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Der geniale Aufklärer

Von Franz M. Wuketits

Wissen

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Nicht nur habe er die erste russische Universität gegründet, sondern sei selbst eine Universität - und die erste Universität Russlands gewesen. So urteilte Alexander Puschkin (1799-1837), der wohl als eigentlicher Schöpfer der neueren russischen Literatur gelten darf, über seinen Landsmann Lomonossow, einen Enzyklopädisten und Aufklärer, dem - auch außerhalb Russlands - mehr Aufmerksamkeit gebührt, als ihm heute tatsächlich zuteil wird.

Zwar widmet ihm die "Encyclopaedia Britannica" einen Eintrag von fast drei Spalten Länge, doch wird er im Westen kaum als ein Denker wahrgenommen, der an der Wurzel der neuzeitlichen Aufklärungsphilosophie steht. Als entschiedener Gegner der scholastischen und idealistischen Philosophie bemühte sich Lomonossow um einen wissenschaftlich fundierten säkularen Humanismus sowie die Trennung von Glauben und Wissenschaft.

Ein bewegtes Leben

Michail Wassiljewitsch Lomonossow wurde am 19. November 1711 in dem Dorf Denissowka - heute nach ihm Lomossowo benannt - im Bezirk der nordostrussischen Hafenstadt Archangelsk geboren und wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater war ein Fischer, der die früh entfalteten wissenschaftlichen Interessen seines Sohnes finanziell nicht zu fördern imstande war. Im Alter von zehn Jahren trat Lomonossow daher in die Fußstapfen seines Vaters und begann, sich ebenfalls als Fischer zu betätigen. Die ganz wenigen Bücher, die ihm zugänglich waren, vermochten seinen Wissensdurst nicht zu befriedigen. Im Dezember 1730 verließ der Neunzehnjährige heimlich sein Vaterhaus und ging, praktisch mittellos, nach Moskau, wobei er die Strecke von etwa 1000 Kilometern in der Hauptsache zu Fuß bewältigte.

Zar Peter I. der Große (1672- 1725) war bestrebt gewesen, mit Hilfe der wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften der Neuzeit aus Russland einen modernen Staat zu machen, wozu es natürlich einer entsprechenden Zahl (natur-)wissenschaftlich gebildeter Leute bedurfte. Dadurch angespornt, wollte sich der junge Lomonossow so umfassend bilden, wie nur möglich, um einmal zum Kreise jener zu gehören, die sein Land gleichsam auf wissenschaftlicher Grundlage zu reformieren vermochten.

Sein Leben in Moskau war freilich nicht einfach. Um in die Slawisch-Griechisch-Lateinische Akademie - eine sehr bedeutende geistliche Bildungseinrichtung, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts als allgemeinbildende Schule auf den Beamtendienst vorbereitete - aufgenommen zu werden, war er gezwungen, seine Herkunft zu verleugnen und sich als Sohn eines Adeligen auszugeben. Dabei reichte sein Geld kaum für Essen und Kleidung, denn die staatliche Unterstützung der Schüler war äußerst bescheiden. Da die meisten seiner Mitschüler jünger waren, musste Lomonossow sich auch manche Verhöhnung von diesen gefallen lassen. Mit Intelligenz und eisernem Fleiß schaffte er die Schule, für die acht Jahre vorgesehen waren, dennoch, und zwar in nur fünf Jahren. Griechisch und Latein brachte er sich selbst bei und vertiefte sich in die antike Philosophie.

Nach einem kurzen Intermezzo an der Mohyla-Akademie (heute Nationale Universität) in Kiew, ging Lomonossow (im Jänner 1736) nach St. Petersburg, wo er knapp zehn Jahre später Professor werden sollte. Allerdings hielt es ihn auch an der St. Petersburger Akademie nicht lang. Nach nur sieben Monaten verließ er Russland, um in Deutschland weiter zu studieren, zuerst in Marburg, dann in Freiberg. In Marburg, so wird berichtet, nahm er intensiv am Studentenleben mit manchem Humbug teil und verwickelte sich in Streithändel. Er heiratete auch, nämlich die Tochter seiner Vermieterin, und hatte mit ihr ein Kind.

Aber er machte sich in Marburg auch sehr schnell mit den Errungenschaften der Naturwissenschaften und der westlichen Philosophie vertraut. Zu seinen Lehrern zählte der damals überaus einflussreiche Philosoph Christian Wolff (1679-1754). In Freiberg studierte Lomonossow Bergbau und Metallurgie, erlernte das Handwerk der Glasmacher und befasste sich darüber hinaus mit Dichtkunst. Sein insgesamt fünfjähriger Aufenthalt in Deutschland blieb nicht frei von Pannen und Fehlgriffen. Dazu zählt vor allem das Zerwürfnis mit seinem Lehrer in Freiberg, dem Arzt und Chemiker Johann Henckel (1678-1744), bei dem er sich allerdings (im Dezember 1739) in einem Brief mit den Worten entschuldigte, "dass das von ihm im Ärger Gesagte . . . nicht der Ausdruck böser Absichten, sondern gekränkter Unschuld war".

So kehrte Lomonossow schließlich an die St. Petersburger Akademie zurück, wo er sich zunächst wiederum in Kalamitäten verstrickte. Die von inkompetenten Edelleuten dominierte Akademie bot ihm keine Aussicht auf eine konkrete Anstellung, und er fühlte sich ungerecht behandelt. Mag sein, dass ab und zu sein Temperament mit ihm durchging.

Er wurde jedenfalls im Mai 1743 für acht Monate inhaftiert, arbeitete aber auch im Gefängnis wissenschaftlich weiter. Seine Freilassung bewirkte er durch zwei Oden, die er der Kaiserin Elisabeth (1709-1762), Tochter Peters des Großen, widmete und zusandte, womit er obendrein an der Akademie eine gewisse Reputation als Dichter gewann. Diese verlieh ihm schließlich ein Jahr später eine Professur für Chemie.

Damit begann in Lomonossows Leben eine besonders produktive Phase. Er übersetzte ein Werk Wolffs ins Russische und verfasste - in lateinischer Sprache - physikalische Abhandlungen, die kein Geringerer als der eminente Schweizer Mathematiker, Physiker und Astronom Leonhard Euler (1707-1783), der auch in St. Petersburg wirkte, zur Veröffentlichung empfahl. 1748 erhielt er schließlich ein eigenes (chemisches) Laboratorium; drei Jahre lang hatte er dafür gekämpft. Lomonossows Arbeitskraft war enorm. Innerhalb weniger Jahre führte er über 4000 naturwissenschaftliche Experimente durch, daneben schrieb er noch eine Russische Grammatik und trug damit entscheidend zur Erneuerung der russischen Schriftsprache bei. 1755 war Lomonossow entscheidend an der Gründung der Moskauer Universität beteiligt, die heute seinen Namen trägt. Mit derzeit etwa 40.000 Studierenden ist die Lomonossow-Universität die größte Universität Russlands. Viele prominente russische Wissenschafter, Künstler und Politiker - unter ihnen Michail Gorbatschow - zählen zu ihren Absolventen.

Die Anerkennung

Lomossow starb am 15. April 1765 vierundfünfzigjährig in St. Petersburg. In einer also nicht allzu langen Schaffensperiode erzielte er auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft enorme Leistungen, die hier nur in Umrissen und anhand einiger Beispiele gewürdigt werden können. Lomonossow begründete in Russland die Geographie und Kartographie, die Geologie, Mineralogie und Metallurgie. Er versuchte, die Chemie auf eine solide physikalische und mathematische Grundlage zu stellen, trug zur Entdeckung des Stickstoffs bei und erkannte in der Bewegung und Reibung von Teilchen die Ursache von Wärme.

Er erklärte die für Schiffe drohende Gefahr von Eisbergen, in dem er aus der Dichte des Eises schloss, dass sich neunzig Prozent des Eisberges unter der Wasseroberfläche befinden müssen. Bei seinen astronomischen Studien entdeckte Lomonossow die Venusatmosphäre, und als Erster stellte er den Gefrierpunkt von Quecksilber (ca. minus vierzig Grad Celsius) fest. Darüber hinaus befasste er sich mit der Erhaltung von Materie und Energie und erkannte die Konstanz der Stoffmengen bei chemischen Reaktionen.

Es sollte überflüssig sein zu betonen, dass Lomonossows Denken vielfach seinem Zeitalter verhaftet blieb. Umso bemerkenswerter ist, dass er manche Ideen vorwegnahm, die sich erst später in festen Umrissen präsentierten und hinreichend begründet werden konnten. So schrieb er etwa, "dass wir aus dem Zustand der Erdoberfläche, aus ihrer Gestalt und ihren dem Blick verborgenen Schichten zu schließen und zu urteilen vermögen, dass sie, wie sie heute sind, nicht seit der Entstehung der Welt gewesen sind, sondern mit der Zeit eine andere Gestalt angenommen haben". Was dabei zum Ausdruck kommt, ist nichts anderes als die Überlegung, dass sich die Erde im Laufe langer Zeiträume gewandelt und mithin eine Geschichte hat - etwas, was im 18. Jahrhundert nur sehr wenigen in den Sinn kam.

Lomonossow trat auch außerhalb der Naturwissenschaften mit vielen Arbeiten hervor. Auf seine Russische Grammatik wurde bereits hingewiesen, er ist aber auch als Autor einer umfassenden Geschichte Russlands in Erinnerung zu rufen. Nicht unerwähnt bleiben dürfen seine poetischen Werke und Abhandlungen über Sprachform und Stil. Lomonossow war nicht zuletzt, durchaus im Sinne der Aufklärung, ein bedeutender Reformer des russischen Bildungswesens. Insgesamt war ihm sehr daran gelegen, zu einem modernen Russland beizutragen, bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf die kulturelle Tradition seines Landes. So setze er sich zum Beispiel für eine Wiederbelebung der russischen Mosaikkunst ein.

Lomonossows Werk und Wirken fanden durchaus Anerkennung. Nicht nur die größte Universität Russlands trägt seinen Namen. Er ist auch auf einer russischen Münze verewigt, und der einstige Zarensitz und Vorort von St. Petersburg, Oranienbaum, heißt seit 1945 Lomonossow. Ferner wird von der Russischen Akademie der Wissenschaften seit 1959 jährlich die Lomonossow-Goldmedaille für außergewöhnliche Verdienste (an je einen russischen und einen ausländischen Wissenschafter) vergeben.

Schließlich erinnern an den Universalgelehrten der Lomonossow-Strom (ein äquatorialer Strom im Atlantik) und der Lomonossow-Rücken (ein unterseeischer Gebirgskamm im Nördlichen Eismeer). Eine umfassende kritische Gesamtwürdigung Lomonossows als Verfechter einer wissenschaftlichen Philosophie im Geiste der Aufklärung lässt aber noch auf sich warten.

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften an der Universität Wien und ist Vorstandsmitglied des Konrad Lorenz Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung. Er ist Autor von 37 Büchern und zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen.