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Der Fredo-Effekt und seine Folgen

Von Andrea Möchel

Wirtschaft
Fredo Corleone (l.) aus "Der Pate" steht für unfähige Chefs in Familienbetrieben.
© John Springer Collection/Corbis

Ungeeignete Nachfolger bringen Familienfirmen in Gefahr.


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Wien. "Familienfirmen agieren klüger und auf lange Sicht erfolgreicher als Unternehmen in Streubesitz", so lautet ein populäres ökonomisches (Vor-)Urteil. Der vermeintliche Grund: Familienunternehmen würden nicht in Quartalen denken, sondern in Generationen. Und anders als notorisch jobhoppende Manager werkelt ihr Führungspersonal jahrzehntelang im Family Business und hegt und mehrt dort Kapital und Mitarbeiter. In der Praxis gelangen allerdings gar nicht so selten Personen an die Spitze von Familienunternehmen, deren einzige Qualifikation im gemeinsamen Genpool mit dem Firmenpatriarchen besteht.

"Wenn der Chef seine unfähigen Kinder ins Management hievt, ist die Katastrophe oft schon programmiert", heißt es in der Studie "Harmony, Justice, Confusion, and Conflict in Family Firms", die im "Journal of Business Ethics" veröffentlicht wurde.

Für die Studie hat ein Team um die Management-Experten Roland E. Kidwell und Franz W. Kellermanns 147 Mitglieder von Familienbetrieben befragt, die allesamt in Führungspositionen tätig sind. Das Ergebnis: In rund 30 Prozent der Betriebe treibt demnach ein sogenannter "Fredo" sein Unwesen, "ein Familienmitglied, das dem Geschäft Schaden zufügt oder seine Aufgaben nicht erfüllt".

Mit dem Begriff "Fredo-Effekt" beschreiben die Autoren "die negative Kraft in Familienunternehmen, die aus der Eltern-Kind-Beziehung entstehen kann, und den daraus resultierenden Schaden für die Organisation". Als Namensgeber für das Übel fungiert die Filmfigur Fredo Corleone, aus dem Kino-Klassiker "Der Pate" von Regisseur Francis Ford Coppola. Fredo ist darin jener unfähige Sohn des Paten, der "La Famiglia" an die Konkurrenz verrät und damit das mafiöse Family Business ruiniert.

Verhätschelte Minderleister

Doch wie wird jemand zum Sargnagel der Familienfirma? So viel steht für die Autoren fest: Als "Fredo" wird man nicht geboren, zum "Fredo" wird man gemacht: "Ein Kind, das großzügige Unterstützung bekommt, obwohl seine Leistungen und Fähigkeiten dies nicht rechtfertigen, kann dysfunktionales Verhalten entwickeln." So würden Eltern und Verwandte selbst erwachsene Kinder oft dann noch belohnen, wenn sie im Unternehmen inkompetent handeln, faulenzen oder ihre Pflichten vernachlässigen. Konflikte seien dadurch programmiert, worunter schließlich die Produktivität der Firma leidet. "Während also das System der Unternehmerfamilie die Entwicklung von Fredos ermöglicht, bietet das System Familienunternehmen deren schädlichem Verhalten erst eine Bühne", resümieren Kidwell & Co.

Einen "Fredo" kann man übrigens daran erkennen, dass er oder sie in jedem anderen Unternehmen gnadenlos gefeuert würde. Es darf als eine Eigenheit von Familienfirmen gewertet werden, dass dort selbst Minderleister eine Führungsposition ergattern können, sofern sie nur nah genug verwandt sind.

Erziehungssache

"Fredos" entwickeln sich und ihre desaströsen Fähigkeiten meist schon in der Kindheit. "Die Erziehung kann die Entstehung solcher Persönlichkeiten entscheidend beeinflussen", glauben die Autoren der Studie und stützen sich dabei auf die, von Familienpsychologen anhand der Parameter "Unterstützung" und "Kontrolle" definierten vier Arten von Erziehung:

die autoritäre Erziehung: wenig Unterstützung, viel Kontrolle;

die autoritative Erziehung: viel Unterstützung und Kontrolle;

die permissive Erziehung: viel Unterstützung und wenig Kontrolle;

und die vernachlässigende Erziehung: wenig Unterstützung und wenig Kontrolle.

Am gefährdetsten für den "Fredo-Effekt" seien die Sprösslinge jener Familien, in denen es zwei vernachlässigende Elternteile gibt. Am geringsten sei das Risiko in Familien mit mindestens einem autoritativen Elternteil. Fazit der Studie: "Wenn Sie keinen ,Fredo‘ heranziehen wollen, sollten Sie demnach eine Erziehung wählen, bei der Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter sowohl unterstützen als auch kontrollieren."

Garantie, dass die Firma dann ewig weiter prosperiert, ist freilich auch das nicht. Womöglich haben ja auch Familienunternehmen schlicht ein Ablaufdatum. Oder, wie Otto von Bismarck es einst formulierte: "Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends."