vielfach in Schwarzarbeit, jetzt Corona-Shutdown-bedingt keine privaten Haushalte von Schmutz befreien (sollten).

Das Problem: Diese Leistungen fehlen vor allem anderen Frauen. Sie haben bereits vor der Krise zwei Drittel der Haus- und Kindererziehungsarbeit geleistet. Neun Milliarden Stunden solcher unbezahlten Arbeit sind es heuer. Diese Arbeit hätte laut WU-Care-Ökonomin Katharina Mader, die die Verteilung der unbezahlten Arbeit während der Corona-Krise erforscht, bei einem theoretischen Durchschnittslohn von 11 Euro schon vor zehn Jahren einen Wert von 100 Milliarden Euro gehabt. Klar ist bereits, dass es einmal mehr Frauen, insbesondere Mütter, sind, die offenbar den Großteil schultern - unbezahlt und zusätzlich zur Erwerbsarbeit oft im Homeoffice, indem sie ihre Urlaubstage dafür aufbrauchen und die kargen Freizeitstunden auf ein Minimum reduzieren.

Der nächste Aufschrei: Ja - auch Väter beteiligen sich am Corona-bedingten Mehraufwand, allerdings in weit geringerem Ausmaß als Mütter. Die Regierung nimmt das stillschweigend in Kauf, streut hin und wieder Dankesworte ein. Passt doch die Rückkehr zum traditionell organisierten Vater-Mutter-Kind(er)-Haushalt perfekt zum Familienideal einer der beiden Regierungsparteien. Kein Aufschrei.

Dabei müsste es einen solchen als deutliches Signal geben, soziale Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, Pflege, Reinigung besser als heute bezahlt und öffentlich gestützt, dezentral in Bezirken und Gemeinden aus- und aufzubauen - WU-Ökonomin Gudrun Biffl forderte genau das bereits in der Finanzkrise 2008/09. Das bringt Jobs für und Steuereinnahmen von Frauen, entlastet diese für andere Erwerbsarbeit. Win-win-win also. Stattdessen flossen damals Milliarden in die Sanierung von Straßen, Banken-Hilfspakete und die Verschrottung alter Autos. Nun gibt es also eine zweite Chance, es anders zu machen - und unser Zusammenleben nach Corona auch für Frauen zu verbessern.