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Der gute Konservative

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Der unabhängige Präsidentschaftskandidat McMullin könnte Trump entscheidende Stimmen kosten.


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Washington D.C./Salt Lake City. Klein aber oho, so war das immer schon mit Utah. Wie der Rest der Vereinigten Staaten von Amerika sind seine Bürgerinnen und Bürger am kommenden Dienstag aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Sechs Wahlmänner steuert der tief im Westen gelegene Bundesstaat zu den landesweit insgesamt 538 zu vergebenden bei. Das ist nicht viel - könnte aber schwer wiegen, wenn das Rennen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump wider Erwarten knapp ausfallen sollte (in den Umfragen liegt Clinton nach wie vor vorne).

Rund drei Millionen Einwohner hat der "Beehive State", der Bienenstock-Staat, und sie teilen in der Regel Hautfarbe und Glauben. Etwa neunzig Prozent der Utahner sind weiß, mehr als sechzig Prozent gehören der "Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints" an: Mormonen, die verlässlich nicht die Demokraten wählen. Bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen, wo mit Mitt Romney einer aus ihrer Mitte kandidierte, gaben 73 Prozent ihre Stimme den Republikanern.

"Politiker, der den Bestand der weißen Rasse gefährdet"

In zuverlässigen Umfragen liegt ein gewisser Evan McMullin in Utah eine Woche vor der Wahl mit Donald Trump gleichauf. In manchen führt er sogar. Wie ernst Trump und seine Anhängerschaft, deren lautester Teil aus weißen Nationalisten, Mitgliedern des Ku-Klux-Klan und Neonazis besteht, den 40-jährigen Ex-CIA-Mitarbeiter mittlerweile nehmen, lässt sich an ihren Aktionen erkennen. Einer von ihnen ließ diese Woche tausende Dollar für einen Robocall springen, automatische Wähleranrufe, in denen eine Botschaft vom Band gesprochen wird. Darin stellt er McMullin als Homosexuellen hin, weil seine Mutter eine bekennende Lesbe sei, und als "Politiker, der den Bestand der weißen Rasse gefährdet". McMullin selbst nahm das nicht eben mit Humor, griff die Attacke aber dankbar auf, weil er sich nun sicher sein kann, dass ihn Trump und seine Bande ernst nehmen. Zwar ist McMullin der Erste, der zugibt, keine Chance auf die Nachfolge Barack Obamas zu haben. Doch darum ging es ihm von Anfang an nicht.

Evan McMullin, geboren in der Kleinstadt Provo, Utah, aufgewachsen in Seattle, Washington, präsentierte sich von Anfang an als wählbare Alternative für jene Republikaner, die mit dem dumpfen Rechtspopulismus Trumps nichts anfangen können. Wirklich weit ist er damit nicht gekommen. Aber doch immerhin so weit, dass er am 8. November in elf Bundesstaaten am Wahlzettel steht. Was nicht wenige seiner Parteifreunde ärgert, die die Republikanische Partei bereits vor einer Spaltung sehen und lieber die Trump’sche Krot schlucken als ihre Einheitsfront gegen Clinton aufzugeben. McMullin indes weist den Vorwurf des Spaltpilzes heftig zurück: Es genüge, seinen Karriereweg und den des New Yorker Immobilienmagnaten zu vergleichen, um zu wissen, wer der bessere Republikaner sei.

Tatsächlich ist der Lebenslauf des Kandidaten beeindruckend: McMullin studierte an der Brigham Young Universität Diplomatie und Internationale Beziehungen und später Wirtschaft auf der Universität Pennsylvania, wo er die Wharton Business School absolvierte - dieselbe Schule, die Trump Ende der Sechzigerjahre besuchte. Zwischen 2001 und 2011 arbeitete er für die CIA, die meiste Zeit im sogenannten "Clandestine Service" in geheimer Mission. Nach einem Intermezzo als Investmentbanker bei Goldman Sachs saß er für die Republikaner im Kongress, als einer von dutzenden, in der Regel namenlos bleibenden Rädchen im politischen Betrieb. Jetzt könnte McMullin mit ein bisschen Glück ein Kunststück gelingen, das seit 1968 keiner geschafft hat: als Kandidat, hinter dem keine der großen Parteien steht, einen Bundesstaat gewinnen.

Trump bei Vorwahlen in Utah auf Platz drei

Der Letzte, dem das gelang, hieß George C. Wallace und war ein Demagoge übelster Sorte. Der langjährige Gouverneur von Alabama - ein ehemaliger Demokrat, der für die American Independent Party antrat - hatte gelobt, die bis in die Sechzigerjahre im Süden des Landes vorherrschende Apartheid für alle Ewigkeit aufrechterhalten zu wollen. Die Wähler seines Bundesstaats dankten ihm das ebenso wie die von Georgia, Louisiana, Mississippi und Arkansas. Die Parallelen zu Donald Trump sind offensichtlich. Der entscheidende Unterschied ist, dass eine breite Mehrheit in der Republikanischen Partei keinerlei Probleme mit dem offenen Rassismus, Sexismus und den Lügen Trumps hat, ja den Ex-Reality-TV-Star genau deshalb auf den Schild gehoben hat, weil er "ihre Sprache" spricht.

Doch Utah tickt anders. Bei den parteiinternen Vorwahlen im Frühjahr hätten die Ergebnisse dort kaum deutlicher ausfallen können: Satte 69,2 Prozent waren auf Ted Cruz entfallen. Auf dem zweiten Platz landete mit 16,8 Prozent John Kasich, der moderate Gouverneur von Ohio. Und Trump? Mit knapp 14 Prozent abgeschlagen auf Platz drei. Kleinvieh macht eben auch Mist. Und manchmal Hoffnung.