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Der Ingenieur als Künstler

Von Herbert Hutar

Wirtschaft
Kreativität funktioniert nicht unter Zeitdruck - viele Ideen kommen spontan.
© fotolia

Drei Viertel der Ideen entstehen außerhalb der Firma.


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Graz/Wien. Was hat ein Werk von Picasso mit einer Autokupplung oder mit einem Differenzialgetriebe zu tun? Eigentlich nichts. Oder doch? Das Bildnis "Dora Maar mit Katze" von Pablo Picasso, auf einem Kongress von Entwicklungsstrategen der Autoindustrie auf die Bühne projiziert, sorgt für Verblüffung.

Wolfgang Reik, der den Spagat zwischen hoher Kunst und Ingenieursarbeit wagt, ist nicht etwa ein besonders smarter Betriebsberater auf der Jagd nach Aufträgen, sondern Entwicklungschef des Kupplungsherstellers LuK. Diese wenig bekannte Firma liefert unter anderem weltweit für jedes vierte neue Auto die Kupplung. Ein Sechstel der mehr als 10.000 Beschäftigten arbeitet im Bereich Forschung und Entwicklung. LuK gehört zum Autozulieferimperium der Schaeffler-Gruppe, die durch die Übernahme des Reifenherstellers Conti für Aufsehen sorgte.

Erfinden hat viel mit Kunstzu tun

Wolfgang Reik ist überzeugt: Wahrhaft künstlerische Kreativität ist nötig, soll ein herausragendes Produkt entstehen, das möglicherweise einen völlig neuen Bedarf weckt und das seinem Erzeuger hohen Gewinn in die Kasse spült. Warum kann Picasso ein Vorbild sein? Erstens: Er hat Mut. Zweitens: Das Werk ist etwas, was es noch nicht gab, ist also originell. Und drittens: Der Preis - 95 Millionen Dollar bei einer Versteigerung - hat mit den Herstellungskosten absolut nichts mehr zu tun, weder mit dem Materialaufwand, noch mit der Arbeitszeit. "Picasso wird nicht nach Stundensätzen bezahlt", sorgt Reik für Heiterkeit beim Auditorium in der Helmut-List-Halle in Graz, wo es bei AVL List um die Elektrifizierung des Antriebsstranges geht.

So verblüffend die Verbindung von Kunst und Kupplung erscheinen mag, neu ist sie nicht. Wolfgang Reik ruft als Zeugen einen Maschinenbauprofessor aus dem 19. Jahrhundert auf: den gebürtigen Österreicher Ferdinand Jakob Redtenbacher, der an der Technischen Hochschule in Karlsruhe die wissenschaftliche Mathematik in die bis dahin eher auf Versuch und Erfahrung beruhende Ingenieursarbeit einführte. Jedoch: "Das Erfinden und Machen des Technikers beruht nicht bloß auf Wissenschaft und Handwerk, sondern gerade auf Geistestätigkeiten, die künstlerisch genannt werden müssen", so Professor Redtenbacher in seinem Hauptwerk über Mechanik und Maschinenbau.

Worin besteht nun diese Kreativität? "Es sind parallele Gedanken, die sich plötzlich verbinden", definiert Wolfgang Reik, "man verknüpft, was eigentlich nichts miteinander zu tun hat." Die Entwicklung des Handys in den letzten 20 Jahren, vom tragbaren Telefon bis zum Smartphone, das sei ein Feuerwerk an Innovationen gewesen, meint er.

Wodurch und wie entstehen solche Geistesblitze? Reik greift auf eine Untersuchung des Fraunhofer-Institutes zurück: Drei Viertel aller Ideen entstehen demnach außerhalb der Firma, in der Freizeit, in der Natur beim Wandern, zu Hause, beim Fernsehen oder beim Hobby, beim Sport oder auf Reisen. Nur ein Viertel entsteht in der Firma. Viele Ideen kommen bei langweiligen Meetings, nur 4 Prozent am Arbeitsplatz selbst.

"Fast alle Ideen entstehen dann, wenn man vom Tagesgeschäft abschalten kann und andere Gedanken im Kopf vordringen", so der Schluss, den Reik zieht. Wenn die beruflichen Tagesprobleme aus den Gedanken noch nicht ganz verschwunden sind, wenn Gedanken rund um die Freizeit allmählich auftauchen und stärker werden, wenn ein solcher Mix entsteht, dann werden im Kopf Grenzen und Erfahrungen in Frage gestellt, dann kommen jene unerwarteten Verknüpfungen, die zu überraschenden, kreativen Ideen werden.

Übergang zur Kreativität istfließend

"Es ist ein fließender Übergang von einfacher, solider Ingenieursarbeit zur schöpferischen, erfinderischen Kreativität", meint Reik und nennt als Beispiel ein neues Differenzial, das gegenüber herkömmlichen Konstruktionen um drei Viertel weniger Platz braucht, um ein Drittel leichter ist und um zwei Drittel weniger Massenträgheit aufweist.

Kreativität funktioniert nicht durch konkrete Aufgabenstellung oder gar unter Zeitdruck. Und besonders kreativ sind Menschen, die als Querdenker gelten. Querdenken ist nötig, sollen neue Ideen entstehen, aber Querdenker haben es oft nicht leicht in der Firma oder in der Abteilung. Sie zwingen dazu, gewohnte Denkmuster zu verlassen, und das nervt. Es ist Aufgabe des Chefs, solche Menschen aufzuspüren und ihr Potenzial zu nützen. Reik: "Die Menschen lieben Querdenker. Sie müssen nur seit 50 Jahren tot sein."

Reik bringt so manche Firmenkultur, oder besser Unkultur, mit einem Zitat des Physiknobelpreisträgers Arno Penzias auf den Punkt: "Ein wirklich lausiges Produkt erkennt man daran, dass es in der Firma keine Feinde hat." Und umgekehrt Albert Einstein: "Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erschien."