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Der gezähmte Löwe von Punjab

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Sharif sucht nach Wahlsieg den Ausgleich mit dem Erzfeind Indien.


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Raiwind. Die breite Straße zur Residenz von Nawaz Sharif ist makellos. Der Asphalt ist sauber, Oleanderbüsche und Eukalyptusbäume säumen ordentlich aufgereiht den Weg. Es ist ein scharfer Kontrast zu Pakistans gewohntem Straßenchaos mit Esel-Gespannen, Wasserbüffeln und Schafen, mit umherfliegendem Müll, kleinen Werkstätten, Teeläden, Straßenimbissen und einem Gewühl von Menschen. Für normale Menschen wie sie ist diese Straße hier gesperrt - nur Sharifs Familie und angemeldete Besucher kommen in den Genuss.

Hier in Raiwind, eine knappe Autostunde von der Millionenstadt Lahore entfernt, ist der Landsitz von Nawaz Sharif. Nach der Wahl am Samstag kann der 63-jährige Politiker auf eine dritte Amtszeit als Premierminister von Pakistan rechnen. Sein politischer Herausforderer, Imran Khan, konnte den versprochenen "Tsumani" gegen die angestammte Politiker-Kaste Pakistans - die Sharif verkörpert - nicht entfachen. Khans Partei und die bisher regierende Pakistanische Volkspartei müssen sich mit einer Oppositionsrolle begnügen. Sharifs Partei führt nach inoffiziellen Ergebnissen mit einer überzeugenden Mehrheit von 117 Sitzen.

Vor der Residenz, in der Sharif ausgewählte ausländische Pressevertreter zum Mittagessen empfängt, stehen ausgestopfte Rehe und große Löwen aus Bronze und grünem Jadestein. Von seinen Anhängern wird Sharif der "Löwe von Punjab" genannt - der Provinz, aus der Sharif stammt.

Von seiner Natur her ist Sharif eher scheu und zurückhaltend. Fast schüchtern nimmt er auf einer Couch Platz. Er wirkt dabei entspannt, wie Reichtum und Macht eben entspannt machen. Die überschwänglichen Begrüßungen und Honneurs überlässt er lieber seiner attraktiven Tochter Maryam, die mit ihren 39 Jahren gerade als Politikerin angelernt wird. "Wir sind selbst so überrascht von unserem Erfolg", zwitschert sie aufgeregt und fröhlich in die Runde. Mit ihrem tadellosen Aussehen und perfekt gesteckten Kopftuch sieht sie aus, als wolle sie die neue Benazir Bhutto werden - Pakistans wohl berühmteste Politikerin, die 2007 ermordet wurde. Bhutto führte als zweimalige Premierministerin das politische Erbe und die Partei ihres Vaters weiter.

Familiendynastie wird weitergeführt

Auch bei den Sharifs geht also schon eine neue Generation an den Start. Die Familiendynastien-Politik prägt den Alltag Südasiens seit der Unabhängigkeit von Großbritannien. Die mit ihrem Stahl-Imperium zu Reichtum gekommenen Sharifs sind da keine Ausnahme.

Sharif hatte als Premierminister in den 1990er Jahren nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. Wird seine dritte Amtszeit ein Bruch mit seiner Vergangenheit sein, fragen viele. Da ist Sharifs schwieriges Verhältnis zum Militär, einer Institution, ohne deren Placet in Pakistan niemand regieren kann. "Ich hatte nie Probleme mit der Armee", versichert Sharif. Er war 1999 in einem unblutigen Putsch von General Pervez Musharraf abgesetzt worden. Damals jubelte ganz Pakistan. Das scheint vergessen. "Der Putsch kam von Musharraf. Die restliche Armee war nicht einbezogen", versichert Sharif. Man wird sehen, wie er mit der neuen Armeeführung zurechtkommt. General Ashfaq Kayani pflegt einen neuen Stil: Das Hauptquartier mischt sich nicht mehr offen in die Politik ein, sondern operiert lieber im Schatten, wenn etwas nicht nach Wunsch läuft.

Sharif hat viel vor mit dem Nachbarland Indien. Er will das angespannte Verhältnis zwischen den Erzfeinden verbessern, Gespräche über das umstrittene Kashmir wieder beleben, die Wirtschaftsbeziehungen verbessern. Doch Pakistans Armee hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie das Kriegsbeil mit Indien nicht so ohne weiteres begraben wird. Das ist eine Grenze, die Sharif vorsichtig austesten muss.

Und da ist Saudi-Arabien. Sieben Jahre hat Sharif im Exil im streng-konservativen Riyadh verbracht. Den Saudis verdankt er, dass er hier auf der Couch in Raiwind sitzt. Als Musharraf ihn ins Gefängnis steckte, presste ihn das saudische Königshaus wieder frei und nahm ihn und seine Familie auf. Sharifs Geschichte, seine teils anti-amerikanische Haltung und seine versteckten Sympathien für die Taliban sorgen immer wieder für Spekulationen. Steht Pakistan eine weitere Islamisierung bevor? Wie wird sich das Klima für die religiösen Minderheiten im Land unter Sharif entwickeln? Wie weit wird Saudi-Arabien seinen Einfluss in der Region ausbauen können und so seine Bastion gegen den schiitischen Iran festigen? Mitten im riesigen Wohnzimmer Sharifs steht unter Glas ein großes Modell der Moschee von Mekka - ein Wunderwerk in Silber, Gold und Lapislazuli-Stein. Ein saudischer Journalist hat unweit davon Platz genommen. Er wirkt wie ein guter Freund des Hauses.

Sharif gibt sich staatsmännisch. Er sagt viel, was dem Westen und den USA gefallen dürfte. "Wir werden die USA unterstützen, wenn sie 2014 aus Afghanistan abziehen." Er spricht von "unseren amerikanischen Freunden". Seine zornigen Wahlkampf-Reden, dass Pakistans nichts mit Amerikas Terror-Kampf zu tun habe, scheinen vergessen. Selbst bei den umstrittenen Drohnen, mit denen die USA an der Grenze zu Pakistan islamistische Terroristen töten, ist er abwartend und besonnen. Es sei eine "große Sorge" für Pakistan, die man diskutieren müsse. Ist das der alte Sharif oder der neue Sharif?

Die Zukunft wird es zeigen.