Zum Hauptinhalt springen

Der Fisch als Wille und Werk

Von Christa Karas

Wissen

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die eine Familienfraktion hätte ihn am liebsten gar nicht gehabt. Das männliche Oberhaupt plädierte für böhmischen, also Karpfen, wurde aber regelmäßig überstimmt. Und schließlich obsiegte sowieso jedesmal der weibliche Clanchef: Kein 24. Dezember ohne Fisch!

Ein Pyrrhussieg, musste sie sich doch dafür stundenlang in der Kälte anstellen. Einerseits. Andererseits ersparte sie sich damit das Panieren und Braten, weil das schon der Händler besorgt hatte. In Wahrheit mochte sie nämlich auch keinen Fisch und ihn deshalb nicht angreifen. Aber Tradition ist Tradition. Und außerdem blieb dann mehr Zeit für die Mayonnaise zum Kabeljau, die wurde selbstverständlich handgerührt.

Der Fischgeruch - oder vielmehr der vom oft verwendeten Öl - penetrierte alles. Erst Kerzen und Sternspucker kamen halbwegs gegen ihn auf.

Jahre später hatte Schreiberin dieses die kühne Idee, der Sippschaft die "light"-Version des Weihnachtsfisches schmackhaft machen zu wollen: Frische Lachsfilets mit rosa Pfeffer, im Weinsud pochiert, gebettet auf Blattspinat und Mangold...

M. erklärte kategorisch, der Fisch schmecke nach Tran (!), R. meinte, ohne Panier tauge ein Fisch nix, der w. Clanchef stocherte eine Weile herum, um sich dann seiner Trauer zu besinnen (das m. Oberhaupt war kurz zuvor verstorben), H. mochte sowieso keinen Fisch, zwei weitere Angehörige zwar Lachs, "aber geräuchert", und weder F., noch G. oder die gefräßige Katze waren imstande, sich der "Reste" (sechs teure Lachsfilets) anzunehmen.

Fazit: Es ist hoffnungslos. Kein noch so ausgeklügeltes neues Festtagsmenü kommt gegen familiäre Traditionen an. Mögen TV-Köche und Magazine sich auch noch so sehr um Kreativität bemühen - unsereins hat es längst aufgegeben.