Zum Hauptinhalt springen

Der Irak im Fadenkreuz der USA

Von Anne-Beatrice Clasmann

Politik

Bagdad/Teheran/Kairo - Die von seinen Landsleuten bejubelte Rede zur Lage der Nation hat US-Präsident George W. Bush im Nahen Osten viel Kritik eingebracht. Vor allem der Iran und der Irak, die er zusammen mit Nordkorea als "Achse des Bösen" bezeichnet hat, sehen ihre schlimmsten Befürchtung bestätigt. Der Oberste iranische Führer Ayatollah Ali Khamenei nannte Bush am Donnerstag "blutrünstig". Der irakische Vizepräsident Taha Yassin Ramadan sagte, Washington suche offenbar nur einen Vorwand für einen neuen Angriff auf sein Land.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 22 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Für die iranischen Befürworter eines "Tauwetters" im Verhältnis zu Washington kommen die Worte Bushs zwar äußerst ungelegen. Beobachter in Teheran rechnen aber nicht damit, dass die bescheidenen Annäherungsschritte der vergangenen Monate - Besuche von Sportlern aus den USA, Kulturaustausch und politische Gespräche auf mittlerer Hierarchieebene - deshalb wieder rückgängig gemacht werden.

Auch beeilte sich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, die Vorwürfe Bushs gegen Nordkorea und den Iran zu entschärfen. Nur einen Tag nach der Bush-Rede sagte er, die USA könnten sich vorstellen, ihre Beziehungen zu beide Staaten zu verbessern. Dazu müssten diese aber bereit sein, amerikanische Besorgnisse über ihre jeweiligen Rüstungsprogramme und - im Falle des Iran - ihre Unterstützung für den Terrorismus auszuräumen.

An das Regime von Saddam Hussein richtete Rumsfeld kein derartiges Versöhnungsangebot, was in Bagdad auch niemanden wundert. Schon vor Wochen hatte die irakische Führung erklärt, das Volk solle sich auf einen möglichen amerikanischen Angriff vorbereiten. Wie ernst Bagdad die jüngste Bush - Rede nimmt, zeigt das Verhalten von Vize-Ministerpräsident Tarek Aziz, der am Donnerstag einen Russland-Besuch vorzeitig beendet hat und ist aus Moskau nach Bagdad zurückgekehrt ist. Beobachter meinen, die vorzeitige Abreise habe mit einer eilig einberufenen Beratung der irakischen Spitze zu Bushs Vorwürfen zu tun.

Ein zweites Afghanistan?

Dem Irak könnte nämlich das gleiche Schicksal blühen wie Afghanistan: Luftangriffe gepaart mit Unterstützung für die verschiedenen irakischen Oppositionsgruppen mit dem Ziel, Saddam Hussein endgültig loszuwerden und eine neue Regierung einzusetzen. "Sie (die Amerikaner) haben bereits mit den anderen Oppositionsgruppen gesprochen, zum Beispiel mit den Kurden, allerdings in einer Art und Weise, die nicht sehr konkret war", sagte der Präsident des "Hohen Rates für die islamische Revolution im Irak", Mohammed Bakr el Hakim.

Die arabischen Staaten sind gegen einen US-Angriff auf den Irak mit dem Ziel, Saddam Hussein zu stürzen. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, versuchte den irakischen Präsidenten vor einigen Tagen in Bagdad davon zu überzeugen, dass es für ihn besser wäre, die UNO-Waffeninspektoren wieder ins Land zu lassen. Dann hätten die Amerikaner keinen Grund mehr für einen Angriff. Vizepräsident Ramadan antwortete darauf, Bagdad respektiere die wohlmeinenden Ratschläge der arabischen "Brüder", sei aber nicht bereit, die "Spione" wieder ins Land zu lassen.

Zwar rätseln politische Beobachter in Nahost auch nach der Bush-Rede noch darüber, ob das für die nächsten Wochen angekündigte Manöver in Kuwait, an dem auch deutsche ABC-Abwehrkräfte teilnehmen sollen, einen Zusammenhang mit den amerikanischen Drohungen gegen das Nachbarland Irak haben. Einen direkten Effekt dürften die Vorwürfe gegen die "Achse des Bösen" jedoch in der Region haben. Die einstigen Erzfeinde Iran und Irak, die sich inzwischen wieder näher gekommen sind, werden vermutlich enger zusammen rücken.